Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1846-10-01 · Heft 40 (1.10.1846) · p. Seite 311

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 40 (1.10.1846)
Date
1846-10-01
Page
Seite 311 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2360092-2360418-2360459--5613-3532586
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

311 sic wohnhaft sind und den'Schutz der Gesetze genicßc». Schon bei ihrer ersten Zerstreuung wurden sic vom Propheten Jeremias (K. 26. V. 7) streng angewiesen, überall das Wohl desjenigen Staates zu befördern, wo die Vorsehung sie zur Aufnahme gelangen läßt, .und mir im Gemeinwohl auch das ihrige zu suche». Auch der Talmud (höret) der Talmud!) lehrt sic, für das Wohl der Regierung zu beten und erklärt ihnen: „Politisches Staatsrccht in jedem Lande ist unverletzliches Recht", daher sind und wolle» die Juden kein Staat im Staate fein, und der chrenwcrthc Berichterstatter der Petttionskommiiuon bei dem gegenwärtigen Landtage hat mit Recht behauptet: die Nationalität der Inden ist untergcgangcn, sic sind Deutsche, sie sind Badener geworden, sie haben dies bewiesen, und in den Bcsrciungskricge» auf dem Schlachtfcldc mit ihrem Blute besiegelt, sie beweisen es täglich noch durch ihre rege Thcilnahnic an dem öffentlichen Lebe», und wenn dieselben, trotz dem, daß sic nicht die gleiche» Rechte genieße» wie ihre christlichen Mitbürger, dennoch aus gleiche Weise ihre Bürgerpflichten erfüllen, so beweisen sic dadurch um so mehr ihre Liebe zu ihrem jetzigen Vaterlande." Nicht um Rnhmredncrei, sondern int aufrichtigen Wunsche, Vornrthcile zu beseitige», fuge ich hier die Bemerkung an, daß dahier mehre gesellige und gemeinnützige Vereine bestehen, in welche» die Jiidcn mit den Christen gleich regen Anthcil nehmen. Der Unterzeichnete und der Jsraclitenvorstchcr sind sogar in den Vorstand des landwirthschaftlichen OrtSvereins gewählt, crstcrer, nebst noch andere» Israeliten, ist auch Mitglied deS landwirthschaftlichen Ccntralvcreins, nimmt Thcil an den BczirkSversaminlungc» und ä» den Schulkonventcn der Geistlichen und Lehrer. Achnlichcs ist mir auch von mehreren Israeliten r» Wange» bekannt, insbesondere von deren würdigem Vorsteher. II. Auch die sittlichen Grundsätze sind gottlob daS Gegcnthcil von denn, dessen der Verfasser jenes Artikels sie beschuldigt. Die Nächstenliebe ist das unbegrenzteste Gebot der israelitischen Religion und als einst ein Heide von dem berühmten Tälmudwcisen Hillcl, der lange vor Christus lebte und Vorsteher der Synhcdrin war, verlangte , ms Judenthnm ausgenommen au werden. und einen kurzen Inbegriff seiner ganzen Lehre forderte, lehrte ihn der Rabbi: „liebe deine» Nächsten, wie dich selbst, und was dir ei »Leid ist, das füge auch keinem Andern zu". Nach 1 B. M. K. 19. V. 5 heißt jeder Mensch unser Bruder; nach 5 B. M. K. 23. V. 8 insbesondere der Edomitcr. So heißt es auch: „liebe den Fremden wie dich selbst". (3 B. M. 19, 34) und „Ihr und der Fremde sind gleich vor Gott" , (iS. M. 15, 16). Wenn aber dies vom Fremden d. i. vom Ausländer gesagt ist, wie vielmehr von Söhnen des einen und dcffelbcn Vaterlandes., Das sind die echten Lehren deS Judenthnms, und man erkundige sich, man befrage christliche Arme, reisende Handwerker, Soldaten, christliche Dienstboten und man wird vernehme», daß sie von der Nächstenliebe, Mildthätigkeit und Humanität der Israeliten viel zu erzählen wissen. III. Wohl cinschend, daß er mit seinem theoretischen Bedenken nicht weit reichen möchte, hat sich der Verfasser noch einiger praktischer Seitenhicbe bedient. Man svflc das Judenthnm au: reinmoralnebe Vorschrnt(»' öes^ränken, fordert er, und übersieht, daß auch daS Christcnthnm kein bloses Moralsystcm ist, sondern auch seine Dogincn und ccrcmonitllen Heilsmittel hat. Wie weit hat cs übrigens der Verfasser selbst in der Moral gebracht? Bis zur Verspottung deS alten Testaments, daS doch auch den Christen heilig ist, bis zur Schmähung MoseS des allbewundcrtcn Weisen und Propheten, biS zur Verunglimpfung der Israeliten aller Zeiten und Orte, bis zur Ablcngnung der erfreulichsten Thatsachcn der Gegenwart, bis zur Aufreizung zwischen Kindern deS einen und desselben Vaterlandes. Selbst ein Zcitniigsartikel ist ihm rur Entstellung gut genug, wenn cs in seinen Kran: taugt, denn der von ihm citirtc Artikel in de» Secblättcr», Nr. 65, spricht ja nicht von de» Rabbinen, sondern nur von einem Rabbiner, und der Verfasser wird doch wissen, daß auch in seiner Kirche nicht lauter Edle und Hochsinnige, Straßer und Kucnzer, die Kanzel innc haben. Der Verfasser ^vill auch wissen, daß auch im Elsaß die Emaneipation die Juden nicht gebessert habe, vcrmnthlich hat er schon von clsässcr Gaunern gehört, und er scheint ein eigenes Talent zu haben, für einen Juden, Alle zu verdaunnen. Ich will ihm aber doch bemerken, daß eben jetzt in Wciscnburg (Niederrhcin) der Israelit Obrist Ccrfbccr wiederholt zum Dcputirtc», und bei den neuen Wahlen der Municipalräthc im oberrheinischen Elsaß neu» Israeliten, worunter auch ein Maire und ein Maire-Adjunkt, und im'iiiedcrrhemuchcn Elsaß zehn Israeliten zu Munieipalräthc» erwählt worden sind. Das wählende Volk aber muß doch 'am Besten wissen, wer |cmcS Zutrauens würdig ist. Auch in Karlsruhe, Mannheim. Stuttgart n. a. O. gibt cs israelitische Ausschußmitglicdcr und Stadtverordnete, in Pflanmloch im Würtcmbcrgischcn ist sogar ein Jude Schultheiß. Unser Gegner ist aber ganz und gar unerschöpflich, er hat sogar Akten bei Bezirksämtern gelesen, und — das Treiben der Juden kennen gelernt. Ich glaube darum doch nicht, daß er ein Rechts- oder sonstiger Gelehrter sei, ich appcllire aber an den Rcchtssinn jedes Unbefangenen, ob Einer, der etwa die Proecssc von vielleicht 5 oder 6, von allen bessern Inden selbst verachtete» Wucherer», kennen gelernt hat, darum ein Recht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.