Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 24 (11.6.1846)
- Date
- 1846-06-11
- Page
- Seite 187 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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187 steine, auf die unser gegenwärtiges Geschlecht einen hohen, Hellen, freien Tempel bauen will- „Reform" ist die Lagesparole auch in der Glaubenssache der Juden; — allein ist bei den Juden bereits die günstige Stunde zur Reform gekommen? — Hütet Euch, Ihr jüdischen Reformatoren, daß Ihr keinen Babalslhurm aufbaut l Die Stunde der Reform har noch nicht geschlagen! — Weil in dem Christenthum reformatorische Bewegungen alle Phasen bemalten und neuen Kirchensystems durchkreuzen, weil Ronge dem Nachfolger Petri, Vasallendienst aufgesagt, weil Uhlich gegen den Protestantismus protestirt hat, — ist etwa deshalb auch die Zeit zur Reform in Israel gemacht? — Hat etwa das Jüdenthum analog dieselben Entwickelungsstadien wie dasChristenthum durchlaufen, um jetzt schon an eine solche durchgreifende Umgestaltung zu denken!? — Glaubt nicht, Ihr Nachfolger, daß das Judcnthum, weil es das älteste monotheistische Princip verMt, darum jetzt so reif, ja noch reifer sei, als die viel jüngeren, christlichen Konfessionen!— Ein geknechtetes, in alle Welt vertriebenes Volk bleibt - noch langer als sein Druck, seine Verbannung angedauert haben, zurück in politischer und sittlicher Freiheit. Verkennt nicht absichtlich in diesen Worten meine gute Absicht, ich bin selbst Jude und will von ganzem Herzen das zeitliche und geistige Wohl meiner Glaubensbrüder. Allein, ich wiederhole es, die Stunde der Reform hat noch nicht geschlagen, noch ist das Judenthum in seiner Gesammtheit für die Glaubensreform nicht reif und kann es auch nicht sein. Schlaget auf, die Annalen der alten und neuen Zeit! Stehen z. B. die Neu-Griechen durch ihr nationales Unglück nicht allen civilisirten Völkern um mehr als rirt Jahrhundert in der innern Entwickelung nach? — Darum—wollt Ihr nicht eine frühreife Treibhausfrucht hervorlocken, die eben so schnell verdirbt als sie gezeitigt ist — darum lasset die Zeit ruhig und geduldig herannahen, lasset die Menge erst durch das unschätzbare Gemeingut der Bildung — nicht aber aus eitler Mode, nicht aus angenehmer Bequemlichkeit — nach freierm Glauben verlangen, lasset sie, wie die Vorkämpfer in Israel, Alle erst geistig sich selbst emancipiren, — alsdann wird ihnen auch „desLichtes Himmelsfackel" die wahre Reform, als Siegespalme für den heiligen Glaubenssreiheitskampf, ertheilen. — Der Glaube kann nicht eingeimpft werden, er sprießt als eine reine Himmelsblume aus der Tiefe des Busens hervor! — II. „Wer soll Euch Führer sein?" Ihr wollt, meine Glaubensgenossen, eine große That wagen, Ihr seid aber schon beim Alpha der Reform, die Alles zur Einheit und Alle zur Eintracht verbinden soll, uneinig und könnt Euch nicht verständigen in der Wahl eines Führers. — Wollen Euch Euere Geistlichen auf'die neue^Bahn führen,, so rufen die von der äußersten Linken: „Fort mit den Priestern, die uns gängeln, fort mit den Pfaffen, die uns bevormunden wollen; — wir sind jetzt Gottlob so weit, um allein' den Weg zu finden, wir sind mündig und können selbst unsere Sache führen. ' Die Männer der rechten Mitte aber —die die Majorität vertreten — sagen wieder: „Wir müssen doch einen Rabbiner zum Anführer'haben, — eine Reform ohne geistliche Sanktion kann keinen Bestand haben." — Märe, aber die Reform wirklich ein Postulat der Zeit, herv'orgegangen aus der innern, organischen Entwickelung des jüdischen Volkes, so würde sie sich gewiß Bahn brechen; der gesammte, gebildete Theil unserer Glaubensgenossen würde zur Fahne des Lichts und des Fortschritts geschworen Haben, und nicht einzelne Freischättler, die eine Religion haben wollen, aber nur eine nach ihrem Modell. Berlin und Breslau stehen jetzt auch in religiöser Hinsicht der Weltstadt Paris nicht nach, wo die Religionen weiland ad libitum fabrizirt wurden. — Ihr Gemäßigten, die Ihr die Reform unter der Aegide des Krummstabes unternehmen wollt, begnügt Euch mit dem konstitutionellen Throne und wollt die Rabbiner zu Eueren verantwortlichen Ministern erheben; — das Portefeuille soll diesen aber um einen hohen Preis anvertraut werden. Ihr. wollt ungenirt und guter Dinge leben, aber doch dabei fromm und gläubig sein; wo ist hier die Konsequenz? — . Um nun Euer religiöses Gewissen auf alle Wechselfälle dieses Lebens veraffekurirt zu wissen, erhebt Ihr Eure Priester in Gnaden zu Euren") Groß - Pönitentiarien, auf deren Konto Ihr auf Erden Schulden machen könnt, dabei aber gewiß seid, einst in den Himmel zu kommen und süß in Abrahams Schoos zu ruhen. — Ihr sehet doch wohl jetzt ein, meine lieben Brüder, daß die „Laien" keinesfalls die Reform'leiten können, — allein welche Garantie gewähren Euch Euere'„Geistlich en"? — Welche Macht besitzt eure Priesterschaft? Wo war je ein Stand von Einfluß und Kraft, dessen Glieder unter sich selbst zerfallener waren? — Leset doch die jüdischen Zeitschriften, rufet Euch die Ereignisse aus Frankfurt a. M. ins Gedächtniß zurück! Was war das Resultat ihrer Synoden und K'oncilien?—- Die Rabbiner-Versammlungen sind leider auch zu einem — Zweckessen herabgesunkin;. man kommt zusammen, um zu berathen, wo die Versammlung das nächste Jahr Statt finden soll. Ehrwürdige Rabbinen! — Vertreter des jüdischen Volkes' auf den Konsilien! Daß Euch Breslau nicht zum „Trident" werde!-- . *) Der Groß - Pönktentkarkus in Rom ertheilt in ganz belondern Gewiffensfällen im Namen des Papstes Dispensation.