Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1846)
- Date
- 1846-10-01
- Page
- Seite 314 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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314 Prag, J. Aug. (Schluß.) Wer jenen Berichten trauete, mußte gewiß glauben, daß die Abschaffung des zweiten Festtages und anderer daran sich reihen sollender Reformen, wie sie der dortige Golem-Rabbiner plötzlich projektirte, wo nicht die Zustimmung der ganzen Gemeinde,, doch wenigstens die der Mehrzahl für sich habe. Ein Inserat in der Zeitung des Judenthums und im Orient, hat jedoch später auch der Ferne offenbart, was wir hier, aus Prwatmittheilungen sogleich wußten, daß der Golem nämlich mit seinen Reformprojekten ganz isolirt stehe , und vier Individuen ausgenommen, die ganze Gemeinde gegen ihn sei. Es ist auch ganz natürlich, daß der Blitz der Reform, der beim Rabbiner eingeschlagen, nicht in die Gemeinde drang, da Herr N. ein schlechter Leiter ist. Es ist nun soweit gekommen , daß die Gemeinde gegen seine Reformen Gutachten von allen übrigen Kreisrabbinern eingeholt, und gegen ihn selbst eine Klage bei der Regierung anhängig gemacht. Ich begreife auch gar nicht, was den harmlosen Mann, der seitdem er das Rabbinat angetreten, ruhig und unschuldig im Schlamme des Müssigganges sich walzte, und sich in die religiösen Angelegenheiten seiner Gemeinden nur in so weit gemischt hat, daß er die christlicher: Stotagebühren darin einzuführen sich bestrebte, was ihn nun angewandelt hat, urplötzlich den Duodez- Holdheim in seinem Sprengel zu spielen. O, der arme N.N. l welcher verhängnißvolleUnstern trieb ihn an, aus seinem Verstecke, wo er so glücklich lebte und die Außenwelt sich von seiner Existenz gar nichts, träumen ließ, plötzlich hervorzntreten und zu rufen: anch'io son ref'ormalore. Und wie bescheiden war nicht dieser gute Mann, seine Gelehrsamkeit und sein Talent hat er immer so zu verbergen gewußt, daß keine lebende Seele noch bisher davon eüvas erfuhr, ja er selbst hat davon keine Ahnung. Aus Demuth hat er nie den Versuch gemacht, durch ein literarisches Werk sich einen Ruf in der Gelehrtenwclt zu gründen; auch in seiner Konversation hielt er sich stets zurück, von Altem, was seine Kenntnisse vcrrathen mochte, ja selbst seine Predigten waren schlicht und einfach, wie die Verträge der Großmütter, so äußerst populär, daß man fast den Bildungsgrad, den ein Rabbiner heutigen TagS haben sollte, in ihm zu vermisse:: glaubte. Welche Velksthümlichkeit, welche Naturwüchsigkeit möchten wir sagen, liegt nicht in den Betrachtungen, in die er in seinen Kanzelreden oft sich versenkte. So beklagte er einmal „daß der Mensch keine Brust aus Glas habe, damit mar: jedem ins Herz sehen könnte". Ein anderes Mal sprach er den gewiß sehr sinnigen, die Unsterblichkeit ihm sichernden Gedanken aus: ,,wie sehr der Wurm zu beneiden sei, der in einem Käse lebe, und seine Nahrung mit sich herumtrage, indeß der Mensch solche erst sich suchen müsse", und schloß mit dem alles hinreißenden begeisterten Ausrufe: „o , himmlischer Vater! warum ließest du den Menschen nicht auch in einem Laib Brod geboren werden!" Jedoch das Eine ist mir nicht klar, und scheint der geistreiche Hr. N.N. aus purem Scharfsinn mit sich selbst in Widerspruch gcrathen zu sein; ich meine nämlich, was würde uns die gläserne Brust nützen, wenn in. einem Drodlaib- .herumzukriechen unsere Bestimmung wäre, da die undurchtsichtige Rinde, die zudem noch doppelt den Beschauer so wie den zu Beschaueyden umschließt, jedenfalls das Auge verhindern würde, in das Herz seines Nächsten einen Blick zu werfen. Doch vielleicht hat Hr. N. N. dieses Räthsel bei der diesjährigen Rabbinerversamrnlnng gelöst. Zur Erklärung dieses merkwürdigen Faktums, daß ein Mann, der bisher zun: Orden der Trappisten zu gehören schien, und ein echter Deutscher, immer derTheorie des Schweigens gehuldigt hatte, nun ans.ein Mal dieses bricht, und sein Licht unter den: Scheffel hervorholt, scheint mir folge Anekdote zu dienen. Ein Mädchen, welches das Pulver eben nicht erfunden hatte, wurde von ihrer Mutter, als sie es in eine'Gesellschaft einführte, der Auftrag crtheilt, so oft man eS auch ansprechen sollte, niemals zu antworten um dadurch nicht ihren Ueberfluß an negativer Weisheit zu verrathen. Das Mädchen gehorchte. Mehrere kamen ein Gespräch mit ihr anzuknnpfen, -sie blieb stumm wie ein Fisch. Da sagte Einer: das ist doch, ein albernes Geschöpf. Kaum hatte das Mädchen dies gehört, als sie freudig auf ihre Mutter zugelaufen kam: nun liebe Mutter, sagte sie, darf ich reden, man weiß es ohnehin schon. — Wir gratnliren der R.-V. zu diesem neuen Mitgliede und bitten nur, uns dessen gehalt- und geistvolle Reden und Anträge, in den Protokollen nicht vorzuent-, halten, so wie wir die Journalkorrespondenten ersuchen, von nun an, Nichts den Gemeinden in die Schuhe zu schieben, was blo§ von dem Rabbiner, oder einer kleinen Fraktion auSgeht. St. Nieolau (Liptauer Komitat), 26. August. Es giebt in der Kultur- und Eutwickelnngsgeschichte der einzelnen israel. Gemeinden so manche Momente, welche mehr als alles'Andere dazu geeignet erscheinen, dem unbefangenen Beobachter die Verhältnisse derselben ins rechte Licht zu setzen, daß ich, indem ich über die Verhältnisse der hiesigen israel. Gemeinde zu berichte:: gedenke, gerade eben einen solchen Moment wähle, welcher meinen Mittheilungen zum festen Anhaltspunkte dienen kann. Und ein solcher bedeutungsvoller Moment ist mir auch die am 5. dieses hier stattgefundene Einweihungsfeier unsrer neuerbauten Synagoge. — Der Charakter und das Bezeichnende eines Volkes ward schon so oft behauptet und dargestellt, rnanifestirt sich am deutlichste:: in seinen Festen. — Und ich füge