Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1846)
- Date
- 1846-09-03
- Page
- Seite 280 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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280 notorische Dinge sobald' sie geleugnet werden, von Rechtswegen Beweise beigebracht werden muffen, so ist es allerdings billig, daß die Presse, welche die „Verwahrung" verbreitet hat, auch die verlangten Beweise — wenigstens soweit es der Raum einer Zeitung gestattet, — vor die Augen des richtenden Publikums liefere. Es ist vorerst ganz natürlich, daß von Seiten der auf dem Umwege der Kabale zur Priesterherrschaft ringenden. Rabbiner Alles geschieht, um solche ebensowenig beliebte als zeitgemäße Tendenzen möglichst zu verschleiern und unter den bescheidensten Redensarten zu verhüllen. Wie hätte jene mächtige Hierarchie, als ihr noch nicht das ehrfurchtgebietende Alter zur Seite stand, je Wurzel zu fassen vermocht , wäre ihr Oberhaupt nicht so klug gewesen, sich als „Servus Senorum“ zu geriren? Es ist daher, will man anders der Wahrheit auf den Grund kommen und sich noch zu g eh orig er Z eit wahren, nöthig, das Auftreten, die Schritte und die Handlungen der Rabbiner zu beobachten ^und darnach, nicht aber nach deren Worten, sich ein Urtheil zu bilden. Wir heben hier unter vielen einige Lhatsachen aus und geben den redlichen Freunden der alten Glaubensfreiheit im Iudenthum ernstlich zu bedenken, ob etwa die Verwahrung zu früh gekommen. Wie, sollte es ganz absichtslos geschehen sein, daß 1) die Rabbinerversammlung, gegen den Antrag Heß' und (später) Frankel's, alle nicht im Rabbiner- oder Predigeramte stehende jüdische Gelehrte u. Theologen statutenmäßig von ihren Berathungen ausschloß? ja, daß sie sogar 2) den sehr verdienstvollen Prediger Hellwitz in Soest bloß aus dem Grunde ausschloß, weil er kein — bezahlter Prediger ist, sondern, ein wohlhabender und uneigennütziger Mann, seiner Gemeinde das Wort Gottes unentgeltlich verkündet/ — so daß selbst Moses und Jesaias, erständen sie aus ihren Gräbern, keinen Sitz in der Rabbinerversammlung.erlangen könnten, und ebensowenig Maimnni und Mendelssohn!? Erregte es nicht eure Aufmerksamkeit, daß 3) die Rabbiner allenthalben die jüdische Glaubensprüfung Ln eine christlich aussehen sollende „Konfirmation" umzuwandeln und solche sofort darin als ihr alleiniges „geistliches" Recht, den Lehrern abzunehmen strebten und für sich als Privilegium vindicirten? Hat nicht 4) Hr. Rabbiner Stein sich^ geweigert, der herzerhebenden Einweihung des hiesigen neuen Schulhauses beizuwohnen, aus dem erklärten Grunde, weil ihm'v ertragsmäßig die Einwirkung auf das Schulwesen nicht zustehe und er nicht bei der Feierlichkeit „ als Rabbiner ", einsegnend und einweihend, erscheinen sollte? Deutet etwa 5) der Antrag des Präsidenten der ersten Rabbinerversammlung auf Einführung eines jüdischen Kirchenrechts, oder 6) der Beschluß, wo möglich eine „jüdische Fakultät", so eine Art von Rabbinerseminar, ins Leben zu rufen, auf etwas Anderes hin? Kann man, wie in der Beilage zum „Franks. Journal" Nr. 223 geschehen, es wagen, zu leugnen, daß auch nur „ein Scheingrund zu solchen Anklagen" vorliege, nachdem 7) die Breslauer Rabbinerversammlung das in den urbansten Ausdrücken abgefaßte, . überall Hochachtung! und Ergebenheit athmende Schreiben der Berliner Reform gmoffenschaft, als einen förmlichen „Absagebrief", unbeantwortet ließ, blos weil die .Genossenschaft darin selbstständig als G e m e in d e der Versammlunggegenüber aufgetreten u.sich gegen mögliche hierarchische Bestrebungen Seitens der letztern — übrigens in der höflichsten Form verwahrte? Und brauchte man etwa, wie obiger Korrespondent des „Franks. Journals" verlangt-, nach solchem Vorgänge auch noch das Erscheinen der Protokolle das „h o f f e n t l i ch baldige" abzuwarren, um sich gegen solche Uebergriffe zu verwahren, nachdem ja der nämliche G-Korrespondent, ein Mitglied der Rabbinerversammlung, das „Franks. Journal" (wie dieses selbst zu seiner Verwahrung ausdrücklich bemerkte) mit seinen Berichten über die dritte Rabbinerversammlung von Breslau aus versehen hatte? Sagte nicht 8) der „Israelit" in Bezug auf das Zerwürfniß der Trierer Gemeinde mit ihrem Rabbiner Kahn, ein Rabbiner stehe „über der Gemeinde," habe sich sonach ihren Wünschen nicht zu fügen rc.? Es wäre auch kein Scheingrund vorhanden, Männern hierarchische Anmaßung zuzuschreiben, deren Wortführer 9) von dem Schreiben der Berliner Reformgenoffenschaft gesagt hat, dasselbe verdiene, „gelind gesagt," keine Antwort? Gelind gesagt! Und was würden Sie denn, streng gesagt, vernehmen lassen? Freilich lautete zuletzt der Beschluß, man habe keine Zeit, Antwort zu geben; aber das beweist nur, wenn man die vorhergehende Debatte daneben hält,,daß eben die Herren Rabbiner Worte reden, die mit ihren anderweitig nicht minder kundgegebenen Gedanken nicht übereinstimmen. — Die Rabbiner versichern freilich fortwährend, sie seien fern von dem Wunsche nach geistlicher Herrschaft; aber gleichwohl hat 10) Rabbiner S üsk in d in Wiesbaden sich geweigert, Herrn S. B. Goldschmidt aus Mainz zu kopuliren, weil dieser Ehrenmann, der kein Spiel mit einem feierlichen Versprechen treiben wollte, sich weigerte, das Gelöbniß abzulegen, „daß er seine Kinder als fromme Israeliten erziehen wolle"—, was Rabb. Süskind früher nie zu verlangen pflegte, wie sich denn'auch nie ein alter Rabbiner es hat beikommen lassen. An was sonst als an gefährliche Priesterbestrebungen soll man denn 11) bei dem öffentlichen Vorschläge des Rabbiner Herzfeld denken, es solle dm Rabbinern die Machtvollkommenheit eingeräumt werden, die Ehe zwischen Verwandten zweiten Grades mittelst Dispense zu gestatten, oder 12) bei dem ditto des Rabbiner Stein, das Schreiben in den Gymnasien am Sabbat von rabbin. Dispens abhängig zu machen, oder 13) bei dem bifto des Rabbiner S. Adler, die ehemalige levitische Auslösung der jüdischen Erstgeborenen den Ra.bbinern zu übertragen? Sollte es etwa Niemand merken, wie 14) bei allem rabbinischnn Neformiren überall diejenigen obsolet gewordenen Gebräuche mit sanfter Schonung behandelt, ja, mit neuem Pomp umgeben werden, bei welchen der Rabbiner irgend eine „geistliche Funktion" zu verrichten hat? Und haben wir vergessen, daß es 15) in einem deutschen