Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 40 (1.10.1846)
- Date
- 1846-10-01
- Page
- Seite 313 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2360092-2360418-2360459--5615-3532588- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
zur Erlangung nützlicherKenntniß. anzueifern und 'ihnen Sinn für höhere geistige Bedürfnisse beizuvringen, daher ihm auch das Verdienst gebührt, .in der Jaroslawer Judengemeinde eine nahmhaftej,Anzadl intelligenter- Familien ' herangebildet -zu haben. . . . ■ Ganz - besondere/ Sorgfalt verwendete Auspitz.'auf die | Ausbildung des jungen Nierenstein, des Sohnes seines Prinzipals , der auchmit kindlicher Liebe - seinem: Freunde und Lehrer anhing und durchs Leben hindurch sich nicht mehr von ihm trennen wollte, so daß als er lHerr Mendel Nierenstein) im Jahre 1819 .das..obgedachte Banquierhaus -in Brody gründete, Auspitz ihm dahin folgen und'inder Leitung großartiger in den.Weltkommerz eingreifender Geschäfte, ihm zur Seite stehen mußte. In Brody lebte nun Auspitz durch 28 Jahre mit ganzer Seele dem Dienste seines-Freundes, und Chefsverwaltete dessen Kassa--Geschäft mit größter Machtvollkommenheit und leitete, da er mit derihm eigentümlichen Lernfähigkeit auch mit dem Geiste der englischen und -italienischen--Sprache aufs Innigste vertrauet wurde ,, mir eilrer in der Handelswelt-Bewunderung erregenden Thä'tigkeit, die ausgedehnte Korrespondenz des- -Hauses. — Dabei pflegte Auspitz sowohl die schöne als politische Literatur sämmtlicher ihm .bekannten Sprachen, unterhielt einen ungemein interessanten und belehrenden Briefwechsel .mit-zahlreichen Freunden und Verehrern, und verlebte die Stunden der Erholung in bessern Familienkreisen, wo er vertraueter Freund, Rathgeber und Erzieher war, wo seine liebenswürdige Persönlichkeit, sein Heller klarer Verstand, seine gediegene Erfahrung ihm Liebe, Achtung und Verehrung in hohem Maaße erwarben. Mit vielem Rechte können wir unserm Auspitz das Verdienst vindiciren-, in Brody der Gründer einer öffentlichen Meinung gewesen zu sein, und nichts Erhebenderes in der der That gab . es zu sehen, als wie an Sabbat- und jüdischen Feierragen,..wo er vom Komptoir- Dienste frei war, lernbegierige junge Leute zahlreich sich in seine Behausung drängten,-wo in heitern.Gesprächen, die wichtigsten Begebenheiten des Tages, die neuen Erscheinungen in dev Literatur und ganz besonders die Interessen des Judenthums auf's Geistreichste besprochen und ventilirt wurden. Eifriger Freund seines Volkes, trat Auspitz auch häufig in öffentlichen Blättern, immer anonym, für dasselbe in die Schranken, so unlängst mit einem sehr geistreichen Aufsatz „über Tierquälerei" als humoristische Paralelle zur Judenquälerei; auch schrieb er in diesem Interesse viele gehaltreiche Aufsätze für französische Blätter, und wir ersahen aus einem Schreiben, das. ihm unlängst die Redaktion der „Ar-ch. Israe- Hte fran^ais“ zuschickte, wie sehr auch jenseits des Rheines die Verdienste unseres wackern Freundes hochgeachtet wurden. Ein vieljähriges Siechthum war leider daran Schuld, daß. die großen und seltenen Talente dieses Mannes nicht auf größere literarische Produktionen verwendet werden konnten, indessen wissen wir, daß er eine sehr wohlgelungene Ue- Versetzung der theologischen Schriften Thomas Payne's aus dem .Englischen mit sehr wichtigen Noten ausgearbeitet, welche sowohl als viele andere seiner Aufsätze politischen, kommerziellen und socialen Inhaltes der Veröffentlichung durch den Druck wohl würdig gewesen wären, wenn nicht die große Bescheidenheit des seltenen Mannes ihn — wie es heißt -r veranlaßt hätte, sämmtliche Manuskripte vor seinem Tode zu vernichten. - So war das Leben und Wirken unseres Auspitz innig verwebt, mit der Kulturgeschichte Brodys, ja man möchte sagen Galiziens, indem er theils durch das lebendige Wort, theils durch seinen freundlichen Briefwechsel, wie es Göthe dem wahren Patrioten nachsagt, eifrig bemüht war, „schädliche Vorurtheile zu bekämpfen., den Geist seines Volkes aufzuklaren, dessen Geschmack und dessen Gefühl und Denkweise zu veredeln!" — Wir können nicht umhin, des merkwürdigen, von jedem Krämergeist weit ertfernten freundschaftlichen Verhältnisses, das zwischen ihm .und feinem würdigen Chef Herrn Mendel Nierenstein Statt hatte, mir einigen Worten zu erwähnen. Nie wollte Auspitz einen fixen Gehalt beziehen) dagegen ward es ihm, der ein sehr komfortables Leben führte, arme Verwandte und in Noth gerathene Freunde reichlich unterstützte, frei gestellt, seine sämmtlichen Bedürfnisse, ohne Einschränkung aus der Kasse seines Freundes zu beziehen, was auch in den letzten Jahren seines Lebens, wo schwere Krankheiten ihn meistens vom Komtoir-Dienste fern hielten und er alljährlich kostspielige Erholungs - und' Badereisen unternahm, ihm unbenommen blieb. — Auspitz, tifa unverheiratet starb, hinterläßt keine Nachkommen, aber würdige seinen Namen tragende Verwandte, zahlreiche' Freunde und Verehrer, einen gesegneten Namen und gute Erinnerungen! — Leider mußte dieser Todesfall den traurigen Beweis liefern, wie wenig die G e m e ind e Le mb erg s, trotz des neuen Kultus und der Schulen, wahrer und achter Humanität empfänglich sei; denn um den Freunden Auspitzens — der nie ein Vermögen besessen und arm gestorben — eine bedeutende Guldsumme abzupressen, wozu sie um so weniger sich berbeilaffen wollten, als der Verstorbene in seinen letzten Lebensstunden durch ähnliche bereits mehrfach stattgehabten Bedrückungen belehrt, ihnen eingeschärft, wegen seines Begräbnisses ja nicht in unütze Kosten sich zu versetzen, verweigerten Männer, die mit dem Ruhme sich spreitzen, als Träger der Civilisation, als Votks-Reformaroren zu gelten, dem würdigen Auspitz anfangs jedes Begräbniß und begingen, o der Schande! als endlich die wegen Sanitäts-Rücksichten die Behörde sich ins Mittel legte, die unerhörteste Blasphemie an Tugend und Rechtschaffenheit, die Leiche eines Mannes, der zu den Edlen des Volkes gehörte, an der Seite von Verbrechern und Selbstmördern beisetzen zu lassen! So möge denn die Stätte, die so heil'ge Asche ausgenommen, von nun an zum Pantheon für alle ausgezeichnete, großherzige und edle Menschenfreunde werden.