Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 25 (18.6.1846)
- Date
- 1846-06-18
- Page
- Spalte 389-390 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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389 390 Studien. Die Reformverwirrung in Breslau.? der lateinischen /Sprache beim Gottesdienste eine hohe na- . tionale und reformatorische Bedeutung; selbst wenn das j deutsche Volk die lateinischen Gebete und.Lesestücke verstan- \ den, mußten sie dach entfernt werden, um so die Loslösung vom römischen Hierarchenwesen zu vervollständigen. Welchen! Sinn hat aber der gleiche Eifer gegen einen noch so geringen / gottesdienstlichen Gebrauch der hebräischen Sprache? Warum \ würde der Dr. Geiger „mit Freuden" sehen, wenn die! hebräische Sprache aus dem Gottesdienste ganz schwände? I Müssen sich auch die Reformjuden von den alten Klängen / und Weisen, wie die Deutschen vom Römerthum loslosen? / Müssen sie auch die letzten Ueberreste des Nationaldenkmals i aus ihren lebendigen Erinnerungen muthwiUig verwischen?! k Wie, die Breslauer Gemeinde heute beschaffen ist, verstehen f die meisten Glieder derselben noch die leichtern und wichtigsten | hebräischen Gebete, so daß die gänzliche Entfernung derselben, J wie dies von der Berliner Genossenschaft geschehen, welche i Dr. Geiger auch für Breslau als Muster aufstellt, durchaus f verwerflich erscheint. Aber auch , für die Zukunft sollte es | wenigstens das Bestreben des Rabbiners sein, den Zöglingen E der Religionsschute das Verständnis; der wenigen hebräischen I Gcbetstücke beizubringen. | Durch solche Nachahmungssucht wird aber die jüdische A Reformation um allen Kredit gebracht. Auch unsere christlichen Mitbürger werden dem Judenthum nur dann die ver- I diente Achtung zollen, wenn es sich in selbstständiger Natur- § wüchsi'gkeit entwickelt, wenn es seinen eigenthümlichen Lebensfond in selbsteigener Gestaltung zur weltgeschichtlichen Lösung ß bringt, nicht aber, wenn es seinen eignen Weg verlassend , in ß fremde Bahnen sich verrennt, seinen eigenen Charakter verf leugnend, fremde Formen borgt. Innerhalb des orthodoxen Judenthums muß aber ein solches Haschen nach christlichen Formen und Weisen, ein solches sklavisches Anschmiegen an die Forderungen der Mode, die Meinung bestärken, daß. es den! Reformatoren um die endliche Einführung des Judenthums & in das Christcnthum zu thun sei. Das Judenthum will tief und innerlich aufgefaßt und fortgebildet werden, es birgt oft ’C in abstoßender Schale einen lebet^sfrischen Kern, welchen die h unberufenen Reformatoren mit j.ener wegwerfen. Nicht \ jeder Schritt ist ein Fortschritt, nicht jede Veränderung eine Verbesserung. Haben wir also gesehen, daß wir die Vorschläge und Zupr muthungen des Dr. Geiger immer erst prüfen müssen, so fl wollen wir auch seine jüngste Aufforderung zum Zusammenh tritt der Re formsreu nde zur besondern Genossenschaft einer ’i Prüfung unterwerfen. Dr. Geiger hat sich hierüber einmal in einem Vortrage unzweideutig ausgesprochen, und wir laufen nicht Gefahr, ihn.mißverstanden zu haben. Der Dr. ■ i Geiger will, daß alle hiesigen Reformfreunde zu einer Genoffenschaft zusammentreten, welche sich aber nicht an die 1? Berliner Genossenschaft anschließe, sondern die Beschlüsse der iil Rabbinerversammlung zur Ausführung bringe; sie soll für die Rabbinerversammlung und namentlich für Dr. Geiger den 1 ' praktischen Boden ab g eben, in welchem die neurabbinischen Saaten wuchern sollen. Zu der Genossenschaft soll auch das Obervorsteher- Kollegium, alle Gemeindeinstitute und überhaupt die Gemeinde als solche gehören, der Dr. Geiger aber nach wie vor als Rabbiner der Breslauer Gemeinde sungkren. Dies ganze Verhältnis muß aber unstatthaft erscheinen. Vor Allem ist zu bemerken, daß die Rabbiner-Versammlung ein sehr unzuperlässiges Institut ist. In der zweiten Nabbiner- Versammlung waren die Stimmen gegen die entschiedenere Reform weit zahlreicher als in der ersten. In dem Maße aber als die Gemeinden die Beschlüsse der Rabbiner-Versammlung beachten werden, in demselben Maße werden auch, die halborthodoxen Rabbiner dieses Institutes sich bemächtigen, die hiesige Genossenschaft, wenn sie dem Rathe des Dr. Geiger folgen sollte, wird sich dann in die Nothwendigkeit versetzt sehen, der Rabbiner-Versammlung den Kontrakt zu kündigen. Ueberhaupt müssen die Rabbiner ihre Gesammtgemeinden vertreten, sie dürfen nicht einzelne Vereine oder Genossenschaften vorzugsweise im Auge haben, während die Genossenschaften aus dem Ganzen heraustreten, welches nur allmälig fortschreiten kann, und zu einer radikalen Reform sich vereinigen. Eine solche Genossenschaft kann daher auch hier nicht für die Gemeinde gelten wollen, sondern nur als ein Verein dastehen, und der Dr. Geiger, welcher sich für die Genossenschaft erklärt, kann nicht mehr als Gemeinderabbiner fungiren, sondern nur als geistlicher Vorsteher und Leiter dieses Vereins. Auch die Berliner Genossenschaft, welche doch an sich und im Verhältniß zur übrigen Gemeinde weit zahlreicher und bedeutsamer ist, als die hiesige, beansprucht nicht den Namen und die Rechte der eigentlichen Gemeinde. Ein Gleiches muß auch hier geschehen. Wenn zufällig die Mehrzahl der Synagogen- Vorsteher, sowie auch der Aktivvorstand der Gemeinde zu den warmen Freunden G iger's und der entschiedenen Reform gehören, so sollten sie doch bedenken, daß sie nicht in ihrem Sinne, sondern in dem der Gemeinde, welche sie vertreten, handeln müssen, wenn sie als Vorsteher handeln. Hier gilt die Unterscheidung zwischen dem.Beamten und der innern Ansicht desselben, welche Dr. Geiger auch in sich gemacht hat. Behalten aber die Vorsteher nur die einseitigen reformistischen Zwecke im Auge, so ziehen sie sich eine große Verantwortlichkeit zu; sie werden dann eine reformistische Hierarchie, einen reformistischen Glaubensdruck bilden, unter welchem die Gemeinde in gänzlichen Zerfall und Verfall gerathen muß. Möchten dach die Herren bedenken, daß die gewissenhafte Schonung der verschiedenen Glaubensmeinungen mehr Werth habe, als hundert Choralgesänge und Predigten, daß die Einheit von jeher Israels Ruhm ausgemacht. Aber auch im Interesse der Reformation selbst muß jeder Zwang, jede gewaltsame Maßregel unterbleiben, indem es eine alte Erfahrang ist, daß jeder Druck Gegendruck hervorhringt. Der Streit der Ansichten wird durch solche Gewaltsamkeit zu einem persönlichen, hartnäckigen und unversöhnlichen/ Er dauert noch dann fort, wenn die Ansichten sich bereits geändert ha- 25 *