Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1846)
- Date
- 1846-06-18
- Page
- Seite 194 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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194 ' Ihr konntet damals Bedenken tragen, ob das Bedürfniß nach einer'Umgestaltung der äußeren Formen im Iudenthum, wie tief Ihr auch dasselbe empfunden, in unsrer Religion ein berechtigtes sei, und ob es gar Euch..die Ihr nicht die Wis- , senden und nicht die Berufenen seid, Mä'me, an den bestehenden Formen zu rütteln und Euer eigenes Bedürfniß für ihre Umgestaltung geltend zu machen? Aber Ihr habt Männer des Wissens und Berufs selbst', Ihr habt die ausgezeichnetsten Rabbinen und Prediger unsrer Zeit zusammentreten - sehen, um dieses Recht der Gegenwart nicht nur offen anzuerkennen, sondern auch durch die ThaL gelten^» zu machen« Ihr habt es von diesen Männern selbst vernommen, daß'> unsre heilige Religion nicht einzelnen Bevorzugten, sondern einem Jeden das Recht zugesteht, seine Ueberzeugung und sein Bedürfniß kund zu geben; Ihr habt von jenen Männern den Ausspruch vernommen, daß die Bestrebungen der Genossenschaft wohl berechtigte und durchaus im B.oden. des Judenthums wurzelnde seien; ja Ihr habt diese Männer selbst für die Einrichtung dieses Gottesdienstes durch ihren Beirath Mitwirken und das Wort Gottes an geweihter Stelle verkündigen sehen. Könnt Ihr noch zweifeln, Idaß e^niä^ein Werk der Zerstörung, sondern der Wiedergeburt'sei, das hier begonnen ist? könnt Ihr zweifeln, daß es auch Euer Recht, ja daß es auch Eure heilige Pflic^^ei, an'diesem Werke durch Wort und That Lheil zu nehmen, auf daß es zum wahren Heil des Judenthums und seiner Bekenner vollbracht werde, wie es aus wahrhafter Liebe zum Judenthum begonnen worden ist? Ihr konntet damals Besorgniß hegen in Eurem Gemüth: es werde eine Saat des Unfriedens und der Zwietracht sein, die durch dies Beginnen ausgesäet werde unter unseren Glaubensgenossen; es werde das kleine Häuflein unserer Brüder noch mehr zerrissen und zersplittert werden, und es möchten des Landes Mächtige schwerlich zugeben', daß Solches geschehe. in ihrer Mitte und unter ihrem Szepter. — Aber die Thal hat es anders gelehrt. Auch nicht einen Augenblick ist der Friede da gestört worden , wo das Werk begonnen und schon so weit gediehen ist. In ungetrübter' Eintracht leben und wirken die Männer der verschiedensten Ansichten neben einander, weil wahre Religiosität die Ueberzeugung eines Jeden achtet, und Keinem das Recht streitig macht nach derselben zu leben und zu handeln; und noch weniger ist von Seiten der Staatsregierung eine Bewegung gehemmt worden, die wie die unsrige nicht den Kampf, sondern den Frieden suche, die nicht durch äußeres Aufsehen glänzen will, sondern ihren Ruhm in einer, stillen innern Entwickelung findet, die nicht durch gewaltsame Anstrengungen sich auszubreiten bemüht ist, sondern es ihrer Berechtigung allein überläßt, die Zustimmung und Mitwirkung der Betheiligten zu gewinnen. Darum mögen die Friedliebenden nicht einen Kampf befürchten, der unsrer Sache um so weniger droht, jemehr sie in ihrer wahren Bedeutung hervortritt; es mögen die Furchtsamen keiner Besorgnis Raum geben, deren Grundlosigkeit schon jetzt offen am Tage liegt, und vor Allem gebe ein Jeder der Wahrheit die Ehre, und hatte fest an der Ueberzeugung, daß, wer in ihrem Dienste ist, keine Gefahr zu fürchten und keine zu scheuen hat. Und endlich mochtet Ihr damals, obwohl mit Unrecht fragen, ob es nicht bedenklich sei, sich einigen wenigen Männern auf Treu und Glauben anzuschließen, die vielleicht gesonnen sein möchten, nach eigenem Gutdünken einen neuen Kodex, oder gar ein bindendes Glaubensbekenntniß des Judenthums zu entwerfen? Ihr konntet fürchten, es würden jene Einzelnen sich selbst zu Gesetzgebern aufwerfen, nachdem sie das Ansehen der früheren Gesetze angefochten hätten; und es könnte statt der Herrschaft eines veralteten, aber doch ehrwürdigen Gesetzes, die Willkürherrschuft einiger Weniger eintreten. Aber wenn irgend eine Besorgniß sich als unbegründet zeigte, so ist es diese. Die Männer, die es in ihrem ersten Aufruf ausgesprochen haben, daß sie sich nicht für berufen erkennen, die innerhalb des Judenthums nothwendig gewordene Umgestaltung selbst auszuführen, und daß sie nur in Gemeinschaft mit einer großen Gesammtheit Gleichgesinnter und durch das Organ einer von Allen gemeinsam berufenen ' Synode das Werk der Reform vollbringen wollen, diese Mäuner haben es bewährt, daß sie an diesen Grundsätzen festhalten, und daß sie weit von dem Streben entfernt sind, sich selbst eine Herrschaft anzumaßen, die sie dem hergebrachten Gesetz nicht mehr zugestehen wollen. Nicht nur die Männer des ersten Aufrufs sind zurückgetreten, und haben als Mitglieder der zahlreichen Genossenschaft, die sich in Berlin gebildet hat, kein Vorrecht für sich in Anspruch genommen, auch diese selbst, wie sehr sie auch gegenwärtig noch an Zahl überwiegt, wie sehr sie auch in Allem, was bisher geleistet wurde, fast allein dasteht, wilttnur als ein' einzelnes Glied der Gesammtgenossenschaft gelten, das in gemeinsamen Beratungen mit Anderen zu wirken sucht. Auch der Gottesdienst, der zur Befriedigrng eines lokalen Bedürfnisses provisorisch in's Leben -gerufen wurde, wie hohe Anerkennung sich derselbe auch errungen, ist doch nirgends als maßgebend für die Zukunft und für die Gesammtheit bezeichnet worden. Dagegen ist es den Bemühungen der dortigen Genossenschaft in der neuesten Zeit gelungen, durch Berufung auswärtiger Deputaten alle bisher gebildeten Genossenschaften zu einer einigen Organisation zu führen, durch welche es der kleinsten Gemeinde wie der größten, ja selbst Einzelnen zustehen soll, ihre Wünsche und Bedürfnisse geltend zu machen. Und diese unsre Ansprache an Euch sie ist die erste Frucht dieser Vereinbarung. Denn nicht einzelne Männer, nicht die Glieder einer einzelnen Gemeinde, sondern die Gesammtheit aller derer, die sich im ganzen deutschen Vaterlande bisher dieser Bewegnng angeschlossen haben, sie ist es, die in diesen Worten zu Euch spricht und Euch aufrust, mit Muth und Zuversicht dem Bunde Leizutreten, der sich ein hohes und erhabenes Ziel, der sich die wahrhafte Wiederbelebung unsrer heiligen Religion zu seiner Aufgabe gestellt hat. Aber noch einmal sei es hier wiederholt, was schon im