Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1846)
- Date
- 1846-09-17
- Page
- Seite 299 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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— 299 - der Fall ist, verschiedene Parteien in der Religion. — Wir haben streng orthodoxe, halb orthodoxe, dann einige aufgeklärte und endlich auch hctcrodoxe Niitglieder in der Gemeinde. Diese Verschiedenheit der Denk- und Handlungsweise ist's eben, die jede neue Einrichtung so schwierig dnrchznführen macht und der Realisirung eines jeden wohl- und gntbedachten Planes zu Besserung Hindernd. in den Weg tritt. Ob nicht auch zu den Schwierigkeiten, die in der Verschiedenheit der Anschauung und Auffassung der Idee von Gott und Religion ihren Grund haben, auch die in nnsererGcmeinde herrschenden Untugenden, die aufzuzählen, meine Feder sich sträubt, als Beitrag zu den Hindernissen gezählt werden mögen? überlasse ich zur Beantwortung der Lehrer meinem Gemeinde selbst , da eö ohnehin den Lehrern anderer Gemeinden nicht von Bedeutung sein dürfte. In diesem Zustande — und mit vollem Rechte setze ich daö Epitheton „verwahrlosten" hinzu — befand sich unsere Gemeinde, die in jeder, in kirchlicher, wie in politischerin religiöser, wie in moralischer, Beziehung einer jeden noch so kleine^ Gemeinde Deutschlands zurück war, noch vor 3 und 2 Jahren, bis endlich auch zu unserer Gemeinde eine bessere Einsicht drang und, die Finsterniß verscheuchend, de.S Cbaos zu bilden und zu gestalten anfangend, eö in allen verdunkelteil Geistern zu tagen begann, und seit Kurzem, zum Lobe derselben muß ich es sagen, zur Besserung Erhebliches geschehen. Diese Verbesserung der Verhältniße, namentlich der politischen und moralischen, verdanken wir insonders dem Vorsteher Hrn. Em a n u e l F l e i schrn a n und dess en Schwager Hrn. I a k e b L ö w y , so wie dein gebildeten, für die Wissenschaft und Religion Sinn und Gefühl habenden Hrn. A. D. F l e i sch m an, dreien Mitbürgern unserer Gemeinde, tcvcn unparteiisches, uneigennütziges Streben dahin gerichtet ist, das Wohl sänuntlicher Gemeindeglieder zu befördern, Eintracht und Liebe , Friede und Ruhe in der Gemeinde zu erhalten. So ist eS ihnen durch ihr gemeinsames, uneigennütziges Streben, nach vieleil Ringen urld Kämpfen, Rennen und Laufen, gelungen, den bereits vor 2 Jahren in unserer Gemeinde vakant gewordenen Rabbinerposteu durch d en früher zu Hab er.n (in Böhmen) fuugirenden Rabbiner, Dr. M. Duschak, einen mit den von Seiten der oster. Regierung zur Bekleidung eines Rabbinates nöthigen Eigenschaften und Zeugnissen vollkonnnen ausgerüsteten, den Anforderungen der Jetztzeit genügend entsprechenden Mann, zu besetzen, wodurch der erste Impuls zur Besserung der kirchlichen und religiösen Verhältnisse gegeben wurde. Dr. D usch ak, hat sich, während der kurzen Zeit seiner Anwesenheit Hieselbst, durch seine erbauenden Predigten, die zwar keine philosophische, wohl aber eine moralischreligiöse Tendenz haben, durch feine ungekünstelte und ungeheuchelte Frömmigkeit, durch sein kluges, liebevolles Benehmen im Allgemeinen, wie imBesondern, die Liebe und Zuneigung unserer Gemeinde sämmtlichcr Mitbürger erworben. Sein erstes Augenmerk beim Antritte des Rabbinates war dahin gerichtet, Eintracht und Friede in der Gemeinde selbst, Anstand mtb Andacht im Gotteshause beim Gottesdienste zu erhalten» Und giebt es zwar Einzelne noch, die aus Zügellosigkeit, ans Ignoranz und Arroganz sich der guten Sache »licht füge!» wollen: so muß Ulan doch — da diese Einzelnen ohnehin in der Gemeinde null und nichtig sind —- znm Ruhme der Gemeinde gestehen, daß so gut es mir immer nach altem Ritus betrieben werden kann, unser Gottesdienst einem solchen ähnlich sieht. Von den getroffenen Verbesserungen und Erneuerungen, die man zwar ihrer geringen Anzahl wegen an den Fingern einer Hand, der rechten oder der linken, zu zählen vermag, verdient besonders bemerkt zu werden, die Uebcrtraguug der Trauungen von der Gasse in die Synagoge (ungeachtet des im Jahre 1835 vom stetigen LandeSrabbiner N.Trebitsch gemachten UmlanfSschrcibens, in welchem er dicTrannngen im Innern der Synagoge strengstens ulltersagt) — und wird auch feiten nur eine Trauung vorgenvmmen (es müßte ein sehr armes Brautpärchcn sein —!!), wo nicht vor dieser'Function eine Rede gehalten wird, wodurch der ganze Akt an Würde gewinnt. C'benso verdient Ein Hebung angeführt zu werden, daß das Gebet an jedem Sabbat vor derTora in dieLade, für Se. Maj. den Kaiser und Jhro Maj. die Kaiserin, welches srühcrhin vom Chasan in hebräischer Sprache abgehalten wurde, vom Rabbiner selbst in rein deutscher Sprache, mit Anstand und Würde gesprochen wird. Freilich könnte Vieles ja recht Vieles noch verbessert, verschönert, verfeinert, mit einem Worte reformirt, Manches sogar völlig abgeschafft werden*) urld Zeitge- ’) Um geflissentlichen Mißdeutungen vorzubeugen, sehe ich mich veranlaßt zu bemerken, daß ich unter dem Ausdrucke „abschaffen" nichts anderes meine, als die Verbannung aus dem Goltesbause und den Jsraekitenhäusern der auf nichts basirenden Mißbräuche, wie z. B. das Mizwolversteigern, durch dessen Abschaffung manches Unanständige) das den Gottesdienst entheiliget, vermieden werden könnte; das Kapparot- Umschlagen am Vorabende des Versöhnungsfesies, gegen welchen Narren-Brauch schon der Tur (Or. Chajim Kap. 605 §. 1) Raschba und Ram kam (i b Ul) mit Eifer protestircu, und selbst der Krakauer Rigorist nur in sofern den Brauch beibehalten wissen will, daß man die Kappara selbst, oder doch den vollen Werth dafür einem armen Manne geben soll der Zweck soll nach ihm das Mittel heiligen —; nicht aber wie cs bei gar Vielen der Fall ist, daß sie sich die Kapara recht gut schmecken lassen, des Armen aber nicht gedenken; ferner den Mißbrauch des Haman - Klopfens am Purimfeste, und dgl. m. Mit Bedauern muß ich bei Gelegenheit bemerken, daß es leider! in unserer Gemeinde der Fall ist, daß man Observanzen, selbst solche, die sich nicht einmal einer Stütze (nTDEDN) irgend einesSchriftverses erfreuen, und ihres hohen Alters wegen sich ein Ansehen verschafft und fanktionirt worden sind, hoch, himmelhoch hält, hingegen über die wichtigsten Gebote, über die nämlich, welche das Berhältniß zu den Räch-