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Der Orient · 1846-06-11 · Heft 24 (11.6.1846) · p. Seite 185

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Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 24 (11.6.1846)
Date
1846-06-11
Page
Seite 185 (sequence 9)
Language
German
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185 Posen, 29. Mai. Der schönste und segensreichste Plan, der. sich Ln unserer an jüdischen Gemeinden reichen Provinz ausgebildet, ist der der Kolonisation, d. h. die Förderung des Ackerbaues unter den ärmeren Israeliten, und zwar in eigenen für sich bestehenden Kolonien. Die Idee, welche diesen Plan hervorgerufen, ist segensvoll und groß und zeigt von tiefer Einsicht in die jüdischen Zustände; diese Idee, wenn ihr mit Ausdauer und Energie nachgegangen wird, hat eine schöne Zukunft, was man von so vielen auftauchenden Gedanken der Gegenwart nicht immer sagen kann, und wenn, unser Rabbiner, obgleich nicht aus der modernen Bildung hervorgegangen, weiter nichts realisirt, als diesen Einen Gedanken, so hat er für die Juden des Herzogthums, und mittelbar für das gesammte Judenthum, mehr gethan, als alle die modernen Projektenmacher aus den zwei früheren Rabbinerversammlungen. Wo die Zsraeliten nicht in so großen Anhäufungen lebenwie in einem großen Lheile des übrigen Deutschland, da mag es wohl noch hingehen, daß Alle sich dem Handel widmen; die Existenz derselben würde kaum bemerkt werden, wenn sie nicht durch den bedeutendeMHcrndel die Augen auf sich zögen, was aber in derartigen Provinzen wie Posen ganz anders sein muß. Hier ist die jüdische Bevölkerung zu dicht und gehäuft, als daß alle sich dem großen Handel hingeben könnten, und da die Mehrzahl sich dem Trödel und Kleinhandel widmen muß und da es weltbekannt, wie demoralisirend dies auf ihre Pfleger einwirke, so ist der Abzug eines Lheiles desselben zu andern Beschäftigungen schon eine Wohlthat und, wenn zum Ackerbau eine der größten. Die Grausamkeit voriger Jahrhunderte, welche das jüdische Leben und Weben, namentlich in socialer Beziehung, zu einem Zerrbilde gestaltet, die den Juden jenen absonderlichen Stempel aufgedrückr, der sie der Lächerlichkeit hingiebt, erwartet erst in ihrer Nachwirkung die Endschaft, wenn die Juden dem Ackerbau sich hingeben. Es ist ein Worurtheil Schwachdenkender oder Gedankenloser, welche da meinen, die Juden des jetzigen Geschlechts seien zu schwach und kraftlos für diese Beschäftigung; allein wahrlich das Herumhausiren in glühender Tageshitze, mit dem schweren Trödelsacke auf dem Rücken, ist eine schwerere Arbeit, die noch dazu entwürdigt. Und überdies müßte doch Einmal irgend ein Anfang gemacht werden, weil sonst auch das kommende Geschlecht nicht besser als das jetzige sein würde, und die Erfahrung übrigens lehrt, -daß tüchtige Arbeit stärkt. Zum Lobe unserer Posenschen Juden muß ich es auch sagen, daß dieser Gedanke mit allgemeiner Begeisterung in der ganzen Provinz ausgenommen wurde; so schlecht auch der Handel, der Erwerb bei uns ist, so gering auch die Hilfsquellen des Gewinnes fließen und in deren Folge so groß auch die Entschuldigung ist, so rief dieser Gedanke doch einen allgemeinen Eifer herbei, und es gehen nicht nur zahlreiche Subskriptionen ein zu jährlichen Beiträgen, sondern der Andrang von Familien zu solchen Arbeiten war, iw ist noch im Steigen, so daß man wenigstens nicht sagen kann, daß die Juden nicht arbeiten wollen. Nun da diese Angelegenheit so weit gediehen ist, so wäre es sehr zu wünschen, daß der Anfang recht beschleunigt werde. Es ist bereits für die erste Kolonie beim Hrn. Ober-Präsidenten die Bitte um Anweisung von Aecker eingereicht worden, und wie man hört, soll die erste Kolonie im Adelnauer Kreise begründet werden; - aber es ist die Aufgabe des Central - Vereins auf schnelle Erledigung zu drängen, um nicht die gute Sache durch das Schleichen der Büreaukrate umzubringen. Ihre Leser werden es gewiß gerne sehen, wenn ich den „Aufruf" mittheile, den der Central-Verein an die Gemeinden der Provinz hat ergehen lassen, und wenn gleich er bereits länger als einen Mo- * nat cirkulirt, so ist die Thätigkeit doch erst jetzt recht sichtbar. Der Aufruf lautet: „Die Bibel, der Talmud und die Geschichte der Juden weisen überzeugend nach, daß das jüdische Volk, als es noch einen Platz einnahm in der Reihe der Staaten, sowohl bei seiner ursprünglich theokratischen als später monarchischen Verfassung,. so v o r als nach dem babylonischen Exil, und selbst als ein großer Theil deffelben nach der zweiten Zerstörung'Jerusalems von dessen rauchenden Trümmern sich in die weiten Länder des römischen -Reiches zerstreute, fast ausschließlich mit dem Ackerbau und der Viehzucht sich beschäftigte, und durch diese Beschäftigungen seinen Wohlstand und seine Wohlfahrt begründete. Erst als das Feudalsystem festen Fuß in beinahe ganz Europa faßte und die Juden zum Feldbau nicht mehr ausgenommen, vielmehr von demselben entfernt wurden, erst als den Juden auf dem Lande-der Grundbesitz, in den Städten jeder Zugang zu zünftigen Gewerben versperrt war, als sie im Mittelalter und zur Zeit der K r e u z z ü g e die grausamsten Verfolgungen erlitten, und ihnen gleichsam ein Wanderleben aufgenöthigt war, da blieb zu ihrem einzigen Erwerbszweige nur der zu jener rohen Zeit verachtete Handel übrig und sie ergaben sich demselben und gewannen ihn endlich auch lieb, weil er ihr Dasein fristete und ihnen die Mittel verschaffte zum Schutze ihres Lebens. Aber Gottlob! alle jene Verhältnisse haben sich durch die Fortschritte der Civilisation durchaus umgestaltet. Fast in allen Ländern läßt man die Juden mehr oder weniger an den Bürgerrechten Theil nehmen, und so erscheint immer fühlbarer das Bedürfniß: den ärmern Theil der Juden von dem verachteten Klein - und Trödelhandel — von dem er beim Mangel an ausreichenden Mitteln und Gelegenheiten zu andern Erwerbsquellen sein Kummerleben erhalten muß — nach und nach abzuziehen, ihn für Arbeit, ordentliche Gewerbe, namentlich für Ackerbau, Viehzucht und ländliche Beschäftigungen zu gewinnen, und zu möglichst nützlichen Mitgliedern der bürgerlichen Gesellschaft zu erheben. Es ist nicht zu verkennen, daß der Jugendunterricht und die Erziehung der Juden in hiesiger Provinz sichtbar fortschreitet, und das Bedürfniß nach allgemeiner gründlicher wissenschaftlicher Bildung sich immer erfreulicher; regt, aber noch älter und ein größeres Bedürfniß als die Wissenschaft,

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