Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1846)
- Date
- 1846-08-27
- Page
- Seite 275 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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275 fordert wird, sondern auch Lebensgefahr verhindern soll. Es sind dies: B e sch n eid u n g und frühe Beerdigung. lieber erstere bin ich mit den Vorschlägen der Aerzte und denen der konservativen wie der radikalen Rabbiner nicht einverstanden, halte die Peria mit der Scheere (beweglichen Posthetom) von Dr. Terquem und dem Instrumente von Dr. Bergson für wenigstens unpraktisch, wenn nicht gar gefährlich, und erblicke in der Meziza nichts Nachtheiligcs, vielmehr viel Vortheilhaftes und Heilsames. Ein Urtheil glaube ich aber hierüber mir-aneignen zu-dürfen, nicht nur, weil ich die Brochuren und Aufsätze über die Beschneidung gelesen, nicht'nurweil ich die betreffenden Stellen in Talmud und Posekim genau dvrchgenommen habe; sondern auch, weil ich im Vorzüge Vieler, die sogar darüber geschrieben, selber praktischer Mohel bin. Doch könnte angeordnet werden, wer Mohel sein, und wie lange er solche Operationen vornehmen dürfte; denn einerseits sollte nicht jeder unwissende und rohe Mensch bloß seiner Dreistigkeit und Gefühllosigkeit wegen zugelassen werden, andrerseits nicht alte, an Leib und Seele zitternde Männer Beschneidungm noch vornehmen dürfen. — Ganz anders verhält es sich mit der frühen Beerdigung, über welche zwar alle Gebildete schon längst einig, die Rabbiner jedoch ruhig zusehen, wie die Aezte 36 Stunden nach der Annahme des erfolgten Todes ein Artest ausstellen, und den Tobten bestatten lassen. Durch einen -Aufsatz des Rabbiners Herrn Fasset in diesen Blättern ward ich selber so sehr ergriffen und so tief bewegt, daß ich mir fest vorgenommen nach Kräften diesem Uebel zu steuern. Wie aber die von den Leidtragenden vorgeschützte, lange Trauer abgekürzt werden -könnte, möge der Verein berathen und beschließen. Ich komme endlich zur Verbesserung des Gottesdienstes, welche im vorigen Artikel, wie auch in diesem, zuletzt ausgestellt ist, nicht weil die Nothwendigkeit deselben mir weniger einleuchtet, auch nicht, weil unser Gottesdienst vielleicht unverbesserlich oder unabänderlich ist; sondern weil der Friede der Gemeinden in meinen Augen mehr gilt als alle Reformen. Noch steht der größte Theil fast jeglicher Gemeinde bei der Sorglosigkeit von Außen und der Gesetzlosigkeit von Innen auf der Stufe, daß die geringste Reform ein Waffengeklirr hervorbringt, das in ganzen Ländern gehört / und ein Feuer anfacht, das hundert Meilen weit gesehen wird. Darum muß Solches der Zeit überlassen bleiben, welche das Volk selbst zur Verbesserung des Gottesdienstes umftimmen wird, und dem Heranwachsenden in Religion besser unterrichtetem Geschlechte, welches mehr Begeisterung für Hebung des Iudenthums, mehr Empfänglichkeit für Fortschritt und mehr ästhetisches Gefühl für einen feierlichen, würdevollen Gottesdienst besitzen wird. Besser Friede bei den alten Gassenliedern als Zank mit Chor und Musik, besser Hoschanot-Abschlagen als gegenseitiges Schlagen und besser hundert Stücke Pkutim und Selichot in der Synagoge als ein einziger Injurien- oder gar Fiskal-Prozeß beim Stadtgericht. Doch mögen über diese Angelegenheit Andere Vorschläge machen, Rath geben und Hülfe zeigen, ich will mich in der Theorie keines Weges widersetzen,'mich aber auch nicht anheischig machen, irgend eine Reform praktisch inmeine Gemeinden einzusühren. Viele Rabbiner werden über diesen Punkt gleich mir -denken, und die Selbstbeherrschung des Nichtsthuns wenigstens in dieser Hinsicht sich anzueignen suchen, wenn a u ch W e n i g e d e n M u t h haben werden, dies offen auszusprechen. Märkisch Friedland, d. 19. August 1846. Dr. Fr än kel, Rabbiner. Das Streben nach religiösen Reformen in unserer Zeit, mit Beziehung ans Das Judenthum *). Ist es unbestreitbar ein höchst kühnes Wagestück über Religion überhaupt zu sprechen, so möchte es aber unbezweifelt das Gewagteste aller Unternehmungen sein, eine faßliche, klare und verständliche Idee, nur im Entferntesten selbst, zu geben von dem, was in gegenwärtiger Zeit über Reformen überhaupt, vornämlich aber in Religionssachen, Alles vorgetragen worden. Doch da Forschen überhaupt nun und insbesondere über das Wichtigste im Menschenleben, über Religion, dem Menschen gleichsam zur zweiten Natur, so zu sagen, geworden, so ist unerläßlich Jedem Pflicht, daher doch nach Wahrheit zu forschen, und hier im bezüglichen Falle um so mehr, je mehr eben auf Veränderungen im bisher Bestehenden (was doch Reform ist), gedrungen werde. — Es geht aber doch unbeweisbar nun dadurch von selbst hervor, daß sich nothwendig die wesentliche Frage aufdringen müsse: Wo solle und müsse denn die Veränderung, die Reform in der Religion statt haben? ob entweder im Wesentlichen, oder nur im Nebensächlichen derselben? — Durch Erledigung nun aber dieser Hauptfrage sehe man doch eben so unwiderlegbar ein, würde sich von selbst jeder Streit leichter aufheben lassen, der Ueberblick lichter werden, und ein rechter Gesichtspunkt zur Beurtheilung des Ganzen eher zu gewinnen-sein. Nun besteht aber nicht-eigentlich das Wesen der Religion, namentlich derjenigen der Israeliten, welche ja allbekannt allen Religionen der gebildeten Völker zum Grunde Liege, Ln den so bezeichneten Zehngeboten, sondern es findet sich dies in einer, den Zehn-Geboten vorhergehenden Stelle. *) Auch als Betrachtungen über die Bemerkungen zu der Schrift des Pfarrers G. A. Wislicenus: „Ob Schrift?" „Ob Geist"? von A. S. Neuenhaus, Domprediger zu Halle, mit Berücksichtigung auf die Kritik des Hrn. Schwarz in der Hall. Allg. Liter. Zeitung.