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Der Orient · 1846-07-16 · 29 (16.7.1846) · p. Spalte 461-462

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Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
29 (16.7.1846)
Date
1846-07-16
Page
Spalte 461-462 (sequence 7)
Language
German
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461 462 Studien. Dr. Stern und die Reform im Judenchume. die jetzt durchaus als unzeitig betrachtet werden muß. Ob dieselbe eine Reform im .Sinne der Genossenschaft zu. Berlin sein werde, müssen-wir der Vorsehung anheimftellen, die uns gewiß, wenn wir nur redlich streben, vor Jrrthum bewahren wird,; aber was dann auch geschehen mag, es wird sicherlich dem klaren Bewußtsein und' wahrer» Begeisterung entsprossen sein, während in der Gegenwart möchte ich sagen, nur ein dunkler Trieb und eine unbestimmte Sehnsucht nach Religion, die Vielen so lange fremd geblieben, auch nur Unvollkommnes und daher gewiß Vorübergehendes' erzeugen können. Ein Moment, das müssen wir gestehen, aber auch nur dieses wird die Genossenschaft im großen Entwicklungsgänge der Reform bilden, das der endlich gefundene richtige Gesichtspunkt mit allen früheren Momenten zu einer wahren Einheit umzugestalten wissen wird. Mit Zuversicht glauben wir an die baldige Verwirklichung einer solchen, jetzt nur noch idellen, Reform, '.in der allein wir das Judenthum wahrhaft seinem Ziele näher gebracht und auch dem letzten Zwecke , eine allgemeine Weltreligion zu erzeugen, zugeführt sehen. Möge der, welcher uns die höchste Weisheit, die Erkenntniß seines heiligen Wesens gelehrt, die edlen Männer, die aufrichtig die Wahrheit wollen, mit Geist und Kraft vor sich ausrüsten, und dadurch uns Alle an seinem Geiste theilnehmen lassen. Gehen wir nun. an die Betrachtung der. Mängel, welche in der Gottesidee der Schrift noch enthalten sein sotten, so findet sich, daß der Vorwurf wohl das Wort aber nicht den Geist derselben trifft. - Denn was ist das unterscheidende, schroff entgegengesetzte Moment in der jüdischen und heidnischen Auffassung von Natur und Geschichte? Dem Heiden ist die Natur Gott, und die einzelnen Kräfte in ihr sind ihm verschiedene Götter; die Sonne, die ihm Wärme und Licht spendet, der Regen, der seine Fluren tränkt i, sie sind wohlthätige Götter, deren Gunst er sich zu erwerben sucht; der Sturm, der seine Länder verheert, der reißende Strom, der seine Felder überfluthet, sie sind furchtbare Gottheiten, deren Zorn er durch Opfer von Menschen und Lhieren versöhnen muß. Aber der Israelit? Ihm.ist die Natur an sich das Eitle und Nichtige, und Gott, der Allwaltende, Mächtige, Weise, Er ist es, der ihm allein in allem, was geschieht, entgegentritt. Er führt die Sonne am Morgen herauf, und am Abend hernieder, und wenn sein Wort geböte, so würde sie auch nicht scheinen, er giebt und versagt Regen und Thau, und tobtet und belebt, und alles Glück und Unglück, es kommt allein von seiner Hand. Welches Bild liegt da, zumal, der Phantasie des Orientalen, naher, als daß er den Lenker aller Dinge gnädig sein lasse, wenn er ihm Glück und Segen verleiht, zürnen, wenn er ihn mit Tod und Verderben heimsucht? Aber darum sind es auch blvs Bilder und Gleichnisse, durch die daASubjekt sich seine Idee anschaulich macht, den objektiven Goitesbegriff aber nicht berühren. „Gott ist Jehova und verändert sich nickst", sagt der Prophet; darum zürnt er nicht bald und ist bald gnädig. Daß Gott ein Eifervoller ist, es kann nichts Andres heißen, als daß seine Gerechtigkeit den Bösen mit der Strafe ebenso erreicht, wie sie dem Guten den -Lohn' seines Thuns gewährt. Wollten wir aber gerade hier 'den Buchstaben festhalten, den Geist der Bibel aber übersehen (während man sonst den Ausspruch Pauli so gern im Munde führt: der Buchstabe tobtet, aber der Geist macht lebendig), in welch'immense, unlösbare Widersprüche verwickeln wir dann die Schrift? Sie, deren Grundwahrheit die Lehre von dem Einen, unkörper-lichen Gott ist, sie redet, mit kindlicher Naivetät möchte ich sagen, die der Feind nicht ahndet, der sie darob züchtigt, von Hand, Fuß, Gesicht Gottes rc., und. wer wollte da nun unter der gewaltigen Hand Gottes etwas Andres, als die strafende Gerechtigkeit, wie unter seinem freundlichen. Blick die Gnade Gottes der Anschauung näher geführt sehen?') Und (um nur ein Beispiel anzuführen) wenn es heißt „Gott hatte Reue und es verdroß ihn in seinem Herzen, daß er den Menschen gemacht", so ist ebenso wie das Herz vom menschlichen Leibe, so die Neue und Betrübniß, blos um die tiefe Verderbniß des Geschlechts stärker hervorzuheben, vom menschlichen Pathos auf Gott übertragen, und es siel gewiß Niemandem ein, sich Gott etwa als weinend und klagend dabei vorzustellen?') So betrachtet widerlegt sich auch der Vorwurf von selbst, daß Gottes Allmacht noch unvollkommen gedacht werde, indem ihm am siebenten Schöpfungstage Ruhe zugeschrieben wird; denn der, von dem es heißt „Er spricht, und es ist, Er befiehlt, und es steht da", schafft alles ohne Mühe und Anstrengung, und es liegt ja' (wie dies schon oft nach gewiesen) in dem nur das Ablassen von neuem Schaffen, und ward der siebente Tag eben deshalb gesegnet, weil an ihm die Welt, vollendet dastand, und nun nach den ewigen ihr vorgeschriebcnen Gesetzen ihren regelmäßigen Laus begann. Gehen wir nun der Vollständigkeit wegen auch auf den Vorwurf'*') ein, daß das Judenthum einen Gott der Rache lehre. In der heiligen Schrift ist der Zorn Gottes immer nur angedroht (ein etwas scharfer Blick wird auch, wo dies nicht scheint, leicht die Wahrheit erkennen), wenn ein gänzlicher Abfall von der Idee des Judenthums, oder in Folge dessen, was unvermeidlich, Ausschweifung und Sittenlosigkeit sich in Israels Mitte Bahn brechen würden. (Beschluß folgt.) ') Wie würden wir vor dem Richterstuhle einer Nachwelt bestehen, die, wenn es möglich wäre, alle Metaphern, Metonymen rc. aus der Sprache entfernt hätte, und nun unsre Rede nach dem Buchstaben und nicht dem Geiste nach beurtbeilte? 'r) Noch schlagender widerlegt das 15. Kap. des Samuel I. diesen Anthropomorphismus, indem dort V. 11 Gott zu Samuel sagt, ich habe Reue rc., Sam. aber V. 23 mit größter Schärft ausspricht: Der Israels Ruhm ist, er lügt nicht und bereut nicht, denn er ist kein Mensch, daß er sich bedenken sollte. "*) Den Stern nicht gemacht hat, ver aber gleichfalls nur dadurch zum Vorschein kommen konnte, daß man sich allein an den Buchstaben hielt.

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