Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1846-06-11 · Heft 24 (11.6.1846) · p. Seite 184

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 24 (11.6.1846)
Date
1846-06-11
Page
Seite 184 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2360092-2360418-2360443--5470-3532299
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

- 184 - Am Schlüsse des Gottesdienstes wurde von dem Herrn Rabbiner ein hebräisches Gebet für das fernere Wohlergehen des edlen Reisenden vorgetragen, das mit einem tauten der zahlreichen Versammlung schloß. Hierauf wurde vom Vorbei er ein Mi-Schebarach für Sir und Lady Montefiore citirt; wonach sie dann die Synagoge verließen und den Rabbiner Herrn Dr. Gebhardt in seiner Wohnung mit ihrer Gegenwart beehrten, bald darauf aber unter den heißesten Wünschen aller Gemeindewitglieder, insbesondere der von ihnen durch den Rabbiner sehr reich beschenkten Armen, ihre Reise nach Posen fortsetzten, wohin sie nicht so unerwartet und überraschend' als hier, eintreffen werden, weil der Rabbiner Herr Dr. Gebhardt, ihre Ankunft daselbst durch Estaffette dem Rabbiner zu Posen angezeigt hat. Möge der Herr sie mit seinem Schutze glücklich zur Heimath geleiten! S. I. ÄViirtemberg, im Mai. Vom 4. bis 10. Mai fand in Tübingen die Prüfung für Rabbinats-Kandidaten statt. Kirchenrath Mai er'nahm die jüdisch - theologischen Fächer vor. Ein Mißbestand ist es, daß die angehenden Rabbiner auch noch in Elementarfächern examnrirt werden, da sie doch Gymnasien und Universitäten schon absolvirt und die Zeit auf der Hochschule den höhern Wissenschaften zu widmen haben. Die israelit. Oberkirchenbehörde dürfte sich darum beim Ministerium dahin verwenden, daß die jüdischen Theologen bei ihren Prüfungen in dieser Beziehung den christlichen gleichgestellt würden. Nur ein Kandidat, Sänger aus Laupheim, wurde geprüft und hat brav promoviri. Der schwarze Ritter, der so inhuman dem gewandten Pub licisten Dr. Carl Weil seine Religion zum Vorwurf gmacht hat, ist der Obersteuer-Rath M o ri tz M o hl, Bruder des wohlbekannten, seiner Stelle entsetzten Professors Robert v. Mo hl. Hier ein Pröbchen seiner ohnmächtigen fanatischen Wuth, "entnommen dem Beobachter: J ,,Herr Dr. Weil.hat mir. ferner vorgeworfen, mich der „Schmach des Judenhasses" als „Mittels" zu bedienen. Ich werde Hrn.-Dr. Weil sehr aufrichtig daraufantworten. Ich betrachte es zwar-als. ein Unglück für jeden europäischen Staat, eine israelitische. Bevölkerung von einigem Umfangein seinem gesellschaftlichen Verbände zu haben , wie ich es als ein Unglück für die Israeliten halte, über die Welt zerstreut unter Völkern zu leben, mit welchen sie, vermöge ihres Glaubens und der dadurch seit Jahrtausenden stereotyp gewordenen Stammesabsonderung, sich nie amalgamireu, nie zu einem Volke züsammenwachscn, bei welchem sie daher auch nie ein wahres und volles Vaterland gewinnen können. Aber dieses wechselseitigen Unheils der Zerstreuung der Juden über andere Völker unerachiet, oder vielmehr wegen des auch für die Jsraelitrn darin liegenden Unglücks, würde ich es für eine unsittliche Handlung halten, einem Israeliten seine Eigenschaft als solchen ms Gedächtniß zu rufen oder das Publikum an diese Eigenschaft zu erinnern, wenn die Handlungsweise oder eine bestimmte, gegebene Handlung eines Israeliten nicht eine solche ist, welche in die Kategorie der so Vielen dieses ' Volksstammes eigenen gelneinschädlichen Wirksamkeit fällt, .unter welche ich — mit. der ganzen Welt — den Betrieb oder die Beförderung des Wuchers und die Anpreisung vom Wucher unzertrennlichen Spekulationen hauptsächliche rechne, selbst dann rechne , wenn der Beweggrund hiezu bei dem Einzelnen kein persönliches Interesse, sondern bloser israelitischer Korperschaftsgeist oder das blose Wohlgefallen an solchen Spekulationen ist." Herr Moritz Mo hl wird durch diese Ausfälle seiner-oberstenerräthlichen Galle gegerr die Juden, die Popularität nicht erringen nach der er hascht. Für Eism- - bahnen und den Fortschritt kämpfen mit mittelalterlichen Waffen, ist ein Widerspruch, der Hrn. Mo hl nicht zur Ehre gereichen kann. Hr. Dr. Weit hat ihm aber gehörig nach Haufe geleuchtet und ihm die Larve vom Gesicht gerissen. Hätten wir mehr solche Kämpfer für Freiheit und Recht wie unfern Weil, so sollte bald der Judenhaß in Maulwurfslöcher sich verkriechen muffen. Wenn voll den sogenannten „Intelligenten" noch solche schmähliche Gesinnungen öffentlich ausgesprochen werden, so ist es nicht zu verwundern, daß, auch bei der Hoffnung auf Emancipation, viele Israeliten auswandern. In diesem Monate sind wieder einige Züge nach Nordamerika abgegangen. Aus Ellwangen wird Nachstehendes in einer Würtembergischen Zeitung berichtet: Ellwangen, 11. Mai. Heute sahen wir cme ganz eigenthümliche Gesellschaft/von Auswanderern nach Nordamerika hier durch passiren. Die ganze Gesellschaft bestand aus lauter Inden aus dem benachbarten Orte Oberdorf, Oberamt Ncresheim. Gewahren wir sonst bei Auswanderern die höchste Dürftigkeit an Fuhren, Kleidungen, und sonstigeln Aussehen, so sahen wir hier in'Allem Wohlhabenheit; ein eleganter Omnibus führt die Gesellschaft an Ort und Stelle, wo die Einschiffung stattfindet; alle, insbesondere die mitgehenden.hübschen Judenmädchen, stattlich gekleidet, verbunden mit einem heitern und muntern Aussehen. Die Gesellschaft führt eine Thora auf Pergament geschrieben mit sich, die sie . vor ihrer Abreise in der Synagoge zu Oberdorf feierlich einweihen ließ. Die. Auswanderer, zwölf au der Zahl, folgen ihren vor mehreren Jahren vorangegangenen Verwandten und Bekannten, die sie aufmunterten, .das ersehnte gelobte Land in Nordamerika zu suchen, da, wo ihren Glaubensgenossen nicht wie in den meisten deutschen Staaten, die natürlichen und bürgerlichen Rechte darum entzogen werden , weil sie festhalten am Glauben ihrer Vater — weil sie n ur glauben an den einigen Gott, den Schöpfer und Erhalter aller Wesen, den Gott, zu dem sich alle. gesitteten Völker der Erde im Gebete erheben.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.