Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1846)
- Date
- 1846-08-20
- Page
- Seite 262 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 262 - zu sein, gewandt und beharrlich, dahin, jene Ideen selbst in ihrer Entwickelung zu hemmen, sie in der Praxis wirkungslos zu wachen,- und Vernunft und Aufklärung ebenso durch leeres Gaukelspiel zu ersetzen, wie einst die, deren Nachfolger zu sein die neuen Rabbiner sich gerühmt, Religion und Gottesfurcht — freilich ohne böswillige Absichten — mit gehaltlosen äußerlichen Uebungen vermischten und theilweise verdrängten. Es ist an der Zeit, daß wir es laut und unzweideutig aussprechen, daß wir es Verkünder: unsern Glanbensbrüdcrn Ln allen Gegenden der Erde, daß wir uns verwahren im Angesichte unserer Mitbürger anderer Konfession, daß wir es znrusen unsern Kindern und Enkeln: Nein , nein, jene Männer sind nicht unsere Vertreter, ihre Worte nicht der AuS,druck unsrer Gesinnungen! wir stehen nicht isolirt da in der Mitte des großen Ganzen, abgeschlossen von dem lebendigen Fortschreiten unsres Jahrhunderts! auch wir fühlen uns ergriffen von dem mächtigen Strome, dessen kühne, heilige Wellen alle Welt rings um uns her cmporheben und an das glückliche Ufer einer geläutertem^ und würdigem Gotteserkenntniß hintragen. Nein, es sind nicht die Gemeinden, denerl die rück'schreitende Tendenz der Rabbiner zur Last fällt , es sind nicht etwa tief und lebenskräftig in allen Klassen des Volkes wurzelnde Vorurteile, welche der Einführung zeitgemäßer Reformen entgegenstehen, sondern es sind vielmehr die Rabbiner, welche ihrerseits den gesunden Silur des Volkes durch eitle Redensarten zu berücken unb den sich allenthalben regenden bessern Geist, at§ ihren hierarchischen Absichten hinderlich, im Keime zu ersticken suchen! Nein, wir leben schon längst nicht mehr in bm Zeiten, wo kleinliche Fragen über kaum erwähnenswerthe Einzelheiten bei Beobachtung irgend einer Ritualübung mit abergläubischer Aengstlichkeit vor den Rabbi gebracht wurden, um von ihm mit spitzfindigem Scharfsinne verhandelt und orakelmäßig entschieden zu werden! Feierlich, protcstiren wir gegen Bestrebungen, welche, die schönen Namen der Religion, des Fortschritts und der A u fktärung zum Deckmantel misbrauchend, der gedankenlosen Werkheiligkeit und dem altes religiöse Gefühl erlistenden, wortklanbenden Bttchstabendienste die langst verlorene Macht wiedererobern der schnödesten Heuchelei Thor und Thüre offnen möchten. Wir bleiben thcitnahmlos bei. den Verhandlungen einer Versammlung, die in ihrer indifferenten Prinziplostgkcit jede Frage, wodurch auch nur mittelbar ein Grundsatz ausgesprochen, .jede,, wodurch dem Geiste einer erleuchteten Zeit ein Genüge geschehen, jede endlich, wobei auch nur ein kleiner Stein des Anstoßes aus der praktischen Lebensbahn des in unb mit der Welt lebenden Israeliten hinweggeräumt werden soll, ängstlich vermeidet und ihre pomphaft augekündigte Aufgabe gelöst gu Haber: vermeint , wenn sie einen längst veralteten, das Herz nicht mehr erhebenden Kultus mit neuem Flitter umgibt. Wir stehen nicht auf gleicher Stufe mit einer Versammlung, welche den Ruhetag, der den seiner Bernfsgeschäfte entledigten Menschen dem Menschen gesellig nähern, ihn durch Erhebung seines Geistes und seines Herzens zum Menschen im edlem Sinne machen soll, wenn sie diesen zur festlichen Vereinigung der durch Beschäftigung und Verhältnisse die Woche hindurch getrennten Brüder bestimmten Sabbat als eine separatistische Scheidewand bezeichnen, unerbittlich zwischen Brüdern und Brüdern aufgerichtet, als ein scharfes Schwert, welches grausam die Bande zwischen Bürger und Bürger zerschneidet, als eine tiefe Kluft, über welche der Nachbar dem Nachbarn vergeblich die Arme eu tg egen streckt. Wir erwarten nichts mehr von Männern, die es sich zum Geschäfte gemacht, über Dinge abzuhandeln und förmliche Beschlüsse zu fassen, welche so sehr weit hinter uns liegen, daß es bei den meisten unter uns eben dieser Verhandlungen und Beschlüsse bedurfte, um sie ihnen nur wieder mit allen ihren Einzelheiten ins Gedächtniß zurückzurufen! Wir sagen uns los von einer Synode, welche, an sich formell, unberufen, erst durch treue Erfüllung dessen, was sie verheißen und was man von ihr erwartet hat, eine wirkliche Mission erworben und' nur in ihren Ergebnissen einen Stützpunkt und eine Bürgschaft für künftiges Bestehen erlangen sollte, die aber, sobald sie mit dem Bewußtsein der Gemeinden in so grellen Widerspruch gerathen, jedes Bodens ermangelt, auf dem sie fußen, jeder Sonderung entbehrt, auf die sie sich berufen könnte. Wir erklären feierlich, daß wir auf die Beschlüsse und die sonstige Wirksamkeit der Rabbinerversammlung und ihrer Mitglieder keinerlei Rücksicht nehmen, daß wir uns weder ihren Aussprüchen irgend an sch ließen, noch nach ihr, ihrem Geiste und ihren Tendenzen beurtheilt sein wollen; daß wir dagegen in der deutschen Gesittung und der fortgeschritte::en Wissenschaft unter dem Beistände des Allerhöchsten auch zur intellektuellen, religiöse!: und sittlichen Erhebung unsrer deutschen Glaubensgenossen die würdigsten und sichersten Mittel zu finden hoffen. Frankfurt a. M., im August 1846". (Folgen die Unterschriften.) * Frankfurt a. Mt., 3. Aug. Bereits in der Beilage zum Franks. Journal vom 15. Juli wurde hier der Gesetzvorschlag in Betreff der jüdischen Ehen folgendes mitgetheilt, das ich mir auch Ihren Lesern mitzutheilen erlaube: „In der gesetzgebenden Versammlung vom 24. Juni kau: die .Senats-Rückäußerung vom 23. Juni 1846, den Art. 3 des Gesetzes vom 1. Septbr. 1824 wegen der Ehcn hiesiger Israeliten mit Fremden betr., zum Vortrag. In näherer Anwendung seiner Ansichten ist der Senat des Dafürhaltens, daß versuchsweise während der nächsten 10Jahre. 1) eine Aufnahme von solchen Israeliten beiderlei Ge-