Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 29 (16.7.1846)
- Date
- 1846-07-16
- Page
- Spalte 459-460 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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459 Studien. Dr. Stern und die Reform im Judenthume. merk durch die Trinitätslehre die Einheit und Unkörperlichkeit Gottes, die Grundbegriffe des jüdischen Gottesbewußtseins, und setzt auch dem Reiche Gottes ein Reich des Satans und des Bösen gegenüber. So ergiebt sich dann dem Redner etwa folgender Entwickelungsgang der drei Haupcreligionen für die Zukunft: der Islam hat den Beisatz des Fatums von der Allmacht Gottes abzustreifen, und die. Idee der Liebe und Freiheit zu reiner und bewußter Klarheit in sich zu bringen, das Christenthum zur Einheit und Unkörperlichkeit Gottes zurückzukehren, und das. Judenthum, so weit cs dies bisher noch nicht gethan, den ganz geläuterten Begriff von der Allmacht wie von der Liebe und Freiheit Gottes sich zu eigen zu machen; dann, wenn dies geschehen, wird die Entwickelung der Religionen beendet sein, und Alle ohne Unterschied werden auf gleiche Weife und in'Liebe und Eintracht den Einen und Einigen Gott verehren und Eines Namens Herrlichkeit verkünden *). Per Herr gebe, daß bk Zeit einer solchen Messiade nicht mehr gar fern sei und das Heil der wahren Erlösung von Sünde und Irrthum die ganze Menschheit bald erleuchte. Aber sehen wir uns denn diesem erhabenen Ziele unsres Strebens in der That schon so nahe? Wenn wir auch den großen und zahlreichen Theil der Völker außer Augen lassen, die noch in einem Heidenthum befangen sind, das selbst der christlichen Idee viel unzugänglicher ist als die gebildete alte Welt, und zu deren Erziehung für die Gottesidee des Iudenthums Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende erforderlich sein dürften, setzen ww uns auch hierüber hinweg, und fragen nur in Bezug auf die civilisirten Völker, in deren Mitte wir uns bewegen: Ist das Christenthum (wenn'wir auch den Islam bei Seite lassen) in der Mehrzahl seiner Bekenner, ja nur in einer bedeutenden Minorität zur Gottesidee des Iudenthums gelangt? Werden wir nicht bestimmt mit „Nein" antworten müssen, oder wer wollte es wohl in Abrede stellen, daß noch eine unermeßliche Ueberzahl in der-Christenheit streng und fest an den Dogmen ihrer Lehre festhalten? Ja, selbst die Philosophen, welche sie im gemeinen Sinne urgiren, suchen sie doch in höherer Fassung theils zu begründen, theils selbst als unerläßliche, unvergängliche Momente im Gottesbegriff zu erweisen. Andere Koryphäen der modernen Philosophie wollen diese' sogar wieder unter die Botmäßigkeit der christlichen Theologie bringen. Lausen wir, kann man wohl mit vollem Ernste fragen, Lei solchem Stande der Dinge, nicht Gefahr, durch eine völlige Hingebung an den .Geist der Zeit, durch Annahme der Verpflichtung, die uns St. auferlegt, unsre Gebräuche und Formen denen der uns duldenden Staaten zu opfern, endlich, im Rausche des Lebens mit unserer Eigen-' *) So weit St., und selbst unsre kurze und mangelhafte Darstellung in der die vielen einzelnen trefflichen Gedanken und Parthien außer Acht gelassen werden mußten, der Reiz der Sprache ganz wegsiel, hat gewiß unser im Anfang ausgesprochenes Urtheil als berechtigt erscheinen lassen. 46« thümlichkeit auch die uns' beseelende Idee zu vergessen, und wenn das Ende der Tage sie von uns fordern wird, beschämt dazustehen, und sie nicht aus. rmserm Herzen und Geiste, sondern allein aus den alten Codices hervorholen zu können? Wodurch ist aber St. wohl in diesen Irrthum gerathen? Wir müssen gestehen, daß ihn allein die zu strenge Konsequenz, wie dies so häufig der Fall, zum Abstrakten geführt, so daß er in demselben Systeme, das die attmälige Entwickelung so unbedingt postulirt, grade diese aus den Augen verloren. Das Ziel der endlichen Weltvollendnng im Auge habend und nach ihm mit allen Edlen sich sehnend, glaubte er in der Gegenwart schon untrügliche Wahrzeichen ihres nahen Herankommens (wenn auch nicht in der nächsten Zukunft) zu erblicken, und sich deshalb berufen, seinen Glaubensgenossen die Aufgabe zu stellen, mit aller Energie ort der Erzeugung einer Weltreligion zu arbeiten, in der kein Unterschied des Bekenntnisses und der Gottesverehrung die Menschen ferner trenne. Diesem hohen Ziele müssen wir Alle zustreben, ihm das Veraltete opfern und wer wollte dies in unsren Tagen noch läugnen? Aber werden wir da die Sache mit einem Machtspruche abthun? Werden wir uns nicht vielmehr mit der größten Sorgfalt vor Fehlschrktten zu hüten haben, und daher das allein mit Sicherheit aus dem bisherigen Ritus ausscheiden dürfen, was durchaus keinen Halt mehr in unserm Bewußtsein hat, oder was dem scharfen Blick des aufrichtigen Forschers unzweifelhaft bloß als zeitweilige Schranke erscheint? Wenn wir dagegen zugeben müssen, daß ein Ausgeben aller trennenden Gebräuche und Sitten deren der Andersglaubenden zu Liebe nur zu leicht auch ein Aufgeben oder doch eine Verdunkelung der reinen Gottesidee des Iudenthums zur Folge haben wird, so ist es unleugbar, daß wir durch so übereilte Schritte das ' Ziel, das wir beschleunigen wollen, nur noch mehr verrücken, und mit der fremden Lebensweise zugleich dem fremdem Principe uns nähern werden. Form und Wesen, sie stehen in zu inniger Wechselwirkung, als daß jene ohne Gefahr für dieses entfernt werden könnte, und wie das Wesen in der Form erscheint, so wird auch der, welcher den alten Kern nicht tobten will, die, ihm eigenthümliche Form nicht vernichten dürfen. Wir glauben daher, worin gewiß die Mehrzahl unserer die Zeit begreifenden Glaubensbrüder einstimmt, der Forderung allmaliger Erziehung der Menschheit zu ihrem Ziele weit mehr zu entsprechen, wenn wir der gemäßigten, aus dem immer mehr reifenden Bewußtsein ungezwungen sich hervorarbeitenden Reform im Iudenthum das Wort reden, und in ihr allein das verkündete Ziel vorbereitet sehen. Dazu ist aber unbedingt erforderlich, daß man nicht blos (was die Meisten aus -Unkenntniß und Leichtfertigkeit thun) urgirt, sondern durch Belehrung in Schute und Kirche die Iudenheit zu einem positiven Wissen von Judenthum hinleitet, einen gesunden Sinn für und ein richtiges Urtheil über die Religion in ihnen erweckt, so daß endlich in Wahrheit die Stimme des Volkes zu einer Stimme Gottes werde; für solche Saat trägt vielleicht schon die nächste Generation die reife Frucht