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Der Orient · 1846-09-03 · 36 (3.9.1846) · p. Spalte 571-572

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Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
36 (3.9.1846)
Date
1846-09-03
Page
Spalte 571-572 (sequence 6)
Language
German
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Kritiken. Versuche eines Scheintodtm. Des Juden Leier. Mir schien es jüngst im Traume, Zch war' im Vaterland, Bei jenem heil'gen Raume, Wo Gottes Tempel stand. Und kaum begann die Klage Ob dem was nicht geschehn, War, wie vom Zauberschlage, Auch alles neu zu sehn. Von Bergen rings umgeben Sah ich die Stadt, so schön! Darin so reges Leben Und Siegesfahnen wehn. Ich sah die heil'gen Hallen — Des weisen Königs Werk — Und viele Pilger wallen Zu Gottes Tempelherg. Und nah und immer näher Erscholt die heh're Lust, Und hoch und immer höher Hob stolz sich meine Brust. , Und helle Harfenklänge Ertönten meinem Ohr, Und herrsche Gesänge Sang der Leviten Chor. Da fühlt' ich mich gezogen, Hin von der Töne Macht; : Strömt' mit den Menschenwogen Ein in. des Tempels Pracht. Als ich, wonach mein Sehnen, In Wirklichkeit erschaut, Ward, wie mit Riesentönen, Die Stimme in mir laut: > „Nicht unterdrücke länger, „Was dir im Busen quillt; „Auch du^ du bist ein Sänger,, „Den heil'ge Gluth erfüllt." Und ich ergriff die Leier, Folgt' meines Herzens Drang; 'Erglüht von innerm Feuer, Strömt mächtig mein Gesang. Ich sang Die höchsten Lieder: Von Gottes Herrlichkeit- Daß alle Menschen Brüder, Von Lo>d, Unsterblichkeit. Und würdig der Gesänge, Von heil'ger Gluth entbrannt, Entlockte hohe Klänge Der Harfe meine Hand. Doch weh! wie ward so plötzlich Mir meine Lust gestört! Die Landschaft, so ergötzlich, Im Nu war sie verheert! Die Stadt war flugs umgeben Von Funden überall, Verschüttet schon die Gräben, Erstürmet schon, der Wall! Und in dev Stadt, da wüthen Der Fcknde. mancherlei; Des Hasses Giftesblüthen, Des Ad-erwitz's Geschrei; Die Noth, den Muth ertödtend, Der Zwietracht Speis' nur reicht, Verrath, der leis austretend, Im Finstern lauernd schleicht. Wie sich auch muthig schlaget Mein Volk in heißer Schlacht, Kein Morgen ihm mehr taget, . Kein Licht erhellt die Nacht! Mein Stern ist hingesunken! Hin ist mein Vaterlandf Der Feind wirft Siegestrunken In Gottes Haus den Brand. Und durch die öden Trümmer Der Mond, das Schrecken zieht, Und M dem Schmerzgewimmer Verstummt mein hohes Lied. Nicht rauschen mehr die Töne, So jubelnd und so voll, Und eine schwere Lhräne Aus meinem Auge quoll. Und mild und immer milder, Erscholl der Harfe Laut, Und immer trübre Bilder . . Mein Auge hat geschaut. Was nicht hat aufgerieben Der Würger blut'ge Hand, Das wird nun weggetrieben. Weg aus dem Vaterland! Weg von dem heil'gen Boden, So theuer und so werth! Ja, selig sind die Todten, Sie ruh'n in heim'scher Erd'. Sie sinb im Kampf gefallen! Im Kampf ums höchste Gut. O, wie nach schwerem Wallen, So sanft, so gut sich's ruht! Doch nicht so wohl wirds Jenen, Die's Leben fest noch hält; Sie. sind dem Spott, dem Höhnen Der Feinde blos gestellt. Sie stehen da zum Ziele Für jedes Ungemach : Drum tönt zum Saitenspiele Nun mein Gesang so schwach. Ich sah mein Volk zerstreuet, Wohin der Blick nur reicht, . Dem Unglück stets geweihet, Kein Leid dem mein'gen gleicht') Wo Glurh der Sonne sengt, Und wo ihr Strahl kaum scheint, Da stehr mein Volk bedrängt, Da steht mein Volk und weint, Es steht auf hoher Klippe, Und srnst're Nacht umher, Umgeben von Gestrippe, Am Fuße braust das Meer. Es thüvmet sich die Welle, Die Wolken schaurig ziehn, . Und wivd's zuweilen Helle, So ist's der Blitze Sprüh'n. ') Klage!. Jerem. 3-, 12.

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