Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1846)
- Date
- 1846-09-03
- Page
- Seite 281 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Lande schon einmal so weit getrieben worden, daß die Negierung 'die Koncessionen der handeltreibenden Juden stets nur auf ein J.ahr gültig ausfertigen, ließ und die jedesmalige Prolongation von einem Zeugnisse des Rabbiners abhängig machte, wornach Inhaber die Synagoge ordentlich besucht und nach Maßgabe der von dem neuen Nabbiner eingeführten Agende seine Gebete verrichtet habe?-— Es ist wahrlich nicht schwer, aus solchen Fakten zu entnehmen, w a s dierabbinischen Konzilien eigentlich erstreben, und man braucht nach dem offenkundig Vorliegenden und Zugestandenen nicht erst noch das Erscheinen der bekanntlich gar sehr sorgfältig „ redigirten " Protokolle abzuwarten, um einzusehen , daß 'man es nicht dahin kommen lassen darf, daß die einzelnen Fäden uns als fertiges Netz über das Haupt geworfen werden, wo dann freilich jeder Zweifel schwinden aber auch die Klage zu spät kommen würde. Laut genug reden die öffentlich vernommenen, noch in keiner „Redaktionskommission" zugerichteten, lebendigen Worte, noch lauter aber mahnen die offenbar auf gemeingefährliche hierarchische Plane hinweisenden Thatsachen: „Caveant Consules!“ Han. Ztg. Frankfurt a M. 21. Aug. Es ist auch von unfern „Gemäßigtem" eine Protestation gegen die Beschlüsse der dritten R.-V. erfolgt; freilich eine mit Glacehandschuhen geschriebene und in zierlichen Halbstiefeln einherstolzierende Protestation, aber es ist doch eine erfolgt und auch sie beweist, wie tief dieses hochmüthige, pfäfsische Kollegium gesunken! Hier erfolgt der gemäßigte Protest! Frankfurt ä. M., 19.. August. Folgende zweite Protestation gegen die Beschlüsse der dritten Rabbinerversamlung circulirt in der hiesigen israelitischen Gemeinde: „Es ist allgemein anerkannt, daß die neuern Zeitverhältniffe.und die fortgeschrittene Intelligenz der deutschen Israeliten eine durchgreifende Reform des religiösen Bekenntnisses unabweislich fordern, deren Nothwendigkeit nicht nur von den Gemeinden überall, sondern größrentheils auch von den Rabbinern und Predigern öffentlich ausgesprochen worden ist. Diese Reform ist um 'so dringlicher, als die religiöse Ueberzeugung der intelligenteren Israeliten vielen herkömmlichen und mit dem Leben der Gegenwart völlig unverträglichen Vorschriften und Gebräuchen entschieden entgegentritt. Diese Ueberzeugung verwirft namentlich alle rabbinische Sazzung und Kasuistik, alle Werkheiligkeit und insbesondere die jetzige Verbindlichkeit irgend welcher älteren religiösen Vorschriften und Formen , die mit dem bürgerlichen und socialen Leben und den Pflichten der Israeliten als Menschen und Staatsangehörigen in Widerstreit treten können; sie fordert vielmehr, daß die echten Religionsquellen dem Geiste nach aufgefaßt und zur Aufrechthaltung eines reinen, von erstorbenen Vorstellungen und leeren Formen freien, das sittliche Leben kräftigenden Bekenntnisses angewendet werden. In diesem Sinne hoffte man den Glauben mit dem Leben in vollständigen Einklang gebracht zu sehen. Unter diesen günstigen Bewegungen erstand das Institut der Rabbinerversammlung., Mit lebhafter Theilnahme folgten wir dem Gange dieser neuen Erscheinung welche die Aussicht öffnete, daß wissenschaftliche Rabbiner, den Standpunkt der heutigen Intelligenz würdigend, die Bahn zu den dringend geforderten Reformen ebenen würden. Die Verhandlungen der beiden ersten in Braunschweig und Frankfurt gehaltenen Versammlungen schienen auch die Hoffnung zu bestärken, daß die Rabbiner mit dem intelligenteren Lheil der Gemeinden Hand in Hand gehen und die Reformen, wenn auch mit manchen durch ihre Stellung gebotenen Rücksichten ins Leben rufen wollen. Unsere Erwartung ist aber nicht in Erfüllung gegangen; die dritte Rabbinerversammlung hat vielmehr in ihren Beschlüssen über d-m Sabbat gezeigt, daß sie im starren Festhalten an dem tobten Buchstaben und dem herkömmlichen Formglauben die Ueberzeugung des Geistes und die Forderungen des Lebens unbeachtet lassen und das Gewissen des Einzelnen bei unschuldigen Handlungen mit Bedenklichkeiten belasten wolle» Wir finden daher in den Beschlüssen der diesjährigen Rabbinerversammlung keineswegs die Vertretung der Gegenwart, vielmehr nur die Berücksichtigung der Bedürfnisse und Lebensansichten einer verblichenen längst überwundenen Zeit: wir finden, daß diese Rabbinerversamlung ihre Mission in einem ganz andern Sinne aufgefaßt hat, als die früheren Verhandlungen anzudeuten schienen. So fühlen wir uns denn gedrungen, ja sogar zur Steuer der Wahrheit verpflichtet, öffentlich auszusprechen, daß wir gegen die dießjährigen Beschlüsse, so wie gegen alle Folgerungen, die daraus auf den Stand der allgemeinen Bildung, auf unser inniges Anschließen an deutsches Volk und deutsche Sitte gezogen werden könnten, protestiren. Wir erklären insbesondere, daß die Beschlüsse, welche rabbinische Kasuistik und Werkheiligkeit wieder ins Leben rufen oder gar Scheidewände zwischen religiösen Gebräuchen und bürgerlichem Leben ziehen könnten, unserer reiligiöftn Ueberzeugung widerstreben, daß wir sie in keiner Hinsicht als den Ausdruck unserer.Gesinnung gelten lassen, daß wir vielmehr dieselben mit aller Entschiedenheit abweisen und, der öffentlichen Meinung gegenüber, uns dagegen aufs Feierlichste verwahren. Frankfurt a. M., 22. Aug. Herr Leopold Stein halben Unterzeichnern der,,Verwahrung" gegen die Rabbinerversammlung im Namen der letzter.» den Fehdehandschuh hingeworsen; aber er hat kein ritterliches Schwert gezogen, sondern er kämpft mit dm gar' sehr verrufenen Waffen des Jesuitismns, die weder Schneide noch Spitze mehr haben. Um baS „Audiatur et altera pars“ zu befolgen, übersende ich Ihnen hierbei den ganzen langen Aufsatz des Herrn Stein. Derselbe lautet wie folgt: I