Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 19 (7.5.1846)
- Date
- 1846-05-07
- Page
- Spalte 295-296 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/8555529-9897631-9897651--4490-3532217- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
295 wirklich nur die Folge einer unbestimmten religiösen Überzeugung? oder ist er nicht vielmehr ein reiflich erwogener und geschickt angelegter Plan, um damit den doppelten Zweck zu erreichen, einmal unter das weit ausgebreitete Dach eine recht große Anzahl von Lheilnehmern zu sammeln, mit welchen man alsdann sicherer an das erwünschte Ziel zu gelangen hofft- und zweitens, um durch die bestimmte und offene Darlegung seiner religiösen Ueberzeugung sich nicht die direkte^ Mitwirkung und Lheilnahme der Rabbiner vorweg zu verschlagen, welcher-man als geistlicher Autoritäten, der unwissenden Menge gegenüber, zur sichern Erreichung des vorgesteckten Zieles nicht entbehren zu können glaubt? Ist dem nicht also, mein Lehrer? — Sie wissen es, so gut als ich und Jedermann, der sich darum kümmert, es weiß, daß die Anreger und Führer der jüdischen Genossenschaften als den wahren und eigentlichen Zweck ihrer Vereinigung die Ausgleichung der jüdischen Lehre mit dem Leben betrachten', so freilich, daß nicht das dem jüdischem Ceremonialgesetz entfremdete oder sich entfremdende Leben wieder anfange, der jüdischen Lehre mit ihren Observanzen sich zu fügen, sondern vielmehr umgekehrt, daß die jüdische Lehre dahin gebracht werde, das dem Ceremonialgesetz entfremdete oder entfremdende Leben gut zu heißen. Man will nicht, weil man bis jetzt, im Widerspruche mit der jüdischen Lehre, am Osterfeste Brod gegessen hat? aus einem neuerwachten religiösen Drange nun wieder anfangen, acht Tage lang nur von Mazza zu leben, sondern man will, um vor der Welt, namentlich der christlichen, und allenfalls auch vor seinem Ge- .wissen gerechtfertigt zu erscheinen, die jüdische Lehre so gestaltendaß sie gegen das Brod- Essen am Osterfeste nichts Gegründetes einzuwenden habe. Ist dem nicht also, mein verehrter Lehrer? Und ebenso will man nicht aus Gewissensdrange zur strengen Observanz eines 25stündigen Hungerns am Versöhnungstage zurückkehren oder bei ihm verbleiben, um das Leben mit der Lehre in Einklang zu bringen, sondern man will, da 25 Stunden lang hungern ein beschwerliches, peinigendes Ding ist, von der jüdischen Lehre die Erlaubniß erhalten, das „Peinigen der Leiber" in ein „Demüthigen der Seelen" zu verwandeln: könne man doch auch mit gesättigtem Leibe vor dem Herrn und Vater, dem Vergeber der Sünden , sich demüthigen. Ist dem nicht also, mein verehrter Lehrer? An welche der bewegenden Kräfte in den neuen jüdischen Genossenschaften Sie um Aufschluß bittend sich wenden, überall werden Sie , freilich vorläufig erst unter erer Augen und vertraulich, meine Angabe bestätigt finden — wenn Sie es überhaupt noch für nöthig finden sollten, darnach erst zu fragen. Träten nun die Führer der Genossenschaften mit' dieser ihrer Absicht in bestimmten, unzweideutigen Worten vor die Welt: dann würde erstlich die Lheilnahme für ein solches Unternehmen in Deutschland (von den übrigen Ländern Europas kann natürlich gar nicht die Rede sein) gegenwärtig noch sehr gering und dürftig sein; und zweitens würden die Rab- 296 biner sich wohl hüten, als Teilnehmer und Lobredner eines solchen Strebens öffentlich bervoozutreten. Rabbiner aber m uß die Genossenschaft für sich haben, weil ja sonst ihr ganzes Beginnen vor der Welt der wissenschaftlichen und amtlichen Sanktion entbehrt.; ° Darum hat man es klüglich so eingerichtet, 'daß an den Genossenschaften, nach ihren Manifesten zu urtbeilen, Jeder Theil nehmen kann, der den religiösen Fortschritt wünscht, und der den Zwiespalt der jüdischen Lehre und des Lebens der Gegenwart anerkennt. Solcher Männer aber ist cine große Zahl, und zu diesen Männern glauben auch die.Rabbiner der Gegenwart sich, unbeschadet ihrer amtlichen Stellung, sich öffentlich zählen zu dürfen. Denen, welche etwa vordem. Beitritt nach bestimmten Principien der Genossenschaft fragen, wird gesagt: „Das wird sich schon finden; das wird später die Synode und die Rabbinerversammlung bestimmen; wir selbst bestimmen jetzt nichts; alle unsere Maaßregeln sind nur vorläufige; wir wollen den Fortschritt im Juden- - thum, und wer den will, der muß sich uns anschließen.". Ist dem nicht also, mein verehrter Lehrer? —'Und so treten Viele bei, die Einen aus wirklichem rtligiösem Drange, die Anderen aus persönlicher Gefälligkeit gegen die Ausfordernden/ die Dritten aus Furcht, nichtbeitrendend als Feinds des Fortschrittes, als Finsterlinge gescholten zu werden.- Und die Rabbiner erklären.: den Grundsätzen d'es Judenthmns gemäß richten wir blos die. Thacken, nicht die Gesinnungen und Absichten; was aber die Genossenschaft bis jetzt gethan'hat, ist dem Judenthume nicht engegen; darum nehmen wir Theil an ihr und empfehlen ihr Streben als nachahmungswerth". Ist dem nicht also, mein verehrter Lehrer? Wie man aber zu verfahren weiß, nachdem man die Lheilnahme der Rabbiner und Nichtrabbiner erlangt'hat, davon will ich Ihnen ein Beispiel vorführen, das ich Ihnen zugleich als vollkommen wahr verbürge. Das Statut der.Berliner'Genossenschaft bestimmt, daß, so oft 20 Mitglieder.derselben eine General-Versammlung wünschen, diese stattsinden müsse. Es sollte diese Bestimmung der Eigenmächtigkeit des Komite's in religiösen Anordnungen Vorbeugen, und beruhigte daher viele Gemüther als Präservativ gegen allzustürmische Fotschritte. Als nun im vorigen Jahre der Gottesdienst für die'hohen Festtage'eingerichtet werden sollte/und das Komik« mit Zuziehung einiger Rabbiner, Anordnungen traf, die vielen ' Mitgliedern als unjüdisch und selbst antimosaisch erschienen, -traten zwanzig Mitglieder zusammen, und forderten vom Komik«, auf das Statut' gestützt, eine Genecal-jLersammlung. Sie wurden aber, dahin beschieden, daß die Umstände das Abhalten einer General-Versammlung unthunlich erscheinen lassen; wenn die Herren etwa religiöse Skrupel hegen, so mb'-- gen sie an einer Sitzung des Komite's theilnehmm und ihre Bedenken vortragen. Die zwanzig Herren mußten, da ihnen ein anderer Ausweg nicht möglich war, in den Vorschlag des Komite's eingehen. Sie erschienen in der nächsten Sitzung Studien. Aktenstück der Messraszeit.