Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 24 (11.6.1846)
- Date
- 1846-06-11
- Page
- Spalte 381-382 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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38V Studien. Die Reformverwirrung in Breslau nach dem Göttlichen. In der Einsamkeit suche der Mensch das Göttliche, aber da finde er es nicht; und da stürze er sich hinaus ins Leben, ins Gewühl der Menschen, und suche das Höhere im Sinnengenuß; aber auch Ihrer könne eres nicht finden. Und da findet er endlich die Wächter, die Männer, welche sich umgeschaut und nach dem Göttlichen lief geforscht haben. Diese können ihm freilich das Höhere nicht bestimmt anzeigcn, aber andeuten können sie es ihm. (Hierzu hätte ich gern bemerkt: Mein guter Lehrer, aber davon steht ja.nichts im Texte: nach dem Original geben die Wächter dem Suchenden gar keine Antwort; und da gerade ist ja so bezeichnend, und das eben ist ja so traurig, daß, wenn man die Männer, welche sich umgeschaut haben wollen, ernstlich nach dem Göttlichen fragt, sie die Antwort in der. Regel ganz schuldig bleiben). Und da sie es ihm angedeutet haben^ fuhren Sie fort, da findet er es, und schmiegt sich ihm an und läßt nicht von ihm u. s. w. So schloß Ihre amtliche Thätigkeit für die diesmaligen Ostcrfesttage. Und nun, mein Lehrer, frage ich Sie selbst, wenn Sie aus der Befangenheit des Parteieifers sich zu erheben im Stande sind, ich frage alle alte und neue Rabbiner, alle israelitische Prediger und Religionslehrer, ich frage alle evangelische und katholische Geistliche, ich möchte die Gebildeten aller Nationen und Konfessionen fragen : ob wohl Derjenige noch auf den Namen eines. Rabbiners Anspruch machen könne, der für die ganze Dauer eines so positiven und fundamentalen Festes, wie es das Paffahfest für den Bekenner des Judmthumes ist, in vier Predigten nicht Ein Wort der Belehrung über Bedeutung und Feier dieses Festes an gottgeweihter Stätte ausspricht? der das jüdische Osterfest in ein a l l g e m e i n e s F r ü h l i n g s f e st umwandelt? und ob vollends Derselbe noch Rabbiner in einer Gemeinde sein könne, in welcher mehr a l.s zwölfhundert Fa Milien Häupter fest am positiven Glauben hangen und diese ihre Anhänglichkeit oft genug in unzweideutigen Aeußerungen zu erkennen gegeben haben? — Und ist es, bei so offenbarer Verletzung der Gefühle einer ganzen, großen, nicht finstergläubigen, wohl aber positivgläubigen Gemeinde, noch zu verwundern, daß Sie, mein Lehrer,— woran Sie noch immer nicht glauben zu wollen scheinen — das Vertrauen der überwiegend großen Mehrzahl der Gemeinde-Mitglieder, das Vertrauen von mehr als 1200 Mitgliedern unter dm 1300 der Gemeinde verloren haben? daß Ihre früheren eifrigsten Anhänger sich von Ihnen gewendet haben? daß Sie, wie sehr Sie auch dagegen protestiren mögen, in unserer Mitte nun nichts anderes als Genossenschaftsprediger sind? — Gern spräche ich jetzt noch einige Worte über Ihre neueste Schrift „Vor neun Jahren und jetzt," so wie über Ihre jüngste „Erklärung" in den beiden hiesigen Zeitungen: doch 381 der Raum gestattet dies nicht mehr, und so bleibe cs für-'.snein nächstes Schreiben aufbewahrt. . ' In Hochachtung * Die große Mehrzahl der Mitglieder der Bres.lauer Jsraeliten-Gemeinde. II. Zur weiteren Charakteristik Endlich folgte wieder ein Sendschreiben, wie es scheint von einem andern Abfasser/ wodurch man einen Blick in die verworrenen—Gemeinde-Verhältnisse enthält. Das Schreiben lautet: Die Breslauer Jsraeliten-Gemeinde in ihrem Zerfalle und Verfalle: „Die Breslauer Jsraeliten-Gemeinde hat sich durch den langwierigen religiösen Streit, welcher in ihr, wie in keiner andern Gemeinde, so heftig gebrannt und noch heute nicht erloschen, einen Namen gemacht, so daß auch das Brockhaussche Konversations - Lexikon dieses Streites in einem besondern Artikel rühmende Erwähnung thut. Auch Schreiber , dieses hat als ein vieljähriges Gemeindeglied diesen Streit mit erlebt. Wenn es ihm aber anfangs Freude machen mußte, daß das Princkp des Fortschrittes im Kampfe gegen die starre Orthodoxie und einen rabbinischen Hierarchenstolz immer mehr Terrain gewann, so mußte es ihn und seine Gleichgesinnten nachher wieder sehr betrüben, daß der Kampf fast gänzlich vom Felde der Prineipien und Ansichten auf das der Personalien hinübergetreten. Nicht mehr: Fortschritt oder Stillstand! sondern fast nur: Geiger oder Tiktin! war nun die Losung der Parteien. .Ich will nicht alle die Geschichten und Geschichtchen wie-' Verholen, welche sich im Verlaufe der Zeit zugetragen und welche noch in der Erinnerung der Gemeinde leben; auch will, ich nicht den Standpunkt einer Partei einnehmen, sondern von dem ausgehen, was von jedem, Besonnenen und Billigdenkenden gewürdigt werden muß. - Der Rabbiner Dr. Geiger ist nach dem allgemeinen Urtheil ein talentvoller Mann; er kann, wenn.er will, ausgezeichnet schön predigen, und in seinen Schriften soll er, wenn auch nicht stilistische Meisterschaft, doch scharfe- Beurtheilung und auögebreitete Kenntnisse der jüdischen Literatur des Mittelalters darthun. Dabei besitzt er einen entschiedenen Sinn für Reform und eine stets bereite Thatkräftigkeit. Hiernach scheint der Dr. Geiger ganz besonders dazu geeignet zu sein die Reformation desIudenthums, über deren Zeitgemäßheit alle gebildeten Juden einig sind, nicht nur kräftig zu fördern, sondern auch zu leiten. Aber zum re forma torischen Berufe gehört nicht nur Talent und Gelehrsamkeit, sondern auch und vor Allem Charakterfestigkeit.und aufopfernd e 5^in ge bung. Jeder Gebildete besitzt zwar so viel Mtheil, als dazu gehört, über den wesentlichen Inhalt seiner Religion ins Klare zu kommen; aber nicht Alle haben Zeit Lust und Talent genug, um das zu erproben.und sestzustellen-