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Der Orient · 1846-07-30 · Heft 31 (30.7.1846) · p. Seite 242

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Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 31 (30.7.1846)
Date
1846-07-30
Page
Seite 242 (sequence 11)
Language
German
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242 vorwärts. Hiedurch widerlegt er am besten die von einer gewissen im Dunkeln schleichenden Partei verbreiteten Verdächtigungen,,uyd wird anstatt Zwietracht und Spaltung die Eintracht und Wohlfahrt der Glaubensgenossen unter sich und mit allen Brüdern und Schwestern des geliebten Vaterlandes heilsam fordern. Die Berathungsgegenstände der letzten Generalversammlung waren: I. Armenwesen. II. Oberrathsgelder (Unterstützungsgelder für Handwerker, Künstler und Studirende.) III. Kultus. Hinsichtlich des letzten Gegenstandes hatte eine der ansehnlichsten Gemeinden des Großherzogthums folgende Zuschrift an die Generalversammlung erlassen: - „Der zarteste und mit größter Umsicht behandelt sein wollende Gegenstand, den die Generalversammlung derathen wird, ist wohl der Kultus, das ist, die Gestaltung des öffentlichen Gottesdienstes und anderer öffentlichen Neligionshandlungen, wie Trauungen, Beerdigungen u. a. Bedenkt man, mit welchem Mistrauen jeder hierauf bezügliche Vorschlag einer Aenderung und Verbesserung, von mancher Seite her noch immer betrachtet wird; bedenkt may ferner, wie. der kleinste Fortschritt schon oft zu Unfrieden und Spaltungen innerhalb der Gemeinden geführt hat, so könnte man. leicht zu der Ansicht gelangen, es sei besser nichts zu thun, und Alles gehen zu lassen, wie es eben geht, nur um keine Aufregung zu erzeugen. Allein wenn man auch andererseits'betrachtet, daß das Verlangen nach Verschönerung und Veredlung des Kultus nicht etwa von nur Einzelnen, sondern von einem zahlreichen Lheile der Glaubensgenossen ausgeht; so hat man auch eine Aufregung zu besorgen, eben wenn man Alles gehen Läßt, wie es eben geht. ,Erwägt man ferner, daß jenem Verlangen weder eine feindselige Absicht, noch eine verächtliche Gleichgültigkeit zu Grunde liegen könne, denn in diesem Falle würden die Reform-Verlangenden eher den Gottesdienst ganz fallen lassen: und ergiebt sich also, daß ihr Streben allerdings auf einem innern religiösen Drange beruhe, der sie antreibt , eine Form des Gottesdienstes zu suchen, die fähig ist, sie'wieder in eine lebendige Gemeinschaft mit dem Glauben und mit' der Glaubensgemeinde zu versetzen; so sieht man wohl ein, daß ein solches Streben nicht kalt zurückgestoßen werden dürfe, daß man sich vielmehr dessen zu freuen habe, als eines Merkmals des wieder erwachenden religiösen Geistes, der leider nur allzulange in so vielen Glaubensgenossen entschlummert war, und nur wer einem Schlafsüchrigen den ewigen Schlaf wünscht kann auch dem Glaubenserstarrten das Erwachen zu höherm geistigen Leben zu verwehren wünschen. Auch haben wir jene zuerst erwähnten Entzweiungen darum nicht allzusehr zu fürchten, da wir dem gesunden Sinne der großen Mehrheit in jeder Gemeinde zütrauen dürfen, daß ^er die Oberhand behalten, früher oder später immerhin die rechte Versöhnung finden, und solchen Kultus-Verbesserungen, die sich innerhalb gesetzlicher Schranken bewegen, allgemein eine Anerkennung verschaffen werde. Die Erfahrung ist hier, wie so oft, die beste Lehrmeisterin. 'Vor 40 Jahren noch wurde in England und Frankreich nicht weniger , als in Deutschland, die Predigt oder damals übliche Derascha, in einem und . demselben deutsch - polnischen Jargon vorgetragen, und wer damals behauptet hätte, daß nach 20 Jahren schon überall in der Landessprache, und zwar in ihrer reinsten Form gepredigt werden solle, den hatte man sicherlich als einen Thoren verlacht. Damals aber einem Rabbiner sagen, daß er keinen Bart wachsen lassen, keine polnische Kutre anziehen, sondern ein Ornat tragen solle, welcher demjenigen der christlichen Geistlichen so ähnlich ist; damals einer Gemeinde sagen, daß die polnischen Schnörkel aus den Synagogen-Melodieen Wegfällen, und einem taktmäßigen Choralgesange Platz machen müßten: ebenso damals von Abschaffung des Mizwotverkaufs, von Verlegung der Trauungen aus dem Hofe in das Innere der Synagoge, von einem paarweisen Einhergehen bei Beerdigungen u. dgl. m. zu sprechen; dies Alles wäre nicht nur als Thorheit verlacht, sondern auch, oder vielmehr, als Religionsschändung verfolgt worden. Wie anders ist es jetzt hiemit! Bei der Einführung der erwähnten Neurungen gab es zwar allenthalben Unzufriedene, doch jetzt denkt-fast Niemand mehr daran, daß es einst anders war, oder jetzt noch anders sein könnte. Alles dieses ist eine allgemeine Erfahrung, die wir aber, weil wir doch unter den beiden ersten Punkten, Lokalverhältniffe angeführt haben, durch einige Spezialitäten erweitern wollen. In unserer Synagoge ist seit 10 Jahren die Konfirmation , seit 4 Jahren eine verbesserte Kadischordnung, seit L Jahren allmonatliches Predigen, seit zwei Jahren auch Predigt am Fasten des neunten 2N ‘unter Weglassung vieler niJp, dagegen deutsche Erklärung von zweien oder dreien der bessern Stücke durch den Rabbiner eingeführt; alles dieses ist gegenwärtig mit dem Sinne und dem religiösen Bedürfnisse der Gemeinde so eng verwachsen, daß die Abschaffung desselben gewiß weit mehr Widerstand finden würde als die Einführung gefunden hat. Wie also dasjenige, was vor 40, ja noch vor 20 Jahren und noch später, zurückgestoßen und verketzert worden wäre, jetzt als nützlich und heilsam anerkannt wird; so können wir hoffen, daß noch weitere den religiösen Sinn fördernde Verbesserungen, wenn sie auch in Anfang hie und da noch auf einige Abgeneigtheit stoßen sollten, sich dennoch recht bald die beste Anerkennung erwerben würden. Das wahrhaft Gute hat noch zu allen Zeiten zu kämpfen gehabt, hat sich aber auch zu allen Zeiten den Sieg errungen. Zu dieser Hoffnung berechtigt uns auch vorzüglich das Ereigniß, daß im vorigen Sommer eine zu Mannheim siattgehabte Badi sch e Rabbiner-Versammlung sich für nicht unbedeutende Reformen ausgesprochen hat. Dort waren Männer anwesend, die das allgemeine Zutrauen besitzen, durch

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