Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 33 (13.8.1846)
- Date
- 1846-08-13
- Page
- Seite 259 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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259 und denen die Theologen nicht einmal dazu berechtigt erscheinen. Wer sollte auch dergleichen Maßregeln folgen? Die Emen sind schon vorangeeilt, und in der Ueberschreitung der Gesetze auf sich selbst gestützt, dünken sie sich mit Recht besser, als die Theologen, welche sie mit Unrecht durch die Schrift rechtfertigen wollen; diejenigen aber, welche im Gesetze leben, sind noch lange nicht so stumpf und unwissend, daß sie sich als Unmündige behandeln ließen, und auf die Dekrete diktatorischer Theologen hin, ihr Gewissen gegen ihr besseres Wissen beschwichtigten. : Wenn nun aber eine ehrliche Theologen - Versammlung auf eine solche Ausgleichung nicht eingehen, und überhaupt nicht als dem Ruin des jüdischen Lebens in die Hände arbeiten wird: so hat sie im Gegentheil dahin zu streben, daß nicht mehr erlaubt werde, als was an sich oder nach den gegenwärtiges Umständen vom Gesetze wirklich erlaubt ist; daß mit den fremdartigen Elementen, die Aberglauben rc. in die Religion hineingebrachr, nicht auch wirklich Religiöses entfernt werde, und daß nur solche Einrichtungen und Modifikationen im Namen der Religion getroffen werden, die nicht gegen Schrift, Tradition oder mir Recht geheiligte Sitte verstoßen; sie hat in unserer vielbewegten Zeit die Grenzen anzugeben, innerhalb welcher die Gemeinden je nach ihren Bedürfnissen sich bewegen mögen und über welche nicht hinausgeschritten werden darf; sie hat durch gemeinsame positive Aussprüche zu verhüten, daß nicht die Christen durch Irrlehren ausschreitender jüd. Theologen vorbreitet, den jüd. Gesetzen mehr und mehr ihre Berücksichtigung versagen und dadurch dem jüd. Schüler, Lehrling oder Burschen, so wie überhaupt den von ihnen abhängigen Juden ihre Stellung zwischen Leben und Gesetze noch mehr erschweren; sie hat im Gegentheil Vereine anzuregen, durch welche man manche Schwierigkeit in Bezug auf Aufnahme jüd. Lehrlinge unter Berücksichtigung' der Sabbate und Feiertage mildern könnte. Es könnten nämlich einerseits manche christliche Meister und Kaufleute durch Vergütung zu einer solchen Concession bewogen werden, und würde vorzüglich durch eine Gesellschaft, die sich die Kenntnißnahme frommer jüd. Meister, Kaufleute re. und vic6 versa jüd. Knaben, die solche suchen und deren gegenseitige Näherung zur Aufgabe machte, die Erhaltung und Heranbildung jüd. Knaben im väterlichen Gesetze erleichtert werden. Wie viel Gutes müßte entstehen, wenn die Mitglieder einer Theologen-Versammlung, einmüthig, jedes in seinem Orte, solche Zwecke durch geeignete Mittel verfolgten! Jede gute Unternehmung will angeregt sein; und wem liegt das Gesagte näher, als dem Theologen? — Aber ein weit größeres Bedürfniß zu einer Theologen- Versammlung liegt in der nothwendigen Erneuerung sehr wichtiger Institute, von denen das Bestehen des Judenthums abhängt, und die in Verfall gerathen sind, ohne daß etwas Besseres, Zeitgemäßes an ihre Stelle getreten ist. Die alten Talmudschulen sind verfallen und wir ermangeln einer Anstalt zur Heranbildung jüd. Theologen. Wir reden hier nicht von einer jüd. Fakultät, sondern von einer Anstatt, in welcher der Knabe nach der Entlassung aus der Elementarschule diejenigen Kenntnisse, welche besonders den jüd. Theologen bilden, Bibel, Talmud, hebr. Grammatik, Geschichte der Israel, re. sich aneignete. Für die allgemeine Bildung wären Anstalten und Gelegenheit genug da. Gewiß ist, daß wenn der gegenwärtige Zustand sortdauert, wir bald bei einem jüd. Theologen : Alles eher finden werden, als talmudische Kenntniß. Ebenso fehlt es an einer Norm und einer Behörde zur unparteiischen Prüfung der Kandidaten, daher oft sehr bedauerliche Mißgriffe geschehen und der Parteilichkeit zum größten Nachtheile für die Religion Thür und Thor offen stehen. Sowie dem Rabbinerwesen, so fehlt auch dem Religionsunterrichte der Jugend eine Norm. Was sind die wissenschaftlichen Forderungen an einen jüd. Religionslehrer? Wo ist die Behörde, die ihn prüft? Was, wie und nach welchen Hülfsmitteln soll er unterrichten? Wie soll man namentlich den stufenweisen Unterricht der Knaben in der heil. Schrift einrichten, daß sie Alles erhalten , was ihnen zu wissen nörhig ist, zugleich aber diejenigen Stellen, deren Verständniß ihrer Sittlichkeit nachtheilig ist, wie dopd Dy drgl. ihnen gar nicht zu Gesichte kommen? Es wäre vielleicht ersprießlich, wenn die Theologen gemeinschaftlich eine Bibel für die Jugend ent-, würfen, die nur das.Nöthige vollständig und buchstäblich enthielte, Anderes nur inhaltlich und wieder Anderes ganz ausschlöffe. Eine andere Frage ist: wie soll die Schule auch praktisch die Jugend zur Ausübung religiöser Zeremonien, wie Gebet und Segenspruch (rpro) wozu es in der Schule Veranlassung giebt, anhalten? Offenbar muß die Halbheit schädlich wirken, wenn in der Schule. etwas als religiös gelehrt, und bei gegebener Veranlaffung die Ausübung desselben unterlassen wird. Dies sind gewiß wichtigere Gegenstände der Verhandlung als die Frage: wie wir die vernachläßigte Praxis durch unsere ohnmächtigen Aussprüche zum Gesetze erheben. Wir heben nur das Rabbinen- und Schulwesen, als die wichtigsten Anstalten heraus, wiewohl es auch nach andern Seiten hin bedeutende Lücken auszufüllen giebt. Aber auch nach außen hin dürste, wie schon Herr Dr. I. A. Frankel in dieser Zeitschrift bemerkt hat, die Wirkung der Theologen-Versammlung nicht unbedeutend sein: indem die Aussprüche einer Versammlung autorisirter Gelehrten gegen die vom Vorurtheile unserer Religion angedichteten Makel viel zur Anerkennung und richtigen Würdigung unserer Religion und somit zur Achtung ihrer Bekenner beitragen kann. Außer diesen erwähnten praktischen Resultaten wäre von der Theologen-Vers. noch ein großer Gewinn für die Religionswissenschaft zu erwarten. Ueber die wichtigsten Religionssragen herrschen jetzt die verschiedensten, schwankenden Begriffe, Verirrungen und Verwirrungen unter den Juden. Was versteht das Judenthum unter Offenbarung, unter Göttlichkeit der heil. Schrift, oder kurz was ist die Grundlage des positiven Judenthums? Was verstehen wir unter Tradition? Welche Geltung hat der Talmud für uns? Wie verhält sich