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Der Orient · 1846-07-09 · Heft 28 (9.7.1846) · p. Seite 215

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Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 28 (9.7.1846)
Date
1846-07-09
Page
Seite 215 (sequence 5)
Language
German
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215 mochte noch so groß sein, und machte sie mit der größten Bereitwilligkeit und Freude einem Jeden zugänglich. Sie enthält circa 6000 Druckwerke und mit Auszählung aller einzelnen Bücher Ln den vielen Manuskripten, nahe an 1400 Schriften; er arbeitete daran mit der größten Ausdauer; schon in seinem großen Gedächtnisse war er so bewandert darin, daß er des Nachts sich darin zurecht finden mußte. Seine bedeutenden Kenntnisse im Talmud, sein offener Kopf, sein klarer Verstand und seine Bewandertheit darin, wie überhaupt sein genaues Wissen in sämmtlichen rabbinischen Kenntnissen, wurde von allen Gelehrten, die ihn kannten, bewundert. Seinen fließenden Styl des Hebräischen wußte er mit solcher Leichtigkeit anzuwendeu, daß cs Bewunderung erregte, wozu noch eine sehr schöne, zierliche Handschrift hinzukam. Er hintertäßt auch viele Bücher in anderen Sprachen, viele Hamburgeusien und die meisten auf jüdische Angelegenheiten bezüglichen Schriften. Er liebte die Zurückgezogenheit, da er nur im Familienglück seine Freude suchte. Bei seinem Tode gab sich die Theilnahme von allen Seiten kund,' und ein Jeder sprach es aus, ein Zusammentreffen von so vielen Talenten werde nie wieder kommen! Dieser Vertust ist wahrhaft unersetzlich l Er war herangewachsen, beim Studium des Talmuds, und hatte es durch eigenen, unverdrossenen Fleiß zu solchen weltumfassenden Kenntnissen gebracht. Seine Leiche hatte ein sehr großes Gefolge zu Fuß und zu Wagen. — Berlin, 26. Juni. Die Trauung in der Weise, wie sie in der vergangenen Woche stattgehabt hatte, hat Anktang gefunden, so daß schon am vorigen Sonntag dieser Akt, einige räumliche Veränderungen abgerechnet, ganz in derselben Art wiederum in der Synagoge vollzogen wurde. Es darf demnach die also abgehattene Trauung auch bei den Orthodoxen die Sanktion erhalten haben und somit keiner weiteren Erwähnung mehr bedürfen. Gewonnen ist aber in der Theorie jedenfalls viel. Es ist von Seiten der Orthodoxie diese Neuerung ohne Widerspruch angenommen worden, da Herr O e ttinger dabei mitgewirkt hat; hiermit aber hat diese Partei gleichzeitig zugegeben, daß nicht alles Aeußerliche im Judenthume, wie es eben besteht, min sei, sondern auch eine Veränderung erfahren könne. Dasselbe Zugeständniß machten die Orthodoxen auch in Beziehung auf manche sogenannte Gcbetstücke, wenn sie sich am 3iO 'D einige nup nehmen ließen, ohne über diesen Raub Zeter zu schreien. So wird hier, ohne den Frieden zu stören, nach einer zeitgemäßeren Gestaltung des Gottesdienstes und jeder, im Gotteshaufc vorzuriehrrrenden Feier gestrebt, und wir dürfen der Hoffnung Raum geben, in der neuen Synagoge einen Gottesdienst zu haben, der sämmtliche Parteien zufrieden stellt. — Die Reformer haben in ihrer Generalversammlung Herrn Julius Stern, der bekanntlich längere Zeit in Paris gelebt, zum Leiter ihres Chores gewählt, da der bisherige Dirigent desselben, Herr Heinemann, dem Verlangen der Genossen: zu ihnen ütcrjutrctcn, nicht hat genügen mögen. Ein Prediger ist für die Genossenschaft noch nicht gewählt, da Dr. Frankfurter, der schon znm Prediger designirt war, die Uebernahme dieser Stelle entschieden abgclehnt hat. Ein gewaltiger Strich durch die Rechnung! Am Ende werden die Reformer nun genöthigt sein Jes. 3, 4 an stch erfüllt zu sehen. — Gestern ist von dein Oberpräsidenteu v. Mieding an die Herren DD. . Stern und Breslauer, wie an Herrn Adolph Meyer die Einladung zu einer Konferenz ergangen, um über einige das künftige Judenreglement wie deM Kultus betreffende Punkte mit ihnen zu berathen. — Nächsten Sonnabend und Sonntag soll Herr Kirchenrath Maier bei den Reformern predigen. Frankfurt a. M. , 14. Juni. Bei Gelegenheit der Abstimmung zur Wahl einiger Ersatzmänner für den Ausschuß der hiesigen Judengemeinde haben sich in dieser letzteren zwei Parteien einander gegenübergestellt, die seither nur die Nuancen einer einzigen, nämlich derjenigen waren, welcher die alten gottesdienstlichen Formen nicht mehr genügten, und die dafür unter Leitung des Rabbiners Stein neue einsührten oder auch noch einzuführen wünschten. Diese Trennung ist nicht nur in der Gemeinde durch Manifeste und Gegenmaniseste, sondern dem größeren Publikum durch mehre Zeitungsartikel kundgegeben worden; es möchte also den Lesern Ihres Blattes nicht unwillkommen sein, über die Ursachen derselben Etwas zu erfahren. Als der hiesige jüdische Gememdevorstand, verleitet durch einige schön vorgetragene Synagogenreden, vor etwa zwei Jahren dem Hrn. Stein die Rabbinerfunktion übertragen hatte, sahen Schärferblick'ende sehr bald ein, daß es ihm an ernstem Willen zur Durchführung wirklicher Verbesserungen in dem jüdischen Religionswesen fehle, während er durch einen Anstrich von Herzlichkeit und durch gewandte, obwohl selten zu billigende Besprechung von Erlebnissen einzelner Gemeindeglieder in seinen Vorträgen, den großen Haufen auf. längere Zeit für sich einzunehmen verstand. Indessen minderten sich seine Anhänger schon bedeutend, als er sich häufige Schwankungen zu Schulden kommen ließ, die mehr noch, als dem Mangel an Festigkeit, der Absicht zur Last fielen, auch solche an sich zu ziehen, welche allen Neuerungen feind, durch die Zurücknahme eines neueingeführten Gebetes oder auch nur der Gesangsweise eines althergebrachten etwa gewonnen werden konnten, und sich nach und nach sein Streben an den Tag stellte, aus einem Gewissensrathe, was die Rabbiner sein sollen, und bis jetzt überall waren, ein Herr der Gewissen zu werden. Die Abwendung aller, eines selbstständigen Urtheils Fähigen aber von dem Rabbiner wurde vorbereiter durch die im Anfänge dieses Jahres von Seiten dieses Synagogenbeamten an den Gemeindevorstand gerichtete Forderung, daß es 28 *

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