Mannheim
Compact Memory

Der Orient · 1846-05-28 · Heft 22 (28.5.1846) · p. Seite 170

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 22 (28.5.1846)
Date
1846-05-28
Page
Seite 170 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2360092-2360418-2360441--5454-3532265
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

- 170 - Ursache sei, warum jene mit solcher Akklamation ausgenommen wurden. Wir jedoch müssen diese vermeintliche DienstfertigkeiL schon im Interesse der Wahrheit auf das Entschiedenste ablehnen. Wir danken schönstens für die Ehre, in den Kreis der Reformgememden eingeführt zu werden , für die Ritterlichkeit' mit der der Herr Korrespondent unsere Sache gegen jenen in Nr. 4 verficht, aber annchmen können wir beide nicht. Warum sollten wir uns auch ein Verdienst 'aneignen, das wir nicht besitzen. Gestehen wir lieber unsere Sünden allsrichtig ein; schlagen wir demüthig und bußfertig an unsre Brust, und bekennen wir es offen: Der Kern der Gemeinde hier, ist liorribile di du — wirklich orthodox, und diejenigen die ja Tresa essen, thun es, wie der Korrespondent im Israelit Nr. 4 --sich-so ungemein treffend und verständig ausdrückt, ohne Bewußtsein. Legen wir mit gesenktem Haupte das Geständniß ab, an uns Pragern ist Rabb.- Versammlung und Reform-Verein "vulgo Hopsen und Malz verloren. Ich habe scharf hingehorcht, im Stillen sogar, aber „den Geist der Reform" habe ich bei uns nicht einmal ,,im Stillen 'hämmern und schmieden hören." Von dem neuen Glauben, voil dem Judenthum, ist hier so viel wie gar nichts anzutreffen; die konservative Richtung herrscht hier allenthalben vor, die talmud- und bibelstürmende Literatur findet hier keinen.Anklang, und der kritische Geist nnserer Gelehrten wagt es noch immer nicht, auch die Grundlagen unserer Religion einer auflösenden Skeptis zu unterwerfen.*) Schlimmer als alles dies aber ist, daß solche Aufsätze wie der in Nr. 4 des Israeliten hier nicht nur keinen verschiedenen sondern gar keinen „Eindruck machen", daß die Einen „nicht empfindlich darüber find, und die Andern „nicht einmal eine stille Freude daran Haberl"' und dies alles ans den: einfachen Grunde, weil der Israelit so verrufen ist, daß er vielleicht keine drei Abonenlen hier zählt, die Mehrzahl dieser drei endlich gewiß von derartigen närrischen Berichten nichts, als eine wehlthätige Erschütterung ihres Zwerchfells verspürt haben werden. So ungünstig aber auch die Stimmung hier der neuen Lehre und ihren Verbreitern ist, insofern sie unter dem Schilde der Autonomie des Geistes die Autonomie des Körpers im Schilde, führen,-aus eine desto wärmere Theilnahme kann ein Unternehmen hier rechnen, das den Zweck hat, die alte Lehre den Gemüthern zugänglich zu --machen,'und die vom Zeitfroste des Jndlfferentismus erstarrten Herzen mit ihrem Lichte zu erwärmen. Es lebt *) Welche Stelle im ^ijd UHDin der Hr. Korr, des Israelit meint, in der Hr. N a p a p o r t sagen soll, die mündliche Lehre sei später als die schriftliche entstanden, haben wir nicht Hausmitteln können; jedesfalls scheint diese Verdächtigung auf einem Misverständniß, wo nicht auf einer Lüge zu beruhen. im jüdischen Volke hier ein bedeutender Fond von religiöser Wißbegierde, ein Durst nach näherer Kenntniß seiner'Glaubensquellen,'ein Sehnen nach Belehrung und Erbauung im Sinne altjüdischer Gläubigkeit, das lechzend auf Befriedigung harrt. Eine solche boten uns aber irr der That die Vorträge des Hrn. Dr. Wessely. Den gewiß von orthodoxem' Geiste durchwehten Kufari zu Grunde legend, nimmt der Redner Veranlassung gemüthreiche und belehrende Reflexionen anzureihen-, die mit Talmud- und.Midraschstellen belegt und in volksthümlicher Sprache vorgetragen, ihren Eindruck auf die nach ihrer Bildungsstufe entsprechender, geistiger Nahrung sich sehnenden Menge, nicht verfehlen. Hr. Dr. W. hat hiermit in der That einem Bedürfnisse abgeholfen und sich dadurch ein ungemeines Verdienst erworben. Seine Vorträge vereinen die Vorzüge der beiden gewöhnlichen Darstellungsweisen von gottesdienstlichen Reden, der Derascha und der Predigt ohne deren Mängel zu haben. Denn verhehlen wir eö uns nicht, die Predigt wie sie in der Regel ist, unterscheidet sich, die Vermeidung des Dialekts ausgenommen, sehr wenig nur von der alten Derascha; die früheru träumerischen Deuteleien, die ewigen geschmacklosen Allegorien, die überschwenglichen Symbolisirungen der Agadas werden nun blos in einem schmuckem Gewände uns vorgcsührt; man erkühnt sich in der deutschen Predigt eben so wie. in der einstigen Oerascha die göttlichen Woree der heiligen Schrift zu verdrehen und ihnen mit Bewußtsein eine lügnerische Interpretation unterzuschieben. Und es besteht zuletzt der ganze Unterschied nur in dem Mangel eiiles belehrenden Elements und dem Ueberfinß an Bilderschmuck, rednerischen Floskeln und bunten hohlen Phrasen. Statt kräftiger Ideen und gründlicher Betrachtungen werden die Hörer mit witzelndem Ohrengeklingel regatirt, statt nährender Kost werden pikante Saucen gereicht, .überwürzte Ragouts, die nur den Geschmack verderben und die Gesundheit unterminiren. Ist dies bei dem Gebildeten der Fall, der auf tausend andern Wegen für seinen Geist Befriedigung findet, sö ist der gemeine Mann, den Nahrnngssorgen verhindern, aus andern Quellen zu schöpfen, doppelt zu beklagen.. Das Schellengeläute prunkender Redensarten in den herkömmlichen Predigten ist außerdem, daß es ein leerer Schall ist, für sein Ohr ganz unverständlich; für den Glanz der Schaumperlen, den man statt des Weines reicht, hat er ntd;t einmal einen Sinn. Da stand selbst die Derascha trotz ihrer talmudischen Termen seinem Verständnisse näher, auch fand er da doch Stoff für sein Denken, wenn auch in verzerrter Gestalt. Ans beiden nun die Lichtseiten herauszuheben, eine Predigt.mit wahren gründlichen Reflexionen und kernigen Gedanken etwas didaktisch gehalten, ohne Allegoriesucht und ohlie Bilderschwulst, meinem schlichten einfachen populären Style, das ist es, was dem Volke noth thut, was Hr. W. zur Ausgabe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.