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Der Orient · 1846-09-03 · 36 (3.9.1846) · p. Spalte 567-568

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Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
36 (3.9.1846)
Date
1846-09-03
Page
Spalte 567-568 (sequence 4)
Language
German
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570 Studien. Zur Geschichte der ungarischen Juden. 569 andere Herausgeber sich derselben als Norm bedienen könnten. Herr Benjakob hat sich ein großes Verdienst um Asülai und die Literaturgeschichte durch seine Arbeit erworben und sie harrt blos des Zauberklanges des Goldes, um aus dem Pulte des Bearbeiters in die Oeffentlichkeit zu treten. Lasset dem Volke den zweiten Festtag und bestrebt euch dafür den früher herrschend gewesenen Sinn für die Literatur zu heben. Lausende jüdischer Bücher haben der Unterstützung Einzelner ihr Dasein zu danken; man wußte fast nichts von den alleinseligmachenden Reformtheorien, die langbärtigen Rabbiner förderten und unterstützten aber die Literatur und die Literaten, oder Bachurim, wenn Ihr sie. so nennen wollet, die Bachurim verschwinden, die Rabbiner gehen unter, die Unterstützung mangelt — wodurch hat unsere Zeit den kräftigen Sinn, die Unterstützung und die Förderung der alten minutiösen Juden ersetzt? Die Antwort dürste wohl ausbleiben! Ad. Iellinek. Nothwendige Hinzufügungert zu dem im Kalender und Jahrbuche für Israeliten auf das Jahr 1847 befindlichen Aufsatze ,,Die Schicksale und Bestrebungen der Juden in Ungcmr, seit dem elften Jahrhundert bis. auf unsere Zeit. Von LeopoldLö w, Oberrabbiner zu ,, Großkanischa " von M. Zipfer- Rabbiner in Stuhlweißenburg. Geschichte eines Volkes schreiben^ insofern dieses nicht blos unsere Neugierde stillen, sondern eine Schule der Belehrungffein soll, heißt nicht blos diejenigen Ereignisse desselben aufzeichnen, die ohne eigenes Mitwirken nur durch fremde Elemente herbeigeführt, oder durch die Laune einer höhern Machtgewalr, so wie das Schilf durch die'Macht des Windes, heute so und morgen anders gestaltet werden. Nach dieser Art könnten wir mit eben demselben'Rechte eine Geschichte der Lhiere schreiben, insofern diese eine vergoldete Kutsche nur Ein Mal des. Jahres zu führen oder ein schweres Joch tagtäglich zu schleppen haben, , ob sie mit Futter und Nahrung reichlich versorgt, oder nach gethaner Arbeit zur Ruhe gepeitscht werden. Allein Geschichte der Menschen, die mit freiem Willen und mit freier Macht ihr Schicksal selbst gestalten zu können begabt sind, muß mehr die Gestaltung und Entwickelung des aus ihrem eignem Bewußtsein hervorgegangenen Mechanismus darstellen. Wohl können äußere Verhältnisse Vieles, ja sehr Vieles daztt beitragen, wie diese innere Gestaltung und Entwickelung von Statten gehen soll und gar oft tritt der Fall ein, wo wir, um den Schlüssel zur Charakterbildung eines Volkes aufzusuchen, die darauf influirenden Nebenumstände am. meisten za befragen haben. Jndeß muß immer der Charakter eines Volkes, , so dieses noch eines solchen Namens zu würdigen und seine selbstständige Individualität zu bewahren weiß, befragt werden, und darf sich nie von der Macht der äußern Umstände so weit überwältigen lassen, daß die Geschichte gänzlich eine Beute derselben wird. Nie können und dürfen wir daher die Menschen, und wären sie durch die Macht des Schicksals noch so sehr niedergebeugt und jeder Selbstständigkeit beraubt, in der Beschreibung ihrer geschichtlichen Bestrebungen, etwa wie weiland die Römer ihre Sklaven, sie blos als eine Res betrachten, wovon man nichts mehr zu erzählen hat, als was man damit und daraus machen kann , .oder was schon daraus gemacht worden. Soll es mit der Geschichte der Juden, in welcher Provinz und aus welcher Zeitperiode immer, anders beschaffen sein? Gewiß nicht. Gehen, wir aber den in unserer Aufschrift angegebenen Aufsatz des Herrn Löw mit kritischem Auge durch, so stellt sich uns dieser Mangel der richtigen Auffassung von den Bestrebungen unfern Volkes von selbst dar. So trefflich und mit Benutzung aller Quellen geschickt ausgearbeitet diese Abhandlung auch ist, so sehr sich auch der Verfasser seiner Aufgabe bewußt zu sein scheint, und diese auch mit Forschergeist oft zu lösen weiß, so beschränkt sich nichts destoweniger alles dort Gesagte, mir Ausnahme der ganz letzten Periode, blos auf die Gesetze und Verordnungen, die dieser oder jener ungarische König, im Geiste des damaligen finstern Zeitalters eingejocht oder im Dienste des Eigennutzes handelnd — von einer wahren humanen Gesetzgebung kann da natürlich nicht die Rede sein —- über das arme Volk der Juden, daß sich vor noch größern Verfolgungen in seine Mitte rettete, verhängte. Ob, und wie viel die Juden selbst zur Herbeibringung dieser Gesetze beigetragen, welchen Einfluß diese Gesetze auf die Gestaltung ihrer innern Verhältnisse gehabt, überhaupt wie ihr damaliger religiöser und sozialer Zustand beschaffen gewesen, und welche Wohlthätigkeitsanstalten es in ihrer Mitte gegeben, davon wird uns nur wenig mitgetheilt, und doch ist es gerade dieser Punkt, der das meiste Interesse siir uns hat und.der nicht wie ein dürrer Stab im großen Garten der menschlichen Ereignisse dastehen, sondern neue Schößlinge in der Jetztzeit und iü der Zukunft ansetzen würde. — Noch mehr aber müssen wir den gänzlichen Mangel von dem Zustande der jüdischen Verhältnisse unter türkischer Herrschaft darin bedauern. Ungarn, vorzüglich dessen Hauptstadt Ofen, die eine der ansehnlichsten jüdischen Gemeinden in seiner Mitte hatte, wurde 145 Jahre lang von den Bekennern desJslüms beherrscht. Nun aber sagt der Verfasser selbst Seite. 87- „Wie die türkischungarische Negierung durch anderthalb Jahrhunderte (1541—• 1686) mit ihren jüdischen Unterthcmen verfuhr, vermögen wir nicht anzugeben, da wir nur äußerst spärliche Nachrichten aus diesem Zeiträume besitzen." Hiermit geht uns abermals ein wichtiger Gesichtspunkt von dem Schicksale und den Bestrebungen der ungarischen Juden verloren, worauf wir gerade und mit Recht unser Hauptaugenmerk gesetzt. Erstens, wie gesagt, war damals die jüdische Gemeinde zu Ofen die wichtigste, vielleicht auch die älteste. Gemeinde in

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