Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1846)
- Date
- 1846-08-06
- Page
- Seite 250 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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— 250 das verkannte, mißachtete Israel! Denn Sie wissen cs ja (Maleachi 2, 10) ,,Wir Alle haben nur einen Vater, uns Alle hat nur ein Gott geschaffen, warum sollen wir denn gegen einander treulos sein und den Vaterbund verletzen?" Gehen Sie im Namen Gottes und werden Sie glücklich! Erfüllen Sie Ihren heiligen Beruf getreu und der Lehrer und Freund wird in Ihrem Glücke sich glücklich suhlen! Ich bitte Sie m. F., Ihre herzlichen, an mich mündlich gerichteten Worte mir schriftlich zukommen zu lasse!:; ich will sie als thenercs Andenken, als Worte der Liebe eines Christen an einen Juden gerichtet, für alle Tage meines Lebens aufbewahren*). Frankreich. Strastbnrg, im März. (Verspätet.) Wer in der letzten badischen Grenzstadt Kehl die Eisenbahn verläßt, und mit den Straßburger Omnibus nach Frankreichs Gebiete hinüberfahrt, der mag in der Regel die Bemerkungen machen, wie hurtig die Franzosen fahren, stets im Galopp, über die lange Rhcinbrücke, wie über die breite Landstraße; dann wie höflich die Polizeibedienten sind, wie ihr NeZsreurs les passesporls! fast so Hingehend klingt, als wie wenn der freundliche Hausarzt nach dem Puls fragt; und endlich wie bescheiden der französische Douanier ist, wie er zwar Alles durchsucht, aber init größter Schonung der Personen und Sachen, die erstem nicht anherrscht und ängstigt, die letzten: nicht zerdrückt oder zerknüttert. Mir indessen waren diese und ähnliche Bemerkungen nur Nebensache, denn ich hatte auf gedachter Route viel wichtigere, wenigstens für mich wichtige Beobachtungen anzustellen. Man schelte mich meinethalben einen Egoisten oder Partikularsten, ich gehöre nun einmal nicht zu den Weltbeglückern, die so oft Nichtwissen, was in ihrem eigenen Hause vorgeht. Freudig hob sich meineBrust bei dem Gedanken, daß ich nun zum erstenmale einen Boden betreten hatte, aufwelchem der Grundsatz bürgerlicher und politischer Gleichstellung auch für n:eine Glaubensbrüder längst zur Wahrheit geworden ist, und wonnig athmete ich eine Luft, die nicht vom schmählichen Hauche einer Pariaserklärnng gegen pflichttreue Mitbürger und Söhne desselben Vaterlandes ver- 0 Die verehrlschen Leser dieser Blätter werden es schon aus frühern Berichten erfahren haben, daß Hr. Dr. S. sein Fach mit Beifall gelehrt, so daß er ein Belobungsschreiben vom Kollegiums-Inspektor, dem auch in Deutschland gefeierten F. u. Pulszky ff. erhalten habe. Wir wollten hier kemesweges die genugsam bekannte Wirksamkeit des Hrn. Dr. S. herausstreichen, sondern blos die von Personalien abgesehene interessante Beziehung zwischen einem jüdischen Lehrer und seinen christlichen Schülern zeichnen. A.d.E. giftet ist. Um so mehr aber mußte der Gedanke einer vollendeten Emancipatioi: mich erfreuen, als ich kaum vorher eine Folge der in Deutschland noch vorherrschenden Ausnahmsgesetze bitter empfunden hatte. In Kehl vollzog ich nämlich die Trauung eines mir befreundeten Brautpaares aus Mannheim, aber in Kehl sind keine Juden wohnhaft, und so gab cs. gar manche Hindernisse zu überwinden. . Dem: nachdem alten staatlichen Bedingnisser: vollkommen genügt war, traten erst die Schwierigkeiten der christlichen Orts-Geistlichkeit ein. Namentlich war es der evangelische Pfarrer Dorn, welcher durchaus nicht zugab, daß auf seinem Gebiete (?) eine jüdische Trannng statt fände; nachgiebiger war der katholische Geistliche, welcher der Trauung innerhalb seines Sprmgcls kein Hiuderuiß entgegensetzen wollte, sich jedoch dagegei: verwahrte, den Akt .in die Lokalstaudesbücher eiuzutrageu. Die Trauung wurde nun vollzogen, und um sich von den erduldeten Neckereien zu erholen, fuhr man über den nahen Rhein, nach Straßburg, wo der immense Münster mit seiner hehren Spitze zun: friedlichen Himmelsdome chindeutet, daß alle Menschenkinder gleich beschirmt., und an die prachtvolle Synagoge erinnert, die aus einen: ehemaligen Kloster erbauet ist. Bald sahen wir auch Israeliten mit Epantctten, eine für mich ganz neue Erscheinung, und bemerkten andererseits, daß hier die Inden im Patriotismus sich sehr vor ihren christlichen Mitbürger!: anszeichnen, denn während diese, besonders in den niedern Ständen, noch immer meistens deutsch sprechen, gewöhnen sich die Juden nach und nach fast ganz an die französische Sprache, zum Dank dafür, daß Frankreich sie als seine echten Kinder' anerkennt, während ihre Glaubensgenossen in Deutschland noch immer wie Stiefkinder behandelt werden. — Eine eben so erfreuliche Erscheinung war für mich die Thatsache, daß die Emancipativn und ihre glücklichen bürgerlichen Folgen in keiner Weise nachtheilig aus das religiöse Leben unserer Glaubensgenossen influirt haben. Man findet in Straßburg die israelitischen Betstnben und Synagogen gewiß nicht schwächer, ja vielleicht zahlreicher besucht, als in den größten deutschen israel. Gemeinden, und der Sin:: für Wohlthätigkeit ui:d häusliches religiöses Leben ist ziemlich allgemein in fruchtbarer Frische zu finden. Wenn wir diese Bemerkung hauptsächlich für diejenigen unserer deutschen Glaubensgenossen niederschreibcn, welche die Emancipativn mistrauisch ansehen, weil sie als deren Folge Zügellosigkeit in der Religion befürchten, so empfehle!: wir ihnen noch, sich ein Beispiel an der Liebe und Achturlg zu nehmen, welche dort, im Lande der bürgerlichen und politischen Gleichheit, wechselscitig alle Stände und Klassen beseelt. Wo Humanität als Freiheit prangt, darf man mit Recht ans die Güte der Saat schließen. Rabbiner Schott.