Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1846)
- Date
- 1846-07-09
- Page
- Seite 214 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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mm — 214 Ministerien, den Rabbinen und Syndiken, in Angelegen- > heilen des Kultus jedoch mittels Cirkulärs allen Gej meinden ausführlich witzutheiten, in Erörterungen an Privatpersonen hingegen sich nie einzulassen, auch überhaupt Privatnrthcile über sein Wirken unbeachtet zu lassen. Diesem Grundsätze treu — vermied ich auch späterhin jede öffentliche Diskussion über diese Gegenstände, nur unreifen Urtheilen keinen Raum zu geben, zugleich aber auch um mich von jedem Vorwürfe einer 'Anmaßung frei zu halten. Still und zurückgezogen beobachtete ich zwar ununterbrochen und sorgfältig alle Schritte befähigter und unbefähigter sog. Reformatoren, beklagte das vergebliche, lachte über das eitle und verachtete das unredliche Treiben gewisser Zeitmänner, die ohne Autorisation, als Beglücker der Juden sich das Ansehen geben wollen; indeß ich dem besonnenen Streben echt frommer j Gelehrten Glück wünschte. Theil daran nehmen wollte ich nicht, und standhaft wies ich jede noch so glänzende Aufforderung zu Privatversuchen ab; und überzeugt, daß weder aus dem von Männern anderes Sinnes eingeschlagenen Wege zur Unlbilduug des Bestandenen Heit zu erwarten sei, noch der Kampf dagegen zum wahren Frieden führen könne — lehnte ich selbst mehrere mir offerirte RabbinatSämter ab. Die Korrespondenzen mit noch lebender^ achtbaren Gemeindevorständen, sowie meine Qualifikations-Zeugnisse würden das Vorstehende bekunden können. Das westfälische Konsistorium verstand zwar , wohl die Zeit und ihre Anforderungen, hielt jedoch stets gläubig fest an dem positiven Gesetze, und verschmähete cs bei Kollisionsfälten der Zeit das Gesetz zu opfern; von Geldgewinn, Ehrsucht und andern Rücksichten ließ das Kollegium sich nie bestimmen. Wollen Sie, mein Herr, mehr darüber wissen, wollen Sie insbesondere die Einrichtung imb den Lehrplan der Koufistorialschute in Kassel kennen, so theiten Sie mir Ihre Wünsche mit. Einstweilen empfehle ich Ihnen die in meinem „Allgemeinen Archiv des Judenthums" begonnene und fortznsetzende „Geschichte des westphälischen Konsistoriums". Vor Allem jedoch und jedenfalls erlaube ich mir die Forderung an Sie zu stellen: jenes Ihr Urtheil znrück'zunehmeu oder vielmehr zu berichtigen. Berlin, im Juni 1846. Dr. I. Heirremarrrr, unter westfälischer Regierung Mitglied des Konsistoriums der Zsraeliten. Hamburg, 1. Juli. Nekrolog. Hei mann Joseph Michael, (geb. den 12. April 1792, gestorben den 10. Juni 1846) 54 Jahre alt. — Beginnen wir mit einer kurzen Schilderung des Privatcharakters des Verewigten. Sein streng religiöser Lebenswandel, getragen von der reinsten Tugend, die sich in all seinen Handlungen kund gab, sein gemüthliches Sprechen, ohne alle Heuchelei und Rückhalt und durchaus konsequent, sein, nach einer von seinem Nebenmenschen erlittenen Ungerechtigkeit, leicht wieder zu besänftigendes Gemüth, gaben seinem Charakter ein ausgezeichnetes Gepräge. Seine mildthätige Hand wurde sehr häufig in Anspruch genommen und er gab tnit der größten Bereitwilligkeit; er suchte zn helfen, wie und wo er konnte, häufig mit der größten Anstrengung; sein Rath wurde unaufhörlich- und in den mannigfachsten Angelegenheiten gesucht, mit der klarsten Umsicht und mit dem schärfsten Urtheil crtheitt. Er besaß eine schnelle Fassungskraft, so daß er Personen und Sachen gleich zu durchschauen wußte, daher er selten das vorgesteck'te Ziel verfehlte. Bei Gemcindeangelegenheitcn wurde sein Beistand sehr viel in Anspruch genommen, ihm waren alle alten Gei meindeverhättnisse, selbst die fremder Gemeinden, bis in die kleinsten Details bekannt. Was seine Talente betrifft, so trat an ihm besonders vor, ein Kopf voll Geist und ein außergewöhnliches Gedächtnis In seiner ungemein großen uub vielveezweigten jüdischen Litcraturkeuutniß stand er allein da; kaum ein Buch, selbst nicht das unbedeutendste aus der ältesten Vorzeit, war vorhanden, von dem er nicht die verschiedenen Ausgaben mit genauer Angabe der Jahre, in welchen sie erschienen, die Verfasser und Bearbeiter, gekannt hätte. Er war ein gründlicher Kenner und Beurthciter des Inhalts, machte die überraschendsten Bemerknugen über die vielen Abweichungen der verschiedenen Ausgaben, sein Wissen war darin so fest und so gründlich, daß er bei dem ersten Blick in das Buch alle Details desselben mit Bestimmtheit angeben konnte. Bei Manuskripten waren die verwickeltsten, undeutlichsten Schriften ihm nicht zu schwer und er wußte mit Hilfe seines Gedächtnisses die scharfsinnigsten Vergleichungen mit anderen Schriften anzustellen, wodurch die frappantesten Enträthselungen alter Schriften entstanden. Ihm lagen gleichsam alle jüdischen Gelehrten, ihre LebenSverhältllisse, ihr Geburts- und Todestag, ihre sämmtlichen bekannten Schriften, sowohl gedruckte Werke als Manuskripte, in einer solchen Ordnung im Kopfe, daß man gewiß wußte, bei ihm keine Fehl frage zn thun. Auch antwortete er mit der größten Liberalität, Selbstverleugnung und Bescheidenheit. Er hinterläßt mehrere Schriften über jüdische Gelehrte und über jüdische Literatur, die von seiner Gründlichkeit und seiner überaus großen Genauigkeit in der Wissenschaft zeugen, und an denen er, wenn es ihm vergönnt war, sich anderer Geschäfte zu entschlagen (in den letzteren Jahren wurde seine Zeit durch Rathgeben sehr in Anspruch genommen), mit dem angestrengtesten Fleiße arbeitete, um das von ihm Geschriebene so vollkommen wie möglich zu machen. Er hatte auch vielseitige Kenntnisse in anderen Wissenschaften, wie er überhaupt an allem Wissenschaftlichen sehr großes Interesse nahm. Bei seiner Bibliothek scheuete er kein Opfer, es "mi J