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Der Orient · 1846-07-23 · Heft 30 (23.7.1846) · p. Seite 235

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Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 30 (23.7.1846)
Date
1846-07-23
Page
Seite 235 (sequence 13)
Language
German
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I - 235 - Bedenken,*) über Colonifation der Juden in der Provinz Posen. Die vom Oberrabbiner S a l o m o n E i g e r zu Posen „zuerst aufgefaßte Idee der Colonifation der Juden im Herzogthum Posen" findet sowohl in dieser Provinzals auch wie man hört, außerhalb derselben allgemeinen Beifall und Anerkennung, und dadurch, daß Se. Majestät der König zu verheißen geruht haben „dem sich bildenden Verein, sobald die erforderlichen Mittel vorhanden sein werden, durch Erbpacht! iche Ueberlassung geeigneter disponibler Domaine-Grundstücke wirksame Unterstützung angedeihen zu lassenwird wohl auch die vom C o m i t 6 z ur B e g r ü ndung der Colonifation erbetene Unterstützung nicht Ausbleiben. In dem ergangenen „Aufruf" an sämmtliche Gemeinden des Herzogthums und andern Gemeinden außerhalb desselben heißt es: „Erst als das Fe udalsy ste m festen Fuß in ganz Europa faßte und die Juden zum Feldbau nicht mehr ausgenommen, vielmehr von demselben entfernt wurden, erst als den Juden aus dem Lande der Grundbesitz, in den Städten jeder Zugang zu zünftigen Gewerben versperrt war, it. s. w. da blieb zu ihrem einzigen Erwerbszweig nur der zu j en er r o h e n Z e i t v e r a ch te t e H a ndel übrig und sie ergaben sich demselben und gewannen ihn endlich auch lieb, weil er ihr Dasein fristete und ihnen die Mittel verschaffte zum Schutze ihres Lebens. — Aber Gottlob! alle jene Verhältnisse haben sich durch die Fortschritte der Civilisation durchaus umgestaltet. Fast in allen Ländern läßt man den Juden mehr oder weniger an den Bürgerrechten Theil nehmen, und so erscheint immer fühlbarer das Bedürfniß: den ärmern der Juden von dem verachteten Klem- *) Dieser Aufsatz ist mir von einem die Verhältnisse des Großherzogthums genau kennenden merkwürdiger Weise früher zugesandt worden, bevor ich noch die Berichte über die Colouisation selbst erhalten, wie auch einer jener Berichterstatter selbst weiß, und man kann daher dem Verfasser wahrlich nicht die Sucht zuschreiben, an Mitgetheiltem zu mäkeln. Ich zögerte aber mit dem Abdrucke dieser Bedenken aus zwei Gründen; ich wollte zuerst das Objekt selbst mittheilen, bevor ich die Polemik und das Bedenken darüber zur Oeffentlichkeit bringe, und dann weil ich selbst gegen die Bedenken bin und deren üblen Einfluß auf die Bestrebungen des Colonisations - Vereins fürchtete. Jndeß sind zwei Dinge eingetreten, welche deren Veröffentlichung zum Theil sogar nothwendig machen, nämlich erstens die grenzenlose Schlaffheit in der Betreibung der Sache, was die Leser schon aus den mangelnden Berichten ersehen werden, theils die Rückwirkung auf die Behörden, welche diese Energielosigkeit und Schlaffheit Hervorrust. Ich theile daher diese „Bedenken" als Anregungsmittel mir, und wünsche, daß die Leiter jener Idee, wenn sie Ehrlichkeit und Energie genug haben, die Nichtigkeit dieser Bedenken Nachweisen mögen.^ R. und Trödelhandel — von dem er beim Mangel an ausreichenden Mitteln und Gelegenheit zu andern Erwerbsquellen sein kummervolles Leben erhalten muß — nach und nach abzuziehen, ihn für Arbeit, ordentliche Gewerbe, namentlich für Ackerbau, Viehzucht und ländliche Beschäftigungen zu gewinnen, und zu möglich nützlichen Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft (?) zu erheben. — Es ist nicht zu verkennen, daß der Jugendunterricht und die Erziehung der Juden in hiesiger Provinz sichtbar sorcschreitet, und das Bedürfniß nach allgemein gründlicher wissenschaftlicher Bildung sich immer erfreulicher regt, aber noch älter und ein größeres Bedürfniß als die Wissenschaft, ist — die Feldarbeit." — Die Feldarbeit, für welche nun der nicht sehr bemittelte und ärmere Theil der Juden dieser Provinz gewonnen und herangebildet werden soll, ist allerdings „ein geeignetes Mittel, den Menschen an eine geregelte, nützliche Thätigkeit und an das Bewußtsein der Nähe Gottes zu gewöhnen, und durch Gewöhnen nur die Früchte des eignen Fleißes zu genießen, ihn vor allen üblen Folgen eines unthä'tigen Lebens zu sichern;" wir können jedoch die Frage nicht unterdrücken: Ob dies Erlernen guter und nützlicher Handwerke rc. derer in diesem Aufruf zwar Erwähnung geschieht, welchen jedoch nicht einmal als einen secundärem Gegenstand das Wort geredet wird, ob Handwerke,, deren Erlernung'für den verweichlichtstm Städter naturgemäßer und daher angemessener fein müßte- .nicht noch dem Feldbau, für diejenigen Personen, die für denselben gewonnen werden sollen, vorzuziehen sei? Wir wollen uns nur nicht täuschen! Auf das Alter können wir keinen Anspruch -machen, .es ist, da dessen Streben nur dahin geht, sich mit Gott, dem es bald Rechenschaft abzulegen gedenkt, ausznsöhnen — für jedes leichtere Gewerbe, geschweige für den, Feldbau, für das Spinnrad, den Dreschflegel und für das Düngeraufladen rc. unbrauchbar, ja sogar nicht einmal zu Arbeiten, die es nur dem Namen nach, aber nicht in der Wirklichkeit es sind, kann es benutzt werden. Denn wahrlich ich kann mir kein unglücklicheres Geschöpf denken, als einen alten, Juden, der pflichtmäßig mit der Peitsche in der Hand hinter einer Heerde Horn- oder Kleinvieh treiben, oder eine alte schwache Jüdin, die die Gänse und Hühner mit ihren Küchlein aufm Felde hüten müßte. Etwas Anderes wäre cs allerdings, wenn dieselben aufm Lande ausgewachsen, wenn sie das ländliche Leben von jeher liebgewonnen, und selbst im Alter, noch rüstig und kräftig, sich oder Andern zu nützen und das tägliche Brod, wie angegeben, sich zu verdienen; ferner, wenn so manches hemmende Zermonialgesetz für sie ohne wesentliche, Bedeutung und das Früh- und Abendgebet außer der Synagoge, selbst „im Bewußtsein der Nähe Gottes" genügend und zufriedenstellend wäre. Das Alter hat keine lebhafte Phantasie mehr, um sich an ein idyllisches Leben zu erfreuen, es liebt seine Gewohnheiten, haßt die Veränderung, wenngleich diese ihm auch eine bessere und erfreulichere Zukunft böte, und da die Colonifation nur Zufriedenheit und häusliches Glück zu verbreiten beabsichtigt, so muß

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