Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 26 (25.6.1846)
- Date
- 1846-06-25
- Page
- Spalte 405-406 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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405 406 Studien. Die Juden in Frankreich unter den ersten german. Kaisern. satzweg war an die spanischen Mauren, und die Juden waren auch bei diesem Handelsartikel die Zwischenhändler, die Vermittler, indem sie erst von den Christen diese Sklaven zum weitern Verkauf nach Spanien erhielten. Dieser Handel, der unserer Zeit so abscheulich, so grausam erscheint, hatte damals die Billigung des Gesetzes und der Sitte; die Kaiser förderten ihn, Juden und Christen übten ihn, und selbst die frömmsten Männer der Geistlichkeit hatten nichts gegen diesen Menschenhandel, da doch im Lande selbst es Herrn und Sklaven und einen Sklavenhandel gegeben. Aber die Sklaven, dieman in fremde Länder, an Ungläubige und Mauren , verkaufte, waren nicht dlos heidnische, sondern auch christliche, und zwar entweder zum Christenthum übergetretene Heidensklaven oder geborne Christensklaven, welche Christen oder ganze christliche Gemeinden wie Geistliche, die Großenbes Reiches, wie die Niedern, entweder selbst nach dem Auslande verkauften, oder sich des Zwischenhandels der Juden -bedienten. Wohl mag es vorgekommen sein, daß Manche unter den Christen sich ihrer Feinde vermittelst des Sklavenhandels entledigten, oder ihre Privatrache durch Vermittelung der Juden rächten, oder daß die Bosheit eines Juden aus Rache oder Eigennutz irgend einen Freien gestohlen und als Sklave verkauft, wenn man Agobard, dem seit 816 Erzbischof von Lyon in seiner Schrift gegen die Juden Glauben schenken will; aber diese, seltenen Fälle riefen zur Unterdrückung dieses Handels die Gesetzgebung nicht auf. Der mächtige Schutz der Kaiser, welchen die Juden genossen, ihr großer Einfluß den sie auf die Angesehenstes des Reichs, auf die hohe Geistlichkeit übten, ihr freier Zutritt bei Hofe und überhaupt der Wohlstand, der Neichthum, die günstige sociale Stellung derselben, verleiteten auch Manche in diesem Handel mit einem Uebermuthe zu verfahren. Sie duldeten nicht, daß ihre heidnischen Sklaven getauft werden sollten, selbst wenn sie danach verlangten: sie zwangen ihre christlichen Sklaven am Sabbat zu feiern und am Sonntage zu arbeiten oder während der Fasten Fleisch' zu essen. Von diesem Uebermuthe aufgestachelt, vielleicht auch durch Menschlichkeit und Ehrlichkeit angeregt und ermuntert, trat Agobard seit seiner Einsetzung als Erzbischof im Sprengel von Lyon (von8!6an) auf u. untersagte den Juden seines Kreises diesen Unfug. Er verbot ihnen, ihre christlichen Sklaven an die Saracenen zu verkaufen, oder die christlichen Sklaven zur Uebertretung der christlichen Gebräuche und zur Haltung der jüdischen zu verleiten, und zog sie bei einer Uebertretung zur Strafe. Er blieb aber nicht blos bei den Juden stehen, sondern auch den christlichen Gemeinden seines Sprengels verbot er streng, christliche Leibeigene an Juden zu verkaufen. Die Juden wandten sich an den Hof, machten dort ihren Einfluß und ihr Ansehen geltend, und behielten Recht, dem mächtigen und ausgezeichneten Agobard gegenüber. Der Kaiser Ludwig der Fromme (seit 813 gekrönt) schickte Beamte mit kaiserlichen Befehlen nach Lyon, um den Erzbischof anzuhalten, die 'Juden ungeschoren zu lassen. Im Bewußtsein, daß er das Rechte will, wenn auch gegen die Juden zur Bitterkeit, Abneigung und Uebertrekbung geneigt, schüchterten die-kaiserlichen Befehle den Agobard nicht ein. Im 10. Jahre seines Amtes (826) begann er eine Reihe von Schriften gegen die Juden zu verfassen, deren erste er (826) an den Kaiser Ludwig gerichtet. Diese Schrift führt die Aufschrift: „Von dem Uebermuthe der Juden" (Liber de insolentia Judaeurum), worin ec zu dem Kaiser in Bezug auf diesen Handel sagt: „Beamte mit kaiserlichen Befehlen seien, nach Lyon gekommen; ein Gegenstand des Jubels für die Juden, des Schrekkens für die Christen. Unmöglich kann ich glauben, daß Solches mit Vorwiffen des Kaisers geschehen sei. — Und warum erdulden wir diese Behandlung? Aus keinem andern Grunde, als weil wir den Mitgliedern unserer Gemeinde verboten, den Juden christliche Leibeigene zu verkaufen, weil wir den Juden selbst den-Handel mit christlichen Sklaven nach Spanien untersagten, weil wir nicht dulden, daß die Juden ihre christlichen Sklaven am Sabbate zu "feiern, am Sonntage zu arbeiten, und während der Fasten Fleisch zu essen zwingen rc." Vom Widerstande gegen seine ehrliche Absicht gereizt, aufgestachelt von einer noch bitterer gewordenen Abneigung gegen die Juden, blieb Agobard bei der eigentlichen Streitsache nicht stehen, und schilderte die Juden als ein Volk des Fluches, ihre Religion als eine Lästerung des Christenthnms, und malte ihre Sitten, ibre Satzungen und ihre Handlungen so schwarz als möglich. Der Kaiser, obgleich bigott und von Pfaffen umnetzt, obgleich mit Hochachtung für Agobard erfüllt, durchschauete die Uebertreibung und konnte sich zu einem Unrechte gegen die Juden nicht herg^ben. Er beachtete Agobard's Schrift nicht'und es blieb bei dem Befehle, er solle die Juden ruhig wandeln lassen. Da es bekannt war, daß die Juden ihre Beschützer am Hofe hatten, so entschloß sich der Erzbischof Agobard in dieser Sache selbst an den Hof sich zu begeben, um persönlich ein Gesetz vom Kaiser zu erwirken, daß hinfort kein Jude mehr die Taufe seiner heidnischen Sklaven verhindern dürfe. Aber sein persönlicher Einfluß blieb eben so erfolglos, wie seine Schrift über den Uebermuth der Juden, als auch seine dem Kaiser überschickte Abhandlung über den jüdischen Aberglauben (De. judaicis superstitionibus Über), worin er die Abscheulichkeit der Juden und ihrer Religion zu beweisen suchte. Der Kaiser Ludwig hörte ihn nicht an, wollte von einer Verletzung der Juden nichts wissen, und ertheilte dem Erzbischof den Befehl in seinen Sprengel zurückzukehren. — Aber obgleich die Sprache Agobard's gegen die Juden immer ungerechter und fanatischer wttrde, obgleich der Kummer, gegen die Juden in einer so klaren Sache nichts ausrichten zu können, ihn immer wüthender gegen dieselben machte, so war doch seine Sache eine so gerechte, daß die Hartnäckigkeit der Juden in Erstaunen setzen muß. Agobard erbot sich zu Opfern; er erklärte sich bereit für die heidnischen Sklaven der Juden, wenn sie die Taufe verlangen und die Herren die Taufe zulaffen, den Preis der Sklaven zu bezahlen, sobald sie getauft sind; aber die Juden wollten auch für diesen Preis das Taufen ihrer heidnischen 26*