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Der Orient · 1846-06-25 · 26 (25.6.1846) · p. Spalte 411-412

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Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
26 (25.6.1846)
Date
1846-06-25
Page
Spalte 411-412 (sequence 6)
Language
German
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411 31) Offenes Sendschreiben an Herrn Dr. Stern in Berlin seine Reformbestrebungen unter Juden betreffend. Hamburg, 1846. 8. Heroldsche Buchhandlung. S. 23. Eine Kritik der Stern'schen Bestrebungen, der wir den spottenden Ton in den ersten Seiten weggewünscht hätten. Die Reformgenoffenschaft ist stets mit Anstand ausgetreten und ihre Gegner sollten sie nur auf dem Boden der Wissenschaft bekämpfen. Besonders Ist die Kritik dieser Flugschrift auf die ersten Stern'schen Vorlesungen gerichtet und diese ist oft scharf und treffend. Mir entlehnen, folgende Stelle und bemerken im Voraus/daß der Verfasser dieser Flugschrift am Ende doch auf gleichem reformatorischen Boden mit der Genossenschaft ‘ steht.- Wenigstens geht dies aus der kleinen Schrift hervor. Das Judenthum bedurfte wahrlich keiner Riesenkraft, um den Lockungen des Christenthums zu widerstehen. Wenn Jemand als Reformator der jüdischen Religion auftritt, muß er vor allen Dingen wahr sein; er hat auch durchaus kein Recht, das Christenthmn auf Kosten'des Judcnthums zu erheben, oder gar eine Folgerung zu Gunsten des Ersteren anzustellen, weil es die Masse in sich faßt und zur Herrschaft gelangt ist. Fast will-es uns scheinen — und ich weiß nicht, warum ich es hier verschweigen soll — als ob für die reine Idee immer nur die kleinere Zahl zu begeistern sei , wie es schon vor Jahrtausenden war, und könnten wir nicht annehmen, daß unter hundert Christen (andre zelotische, absichtlich in Unwissenheit erhaltene Volksmaffe Spaniens und Italiens dürfen wir dabei freilich nicht denken) kaum zehn sind, die die Dogmen, welche doch eigentlich das Wesen der christlichen. Religion ausmachen, in ihrer Vollständigkeit in sich ausgenommen haben, würden wir allerdings, dreist behaupten dürfen , die Welt stehe noch da, wo sie vor einigen Lausend Jahren gestanden har. Daß aber das Christenthum und nicht das Judenthum zur Herrschaft gelangte, kann nicht auffallend erscheinen; denn während das Judenthum das sich von ihm ablösende Glied gleich als unächt und falsch erkannte, es als ein Abtrünniges von sich stieß und sich nur noch mehr in sich zurückzog, wie eine Schnecke in ihr Haus, wenn sie außer demselben auf etwas Ungehöriges stößt, während das Juden- Lhum sich Mauern und Zinnen erbauete, um die Reinheit seiner Ideen dahinter zu wahren, da die Gefahr zugenommen hatte : war das Christenthum gleich von Anbeginn seines Entstehens an bedacht gewesen, sich auszubreiten und Herrschaft zu gewinnen. Es sing damit an, die zwölf Apostel-in aller Welt Enden hinaus zu senden und ist in 1800 Jahren dahin gekommen, daß es die wohlorganisirtesten und ausgebreitesten" Missionsgesellschaften hat. Niemand aber wird uns glauben machen, daß ihre Bekehrungen bei Juden zu irgend einer Zeit Einfluß hatten; die Zahl der Juden, welche früher oder später zum christlichen Glauben übertraten, war immer sehr gering, denn das Christenthum bildete sich aus dem Judenthum weniger als aus dem HeidenLhum und wie sich einst Moses der Mysterien der egyptischen Priesterkaste bedienen mußte (?), um die reine Idee dem Volke 412 Israel, welches doch die.Eiuh eit Gottes längst erkannt hattes?) und also in der Erkenntniß einen bedeutenden Sprung voraus war, zugänglich zu machen, so mußten die ersten Apostel aus dem Heidenthume ihre Mysterien und Erklärungen nehmen, wenn sie die Idee der neuen. Religion faßbar und eingänglich machen wollten. Dabei wurde doch so viel als möglich das jüdische Ceremoniel beibehaltea; auf diese Weise ist es aber gekommen, daß das Christentum so viele heidnische Elemende, als da sind die Dreieinigkeit , die Versöhnung durch den Tod Jesu u. f. w. in sich ausgenommen hat und sich allmälig, je nachdem es mehr und mehr Terrain gewann, zu jenem starren Stabilismus heranbitdete, und jene Hierarchie schuf, die noch gegenwärtig bestehet. Von dem kleinen Palästina aus zogen die Apostel nach allen Gegenden und die Zeit war ihnen günstig, denn die griechische Pholosophie hatte ihnen das Terrain im Voraus urbar gemacht; man war empfänglich für die neue Lehre, weil sie die längst geahnete Wahrheit in sich enthielt und doch so sinnlich dargeftellt wurde, daß sie den Gaumen der damaligen Feinschmecker eben so wohl als der Masse, die sich nur von dkrn Anschaulichen leiten läßt, zusagte. So breitete sich das Christenthum aus. Und was that dagegen das Judenthum? Nichts, gar nichts! Es ließ sich treiben und stoßen, schloß sich immer mehr und mehr ab und blieb Judenthum, d. h. erhielt sich die reine Idee und war allerdings in seinem Rechte, das Christenthum durchaus nicht zu betrachten. Man wende mir nicht ein, daß sich das Judenthum durch allerlei Gesetze, als da sind Speise und viele Kleinigkeiten des Lebens betreffend, von dem Christenthum absonderte■ oder solche Vorschriften sogar zur Religion erhob. Dieses fand zu allen Zeiten nur bei den Unmündigen(?), unter dem Borke (?) statt und so ist es noch gegenwärtig.!?) Der Jude hielt sich fern von dem christlichen Glauben, denn er war gerade das Gegentheil von dem seinigen, der Jude mußte es thun; denn er konnte die Einheit mit der Dreieinigkeit nicht vertauschen, der Jude hatte sich von jeher nur unmittelbar an seinen Gott gewandt, er konnte sich mit einem Mittler nicht befreunden. Darum auch, ich wiederhole es, hat die Reform des Judenthums mit der Reform des Christenthums nichts gemein; das Judenthum hat nur Ceremonien, das Christenthum aber Glaubensartikel abzuschaffen und das ist ein großer Unterschied! — Die Selbste rhaltungdes Judenthums war also durch die Abweichung des Christenthums von der reinen Idee veranlaßt und bedingt. — Von einerbesondern Aufgabe desJudenthums kann dabei nicht die Rede sein; denn eine Wahrheit, die einmal m Hellem Glanze leuchtete, geht nicht unter, und hätten Jahrtausende lang Trümmer und Schutt sie bedeckt, und von Conflicten kann ebensowenig die Rede sein,'da das Judenthmrr sich 2000 Jahre hindurch in größter Passivität erhielt und dieser Zustand zu sehr zu seinem eigensten Wesen gehört, als daß es hätte anders sein können. Gewiß aber ist, daß in unserer Zeit Niemand mehr behaupten kann, die Wahrheit allein zu besitzen, oder der all- Kritiken. Sendschreiben an Dr. Stern.

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