Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 29 (16.7.1846)
- Date
- 1846-07-16
- Page
- Spalte 457-458 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8555529-9897631-9897664--4581-3532398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
457 i Studien. Dr. Stern und die Reform im Iudenthum. Dr. Ster,» und die Reform im Ju-enthume. (Fortsetzung.) Die Mangel der jüdischen Gotteserkenntniß findet Stern darin, daß, wie bereits oben angedeutet, die Liebe und Freiheit Gottes nicht in der Reinheit und mit der Schärfe gefaßt seien, wie seine Einheit und Unkörperlichkeit. Er findet nämlich das gemeinsame Religionsbedürsniß des Menschen darin, daß er als Natur und Geist zugleich sich findend, sich in seiner Erkenntnis; stets von den Schranken seiner Endlichkeit, in seinem freien Handeln (Wollen) von seiner eigenen sinnlichen Natur und der äußeren Notwendigkeit, und in seiner Liebe (Fühlen) von der Schlange der Selbstsucht in seinem Inn'ern beengt und geängstigt fühlt, und nun, um nicht an der Einheit seiner zwiefachen Natur zu verzweifeln, leinen Trost in einem Wesen sucht, dem er sich verwandt setzt, und in dem die Erkenntnis' eine unendliche, die Freiheit von jeder äußeren und inneren Schranke frei, und die Liebe die reinste und ungetheilteste sei. Auf die Frage, wie es komme, daß ungeachtet dieses bei allen Menschen aus derselben Quelle fließenden Bedürfnisses dennoch die Religionen so verschieden sich gestalten, antwortet St., daß hier der Bildungsstand der Individuen und Nationen die bestimmenden Momente seien. Diesem gemäß hätten sich die verschiedenen Begriffe von der Gottheit gebildet; je sinnlicher und mit der Natur verwachsener Nationen und Individuen gewesen, umsomehr 458 hätten sie sich an einzelne Naturprodukte und Naturphänomene, die ihnen nützlich oder schädlich waren, (Thiere, Flüsse, Sonne, Mond u. dgl.) gehalten und sich vor ihnen in sklavischer Furcht hingeworfen, wenn dann die Freiheit Gottes nicht blos äußerlich als Macht und Willkür, sondern mit der innern verbunden gefaßt worden, hätten sie der Gottheit außer der Macht auch Lugend, und Sittlichkeit zugeschrieben, und endlich, nachdem dem menschlichen Bewußtsein die Idee der Unendlichkeit aufgegangen, da sie die Gottheit frei von allen endlichen Bestimmungen gesetzt, auf die adäquateste Weise gefaßt worden. Die geschichtliche Entwickelung der Religionen sei demnach (natürlich nur dm allgemeinen Zügen nach) folgende: Zuerst wurden Naturgegenstände verehrt (Indier, Egypter, Perser), dann die Götter als tugendhaftere und glückselige Menschen gefaßt, die aber als solche nicht nur deren Schwächen, sondern sich auch in gure und böse Dämonen theilten (Griechen und Römer), endlich aber ist im Iudenthum Gott als das unendliche Wesen erklärt worden,, das, in seinem Sein, Wissen und Wollen weder durch Zeit noch durch Raum begrenzt, nicht blos mächtig, sondern allmächtig und der Urquell und Schöpfer aller Dinge, nicht blos tugendhafter als der Mensch, sondern heilig d. i. der Sünde unnahbar ist. Wenn nun aber, fährt St. fort, das Iudenthum Gott in so unendlich erhabener Weise als das Heidenthum erkannte, so hat es sich doch bei seinem Auftreten und noch viele Jahrhunderte nachher von dessen getrübter Anschauungsweise nicht ganz loszumachen vermocht, und zwar die Idee der Einheit, Ewigkeit und Unkörperlichkeit mit strengster Energie durchgeführt, aber die Allmacht, Freiheit und Liebe zeitliche Beziehung haben kann (vgl. Ps. 14, 5; 132, 17; Rich. 5, li) und keiner darüber auch in Zweifel ist. Dieser Angriff ist noch um so ungerechter, als in der Lhat das C&* dort gar nicht zu begreifen wäre. Es scheint auch, daß Jbn Ghajüt zwei Erklärungen über das'£12/ dort gegeben, nämlich erstens in der Bedeutung von „dann", also in zeitlicher Beziehung, und endlich als 3. Person Perfekt! eines Verb. ) ]), also eines Zeitwortes denn nur so hätten seine Worte UOD nonn D^:n nun nnyrj pDpNVl einen Sinn. Jbn Bafiam scheint diese beiden vermischt zu haben und führt eine Polemik, ohne beu Gegner zu treffen. Denn das mochte doch wohl Jbn Ghajckt wissen, daß Dt^' als Partikel von keinem Verb, fy abstamme. Auch ich fühlte die Schwierigkeit dieser Stelle in Kohclet 3,!7: nj?"’3 LM, als ich die Concor da nz bearbeitete, und wagte es D&; in jener Stelle als 3, prf. nach der Form Cp zu nehmen. Das Verbum fjJ dazu, nämlich nahm ich in der Bedeutung -schätzen, a b sch ä tz e n, a b w a g e n, t a x iren, wie das Verbum w der Mi sch na auch wirklich bedeutet; dann die metaphorische Bedeutung: den Werth prüssen, erforschen. Der Sinn des Verses dort ist demnach : den Gerechten und den Ungerechten wird Gott richten (DYl^N ÜDW yjsnn nNl pnun ns); denn für jede Angelegenheit kommt eine Zeit, und jede Lhat schätzt er'ab und prüft. Die Konstruktion mit als CVi^y ist sprachrichtig, indem die Abschätzung über etwas gemacht wird (gleichsam examini subjieere). Diese Erklärung mag Abn Ghajat vielleicht im Sinne gehabt haben. nicht in der Reinheit erfaßt, wie sie dem geläuterten Bewußtsein nothwendig an der Gottheit erscheinen. .Denn es heißt in der Schrift zwar: Gott hat in sechs Lagen Himmel und Erde, und alles was darin ist, erschaffen, aber dann hat er am siebenten Lage geruht von der Arbeit, die er vollbracht. Und wenn er einerseits als heilig bezeichnet wird, so werden ihm doch wieder menschliche Schwächen zugeschrieben, da er, obwohl Gerechtigkeit übend, doch ein in Laster versunkenes Volk auserwählt, weil er an ihren Vorfahren Wohlgefallen gehabt; ferner Barmherzigkeit aber auch Rache übt, und die Gnade zwar bis ins tausendste Geschlecht bewahrt, aber auch die Schuld der Väter an den Nachkommen bis zum vierten Geschlecht ahndet. Damit nun dieser Mangel in der Geschichte ausgesüllt werde, thut sie einen Rückschritt des Fortschritts halber. Zwei Ströme fließen vom Iudenthum aus, das Christenthum und der Islam, von denen jener die Mission übernimmt, die Allmacht, und jenes die allwaltende Liebe Gottes in prägnantester Weise auszuprägen. Allein in dem Verhältnisse als sie dies thun, geben sie doch wieder in anderer Beziehung den.reinen Gottesbegriff aus; im Islam wird die Allmacht Gottes bis zum Fatum gesteigert, eine nicht nur heidnische Anschauung, die die Willensfreiheit des Menschen sehr gefährdet, sondern auch die Idee der Freiheit und Liebe Gottes nothwendig trüben muß; das Christenthum verküm-