Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 30 (23.7.1846)
- Date
- 1846-07-23
- Page
- Spalte 475-476 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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475 476 Studien. Dr. Stern und die Reform im Judenthume. Bei der'Masse von Predigten, mit welchen der Buchhandel, oder die Makulaturhaufen bereichert werden, deren öffentliches Erscheinen so oft bald in der Eitelkeit, bald in .der Spekulation ihren Grund , .verdient die zu beurtheilende Predigt als rühmliche Ausnahme genannt zu werden. Sie tragt unsers Dafürhaltens, die Berechtigung in weitere Kreise verbreitet zu werden, in sich selbst. Doch zuerst eine-kurze Jnhaltsanzeige. Der Verfasser sucht aus Veranlassung des besprochenen Unterthanenwechsels Ps. 37, 3 die Pflichten für seine frühern Lehramtsangehörigen:; , 1) Vertrauen auf Gott kt diesem wichtigen Wechsel, 2) In jedem Lande das Gute zu thun, 3) Jedes Land, in welchem Gott uns eine bleibende Stätte anweiset, als Vaterland anzusehen und zu lieben, 4) Allenthalben die Ehrlichkeit zu pflegen, abzuleiten. Macht man in unserer Zeit der Religion so gerne den Vorwurf, daß sie nicht nur -unfruchtbar sei, sondern dem Leben -6ft' feindlich gegenüber stehe, so weist der Redner hier in meisterhaften Zügen nach, daß die Religion auch bei einem solchen Akte, wie z. 33* .ein Länder- und Unterthanentausch es ist, der ihrem Gebiete so fern zu liegen scheint, dem frommen Gemüthe eine heilige Weihe verleihet. Er vermeidet es aber, sich in unbestimmte allgemeine Phrasen zu verlieren, sondern er giebt bestimmte Lhatsachen an, an welche die Belehrungen angeknüpft werden. Die angegebenen Pflichten sind zwar allgemeiner Natur, der Redner wußte aber in vorliegender Rede auf eine geschickte Weise sie auf den vorliegenden Fall mit Beziehung auf die besondern Verhältnisse anzüpaffen. Verdienen die hierbei entwickelten schönen Gedanken volle 'Anerkennung, ,so ist nicht minder lobenswerth die logische Anordnung, so wie die lebhafte frische Sprache, in welcher ein Gedanke den andern drängt, während Alle mit Gewandtheit da angebracht sind, wo sie hin gehören, und giebt diese Predigt zu der Hoffnung Raum, daß ihr Verfasser eine ehrenvolle Stelle in der Reihe der bessern Kanzelredner einnehmen werde. Man wird uns aber hoffentlich keiner zu großen Strenge anklagen, wenn wir auch auf einige Fehler in dieser Predigt aufmerksam machen, dahin gehören die Anhäufung von Fremdwörtern, wie z. B. Maxime, Humanität, Myriaden, Palladium, und gar die Benutzung des lat. Sprüchworts „ubi bene etc.“ ein Fehler, der so oft von christlichen wie von jüdischen Predigern begangen wird, die sich darin gefallen, durch die Anwendung solcher Worte, deren Sinn oft weit durch entsprechende rein deutsche gegeben werden könnten, ihren gebildeten Styl zu zeigen, manchmal aber auch, um die " Blöße^ der Gedanken zu verbergen. Es ist die Aufgabe des Predigers, im Augenblicke eine religiöse Rührung zu erwecken/ die in nachhaltigen guten Gesinnungen und Handlungen sich bewähren soll, was aber nicht wohl geschehen kann, wenn der Zuhörer — wie, dies auf dem Lande der Fall ist — die Bedeutung der Worte nicht verstehet. Die Persönlichkeit des Predigers, muß ferner bei der Verkündigung des göttlichen Mortes ganz in den Hintergrund treten, und darum müssen wir es auch tadeln,, wenn - W. iri der angezeigten Predigt darauf hinweist, daß Familienbank rc. ihn an das neue Vaterland seiner Zuhörer knüpfen. Diese wenigen Ausstellungen vermögen aber nicht den im Ganzen wohlthuenden Eindruck, den die besprochene Predigt auf uns gemacht, zu verwischen, und wünschen wir vielmehr, daß wir dem Verfasser bald wieder auf diesem Gebiete geistlicher Amtsthätigkeit begegnen möchten. 57. Dr. Stern und die Reform im Judenthume. (Schluß.- In der'Strafpredigt des Levit. wird das Brechen des Bundes Israels Mit Gort als der letzte und eigentlich'veranlassende Grund der verkündeten Strafen angegeben, ohne den diese also nicht eintreten würden.*') Und dennoch, wenn auf solchen Abfall aufrichtige und treue Rückkehr zum Herrn sich der Herzen bemächtigen würde, dann wird seine Gnade sich ihrer wieder in vollem Maaße annehmen, er ihnen wieder Gott und Vater sein wie in der Vorzeit, und des Bundes gedenken, den er geschlossen mit ihnen und ihren Vorfahren, ein Moment, das (außer Deut. 28) wohl nie in einer Strafrede weder des Pentateuch, vergl. Lev. 26, .41. 42, Deut. 4, 29 ff. noch der Propheten fehlt, und freundlich Balsam auf die Wunde gießt, die man selbst mit blutendem Herzen geschlagen. — Werden wir demnach nicht die Lehre, daß Gott die Schuld der Väter heimsucht an den Nachkommen bis ms vierte Geschlecht, allein unter der Bedingung vergleichen müssen (wasEzechiel, K. 18, vergl. K. 33, dem Volke, das die Wege Gottes nicht verstand, wieder zum deutlichen Bewußtsein zu bringen sucht), daß die Kinder trotz Ermahnung und Belehrung (die in Israel nie fehlen sollte und fehlte) an den Sünden der Väter festhalten, sie immer tiefer in ihrer Mitte wurzeln, und endlich den anfänglichen Schaden zu unheilbarem Aussatz werden lassen? Der Gott Israels würde, müssen wir hier wieder sagen, mit **} Wenn dieses in Moses Strafpredigt nur einmal angedeutet wird in den Worten „weil du die Verehrung deines Gottes so ganz außer Augen gesetzt, so trifft dich solches Unglück^, Deut. 28, 58. 59. so liegt dies sehr natürlich in dem Zwecke, 'den -Moses bei seiner letzten Anrede überhaupt vor Augen hatte, die Beobachtung des ganzen Gesetzes dem Volke tief einzuprägen, welchen Zweck er verfehlt hätte, wenn erblos an die gänzliche Abtrünnigkeit die traurigen Folgen geknüpft hatte. Es fehlt aber in Deut, nicht an andern Stellen, die den obigen Satz bestätigen. So heißt es 11, 11. 12 „Hütet euch, daß ihr nicht — fremden Göttern dienet, dam; wird der Zorn des Herrn euch treffen; ebenso 4, 23 ff.