Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1846)
- Date
- 1846-06-18
- Page
- Seite 193 (sequence 9)
- Language
- German
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193 wieder herzustellen, die durch eine allzulange Erstarrung in hergebrachten und veralteten Formen unterbrochen worden war. Weithin nach allen Lheilen des deutschen Vaterlandes und auch über die Grenzen desselben hinaus, wurden diese Worte vernommen/ und weithin fanden sie Anklang in dem Herzen derer, die eben so treue Bekenner des Ludenthums, wie echte Söhne der Zeit, des Vaterlandes sind, denen sie angehören. Nicht weil es neue und außerordentliche Ideen waren, welche hier plötzlich an den Lag kamen, haben sie sich in der Nähe wie in der Ferne Anerkennung gewonnen, sondern weil es längst erkannte Wahrheiten sind, die in eindringlichen und überzeugenden Worten ausgesprochen wurden; nicht weil ungekannte und fremde Bedürfnisse durch dieselben angeregt wurden, haben sie freudigen Anklang in dem Herzen von Tausenden gefunden, sondern weil sich ein tiefgefühltes und allgemein empfundenes Bedürfniß in denselben kund gab. — Und was vor Allem geeignet war, jenen Worten Vertrauen zu erwerben, es ist die warme Begeisterung für unsre heilige Religion, die sichtbar aus denselben hervortrat, es ist das feste und unerschütterliche Vertrauen auf eine schöne und große Zukunft des Iudenthums, von dem fleZeugniß gaben. Aber nicht Zustimmung und Billigung allein war es, welche jener Aufruf forderte. Zur Lhat, zur entschiedenen stind gemeinsamen Thar sollten diejenigen angeregt werden, die in demselben ihre eigneUeberzeugung, ihre eigenen Wünsche und Hoffnungen ausgesprochen fanden. Mit ihrem Namen sollten die Männer der Reform hervortreten, um sich zur offnen Kundgebung ihrer Ueberzeugungen und ihres Strebens zu vereinigen. Mit ihren Kräften sollten sie Mitwirken, um sich zu einer großen und einigen Gesammtheit zu verbrüdern, von welcher das Werk einer wahrhaften Wiederbelebung des Iudenthums begonnen, und durch das Organ einer Synode vollbracht werden sollte. Es ist ein bedeutender, ein oft gar schwerer Schritt, der vom Wort zur Thal führen soll, es finden sich viele Wege, die zwischen der Zustimmung und der .Mitwirkung liegen. Doch so Lief, so dringend war das Bedürfniß, auf dessen Befriedigung die neue Bewegung gerichtet war, ein so entschiedenes Vertrauen hatten sich jene Worte durch die Gesinnung gewonnen, die sich in denselben kund gab, daß die Zahl derer nicht geringe war, die sich mit Wort und Lhat zu den Gründern des schönen Bundes gesellten, und sofort das'Werk der Vereinigung für die große Ausgabe zu beginnen, welche das Judenrhum in unserer Zeit von seinen Bekennern fordert. Und mehr als Lausend Männer aus den verschiedensten Gegenden des deutschen Vaterlandes sind e§, die sich bis heut schon zu einer einigen Genossenschaft für Reform im Zudenthum verbunden haben. Doch wollen wir darum auch nicht mit denen rechten, die bis jetzt noch mit ihrer Erklärung zurückgeblieben sind, obwol sie mit ihrer Gesinnung auf demselben Boden stehen, die bis jetzt noch angestanden haben, sich unsrer Vereinigung anzuschließen, obwol sie das Bedürfniß und das Streben theilen, von dem dieselbe herbeigeführt wurde, die bis jetzt ihre Kräfte noch nicht für die Zwecke der Gesammtheit verwendet haben, obgleich ^ie vielleicht in ihren Kreisen sich schon längst einer ähnlichen Wirksamkeit widmen. Es gilt ein zu heiliges Interesse, als daß man es mißbilligen könnte, wenn Einzelne zögerten, den schlichten, aber dennoch leicht zu, mißdeutenden Worten unbekannter Männer ihr Vertrauen zu schenkendes waren zu viele, zu bedeutsame Rücksichten zu beachten, als daß man von Allen den gleichen Muth eines schnellen und entschiedenen Entschlusses hätte fordern können. Aber fürwahr, das werden die treuesten unserer Freunde, die zuverlässigsten unter unfern Verbündeten sein, die erst sich und uns prüfen wollten, um mit vollem Bewußtsein ein so heiliges Bündniß einzugehen. Darum sind wir nicht schwankend geworden in unsrer Zuversicht, da sich die Zahl der Genossen Anfangs nur langsam mehrte, wir chofften nicht auf allzurasche Erfolge; wie unerschütterlich wir auch im Vertrauen zu unsrer Sache waren, die die Gewißheit ihres Gedeihens in sich trägt, so wollten wir doch n^t MHnner Iie Unsrigen nennen, welche nur von der Begeisterung des Augenblicks sich Hinreißen ließen, sondern solche, die einer wohl geprüften, aber auch um so festern Ueberzeugung folgten. Aber^cht nur gehofft haben wir auf das einstige'Gelingen unseres Werkes, wir haben auch muthig Hand angelegt, um es zu beginnen; auch nicht Worte allein, auch Thaten sollten davon Zeugniß geben, daß es uns hoher Ernst' sei um die Wiedererweckung des ewig lebendigen Iudenthums aus dem Schlummer, in dem es seit Jahrhunderten durch die Verdüsterung seiner Lehren, seit Jahrhunderten duüch die Gteichgülrigkeit seiner Bekenner festgehalten wird. Und so lasset uns denn zusehen, ob wir heut ein höheres Recht an Euer Vertrauen, einen begründetern Anspruch an Eure Mitwirkung für unsre Aufgabe gewonnen haben, als da zum ersten Male das Wort an Euch gerichtet wurde. — Ihr konntet damals fürchten, daß jene Männer des Aufrufs wohl des Wortes fähig, aber nicht auch der That mächtig seien, in der es sich verwirklichen sollte. Könnt Ihr auch noch heute dieser Besorgniß Raum geben, nachdem in Berlin, in einer Gemeinde, die man so lange der religiösen Gleichgiltigkeit anklagte, ein Gotteshaus aufgerichtet ist, das schon durch sich selbst unwiderlegliches Zeugniß ablegt von der festen Willenskraft, die hier gewaltet, und die nicht auf die Hindernisse, welche im Wege standen, sondern allein aus das Ziel blickte, das sie erreichen wollte? Ein Gottesdienst ist in's Leben getreten, sin welchem der Odem tief empfundener Religiosität sichtbar lebendig ist, und in dem sich nicht minder der wahre Geist des Iudenthums wie das religiöse Bedürfniß der Gegenwart zu erkennen giebt. Wo solche That in so kurzem Zeitraum aus der Saat eines Wortes emporwuchs, wer darf da noch länger an dem Ernste, an der lebendigen Kraft dieses Wortes zweifeln?