Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 23 (4.6.1846)
- Date
- 1846-06-04
- Page
- Spalte 359-360 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8555529-9897631-9897656--4526-3532289- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
359 Möglichkeit oder Unmöglichkeit der Fortdauer unsers bisherigen Verhältnisses der Zeit nicht vorgreifen wolle, hatte ich meine Aufmerksamkeit und meine Erwartung bereits auf das nahe Osterfest gerichtet, weil ich, ohne das Talent einer Seherin zu besitzen, und lediglich mit ausreichender Kenntniß Ihrer bisherigen Verfahrungsweife ausgestattet, voraussah, daß die Art, wie Sie an den diesmaligen Ostersesttagcn amtlich fungiren werden, die Unnatürlichkeit Ihrer Stellung deutlich genug offenbaren werde.. Dein Lehrer, sagte ich mir, steht gegenwärtig in. innigster Beziehung zu den Genossenschaften; er hegt große Hoffnungen von der Genossenschafts- Synode, die während der Mittclfeiertage des Osterfestes in Berlin abgehalten werden soll; er erwartet, daß dort die Lebensfrage der neuesten Bewegung, die Befreiung des Lebens und der Lehre von den veralteten Satzungen,'verhandelt und im Sinne des entschiedenen Fortschrittes beantwortet werden wird. Es ist daher ganz unmöglich, so sagte ich mir weiter, daß dein Lehrer m diesem Augenblicke das Passahfest, dieses positive aller jüdischen Festtage/ dieses Fest der Erinnerung an jenen großen Akt, der der ganzen mosaischen Gesetzgebung als Ausgangspunkt dient, und auf den der göttliche Gesetzgeber bei den feierlichsten Gelegenheiten, bei den heiligsten Verordnungen immer und immer wieder zurückkommt , es ist unmöglich, sagte ich mir, daß dein Lehrer diesmal dieses allerpositivste jüdische Fest auf die einem Rabbiner obliegende positive Weise werde amtlich begehen können, da er, wenn auch nicht mit einem Fuße, so doch mit Aug' und Sinn auf genossenschaftlichem Boden steht. Der Erfolg hat meine Voraussetzung leider nur allzusehr .bestätiget und ich will Ihnen, mein Lehrer, hier Ihre diesmalige Thätigkeit für die Feier des Passasestes der Wahrheit getreu vorführen: vielleicht wird dies dazu beitragen, daß' Sie und Ihre genossenschaftliche Gemeinde die Unnatürlichkeit Ihrer gegenwärtig eingenommenen Stellung erkennen. Ich bin mir übrigens bewußt, mit strengster Gewissenhaftigkeit beobachtet zu haben, und bitte und beschwöre Sie, wenn bei der nachstehenden Erzählung auch nur die kleinste Thatsache unrichtig dargestellt oder irgend etwas Wesentliches übergangen ist, mich hierüber zu belehren und meine Angabe zu berichtigen. Sie haben, verehrter Lehrer, bei der Feier unsers Gottesdienstes eine doppelte Funktion, die eines Stimmführers und Berathers der den Kultus ordnenden Synagogen-Kommission, und die eines Predigers. Es war in Betreff des Kultus für die diesmalige Paffahfeier die Einführung einiger deutscher Gebete und die Uebersetzung der Haftara's ins Deutsche beschlossen worden. In Betreff der Texte und des Inhaltes der Predigten war, wie immer, Ihnen ganz freie, Wahl gelassen. Am ersten Festabende nun ward das hebräische Abendgebet eingeleitet durch ein dreistrophiges deutsches Lied von ganz allgemeinem Inhalte: weder des beginnenden Passah-- 360 festes, noch eines Festes überhaupt geschah darin die geringste Erwähnung. Es befindet sich dieses Lied im Gesangbuche des Hamburger Tempels unter der'Rubrik: „Der Mensch und seine Bestimmung. I. Seine Würde." (Nr. 79. erste Hälfte, der ältern Ausgabe) und beginnt: „Gott in Deinem Heiligthume wird mein Herz so frei und weit! Herr, zu Deines Namens Ruhme möchr' ich singen allezeit" u. s. w. Die Haftara des ersten Festtages ist bekanntlich aus dem Buche Iosua (5, 2—15 und 6, 1) entlehnt und bespricht drei Dinge: Die B e s ch n e i d u n g der , Israeliten auf Befehl -Gottes, die Feier des Passahfestes (5, 10-12) und die Erscheinung des Engels mit gezücktem Schwerte. Sie, mein Lehrer, wurden zur Ablesung der Haftara bestimmt, und — Sie ließen Beschneidung und Paffafest fallen und lasen und übersetzten bloß die letzten 5 Verse von der Erscheinung des Engels. Nach Ablesung der Haftara und vor dem Beginn Ihrer Predigt ward ein vierstrophiges'deutsches Lied wiederum von ganz allgemeinem Inhalte gesungen. Es befindet sich dasselbe im Hamburger Gesangbuche unter der Rubrik: „Gottesverehrung" (Nr. 255. erste Hälfte) und beginnt: „Hier an des Altares Stufen suchen wir Dein Angesicht; Vater, Deine Kinder rufen; Heiliger verwirf uns nicht" u. s. w. Zum Texte für Ihre nunmehr beginnende Predigt hatten Sie den für das Paffafest sehr geeigneten Bibelvers gewählt: „Beobachte den Frühlingömonat und feiere das Paffafest dem Herrn deinem Gotte." Ich freute mich schon, daß meine Voraussetzung nicht emtreffe. Allein was tyaten Sie? Wie Sie von der Haftara die erste positive Hälfte weggelassen harten, so ließen Sie jetzt vom Texte die letzte posi-' tive Hälfte fallen, und verarbeiteten blos die erste Hälfte, in der Uebertragung r „Bewahre dir den Frühlingsmonat", zu einer Frühlingspredigt. Sie schilderten in blühender Sprache die Schönheiten und Vorzüge des jetzt beginnenden Frühlings, im Gegensätze zu der sengenden Gluth des Sommers und der Stürme und des Frostes des Winters, und machten dann die Anwendung auf den Menschen, der zwar als Naturwesen dem Wechsel der Lebensalter, gleich der Jahreszeiten, unterworfen fei, der aber auch als göttliches Wesen sich im Herzen einen ewigen Frühling bewahren könne, durch Aneignung und Bewahrung der höheren geistigen und moralischen Eigenschaften und Vorzüge u. s. w. Vertauschte man die Anrede: „mein Israelit" mit „mein Christ" oder „mein Gläubiger", so konnte Ihre Predigt vom ersten bis zum letzten Worte in jeder Kirche und in jeder Moschee (wenn in dieser gepredigt werden sollte) dem Inhalte, nach als passende Frühlingspredrgt gehalten werden. Von einer Beziehung auf Iudenthum, auf mosaische Lehre, auf dasPassafest, auf die zweite Hälfte des Textes, war nicht im entferntesten die Rede. Nach der Predigt ward die letzte Hälfte des oben erwähnten Liedes Nr. 265 des Hamburger Gesangbuches gesungen, Studien. Die Reformverwirrung in Breslau.