Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 22 (28.5.1846)
- Date
- 1846-05-28
- Page
- Seite 173 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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175 und edler Menschen überhaupt sich hier bewähren wird, denn nur in solcher Art wie es hier gegeben wird, wo den Familien ein Nahrungözwcig eröffnet wird, daß sie nicht elend darben, ist wahre-Miildthätigkeit. Vor allem scheint es uns aber heilige Pflicht der Presse, die Theitnahme überall anzuregen, weßhalb ich auch alle geehrte Redaktionen bitte, ihr Wort bei den Lesern ihrer Blätter einznlegcn. Hamburg, 10. Mai. Die Broschüre, auf welche ich schon früher aufmerksam machte, und die den Titel führt: ,,Offenes Sendschreiben an den Dr.'Stern in Berlin" ist eine ziemlich scharfe Polemik gegen die Berliner Reform. Ohne sich auf Orthodoxie zu' stützen, zieht sie heftig gegen die acht Vorlesungen, welche Dr. Stern gehalten, zu Felde, kann aber nur als eine Skizze betrachtet werden, denn erschöpfend ist sie keinesweges. Als Beispiel möge folgendes' Fragment daraus Ihnen dienen: ,,ES gehört dazu in der That ein Muth und eine Entschlossenheit, die eines besseren Jeschickes würdig ist, einer jüdischen Versanunlung als Jude gegenüber sagen zu können: „das Jndenthum muß. sich erst die Anerkennung erringen, vermöge derer ihm der Eintritt in..das.Leben der Gesammtheit möglich wird". Dieser Muth und diese (^ntfc^;^üffe^^ctt erfcC;cincn als noch bedeutender, wenn man sieht, wie der Redner doch gegen das, was die Juden seit 50 Jahren geworden, nicht blind ist, und nur und -einzig und-allein die Religion als ein Hindern iß zur völligen Freiwerdnng betrachtet — weil der Staat ein christlicher ist. — Also deswegen darf der Jude verachtet,,geknechtet, ausgeschlossen werden, deswegen ist er von Separatgesetzen abhängig, deswegen darf er nur hier und da und nicht überall sein Brod verdienen, deswegen darf er nur dieses und jenes Gewerbe und nicht alle Gewerbe betreiben, deswegen muß er alle Lasten des Staates mittragen, seinen Kul-' ins aus eigellen Mitteln obendrein bestreiten, und ist nur der Sklav, der Verachtete, der Ausgestoßene, dem Gesetze des Staates gegenüber der Paria! Und Dr. Stern, der Gründer einer neuen Kirche, der Freund der Juden und des Judenthums, er findet das Alles recht und schön, oder doch, er hat nicht den Mnth zu sagen,' daß es Unrecht und Verrath am Heiligsten ist, er sagt, daß sich das Jndenthum erst — durch seine Reform wahrscheinlich — jene Anerkennung schaffen müsse, vermittelst welcher es in die Gesammtheit eintretcn könne! Das ist ein unverzeihlicher, schreiender Verrath! Schon dadurch ist Dr. Stern nicht würdig geworden, für die Angelegenheiten der Juden das Wort zu führen, denn wer solche Sprache führt, der schließt sich selbst aus ihrer Gemeinschaft aus. Und nun können wir uns auch nicht mehr wundern, wenn der Redner weiterhin sagt: cs sei die Aufgabe des Jndenthnnrs, sich dem Christcnthum zu nähern, damit auch dieses leichter den Weg zu ihm zurnckfinde imfe beide sich endlich auf einein Boden wieder begegnen, den sie alö einen gemeinsamen Besitz anerkennen werden --— * Herr Dr. Stern aber hat seinen Zweck erreicht; er hat eine Gemeinde ins Leben gerufen, die sich freilich nicht nach seinen Prineipien gebildet, aber doch durch sie entstanden ist. Freilich lächelt man über diese Gemeinde', die bisher weiter nichts gethan als drei Tage Gottesdienst gehalten; aber sie ist doch da, veranstaltet Versammlungen, Festessen, ihr Dasein ist also nicht zu leugnen! Herr Dr. - Stern ist freilich weder Rabbiner, noch Prediger, noch Lehrer dieser Gemeinde, aber er ist Reformator und bezieht seinen.festen Gehalt; und gewiß hat Herr Dr. Stern seinen Zweck erreicht. Hamburg, 24. Mai. Düse Blätter haben bereits die Nachricht gebracht, daß die Tempelgemeinde hier damit umgeht,^eine „Tempelbibliothek" zu begründen, und es wird wol den Mern Anehm sein, etwas Näheres darüber zu erfahren. Dr. N. Frankfurter hat im Namen der Cultus-Commissi'on des neuen israelitischen Tempel-Vereins ein Cirkular angefertigt, -worin er auffordert, für eine zu begründende Tempelbibliothek an Büchern beizutragen, und diese Cirkutare werden nun herumgesandt. Aber je löblicher das Anlegen einer solchen Bibliothek in der That ist, je ehrenvoller für den Tempel der Besitz reiner solchen Bibliothek auch jedem Unbefangenen erscheinen muß, um so mehr ist es .zu bedauern, daß einige Lächerlichkeiten damit verbunden worden sind, was gewiß leicht hätte vermieden werden können. Die erste Lächerlichkeit ist der Name „ Temptt'bibliothek", der als Karrikatur der von Esra angelegten Tempelbibliothck zu seinscheint. Die andere Lächerlichkeit ist, daß die Cirkulare/ worin es heißt: Was Ew. Wohlg. an jüdischen Schriften in hebräischer oder jeder andern .Sprache aus früherer oder neuester Zeit besitzen und entbehren können, würden wir dankbar annehmen ": nur an solche Personen ergänz, die weder hebräische noch andere Bücher haben, es sei denn Conto-Bücher. Biele Kaufleure müssen dieses Cirkular wahrlich als Ironie ergehen und die Bücherbesitzer müssen natürlich über dieses Uebergangensein lachen. Die dritte Lächerlichkeit ist die Aufzählung der Facher, wobei der .Schreiber solche Grenzen zog, daß die Bibliothek des Kaisers ron China auch hineinginge. Jedoch will ich'hier das Aktenstück" selbst mittheilen:' - „Bei der festen Begründung unsres Tcmpelinstituts nach innen mußte das.Augenmerk der Kultus-Kommission darauf gerichtet sein, den Einfluß des Tempels immer mehr zu erweitert und ihn zu einer Anstalt zu erheben, die nicht nur den Anforderungen der religiösen Bedürfnisse der Gemeinde, sondern allmählig auch ,der wissenschaftlichen Ausbildung der' jüdischen Theologie überhaupt immer mehr diene. Was demnach geeignet erscheint, den Neu erwachten Geist im Judentum zu beleben, das wollen wir suchen mit dem Tempel zu verbinden, aus dem Tempel zu büten. Nun aber ist eine religiöse Anstalt, versehen zugleich mit einem wissenschaftlichen 23 *