Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1846)
- Date
- 1846-05-07
- Page
- Seite 143 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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■\ . . ’ ' - 143 - Schwiegerväter wachsen nicht so ans den Bäumen — und das ist eben schlimm. — Die durch L.'s Abgang erledigte Predigerstelle soll bald wieder besetzt werden. Vorgestern und gestern, als am ersten und zweiten Passafesttage, hat ein gewisser CasselH aus Berlin in der Brüderschule mit Beifall gepredigt. Man sagt, er habe Hoffnung, angestellt zu werden. Dr. Hirsch seid's Abhandlung: „Die Rabbinerversammlung, wie sie ist und wie sie sein sollte" in den drei letzten Heften der Fraukel'fchen Zeitschrift ist hier mit Vergnügen gelesen worden. L. W. Berlin, 30. April. Die jüdische Reformgenossenschast, die seit einem Jahre in Berlin besteht, hat einen neuen Abschnitt ihrer Geschichte betreten. Das diesjährige Osterfest nämlich wurde mit geordnetem Gottesdienste'in einem eigens dazu erworbenen* *) wohl eingerichtetem Tempel gefeiert, wobei Orgel, Chor, Predigt, Inhalt und Form der Gebete, Gebräuche und Haltung der Gemeinde gänzlich von der alten Synagoge und ihren Gebräuchen abweichen, und sich , mit Ausnahme des großem Inhaltes der Gebete, stark der christlichen Kirche nähern. Wir haben diesem Gottesdienste beigewohnt, und sind zu der Ueberzeugung gelangt, daß bei allem lobenswerthen Streben nach.Fortschritt in der freien Auslegung der Gesetze religiöser Nothwendigkeit, und bei aller Bemühung, den Synagogenkultns zu reinigen und jit veredlen, doch noch große, wenn auch nicht unübersteigliche Entfernungen und Hindernisse zwischen Streben und Ziel liegen. Man muß gestehen, daß der Vorstand der Genossenschaft bei der Wahl seiner Maßregeln nicht immer von jener Umsicht geleitet wird, die bei einer mit der Unbehitflichkeit der ersten Lebensjahre ringenden Partei im Angesichte lauernder und unversöhnlicher Feinde nöthig ist. Die klare Darlegung der Gerechtigkeit der Sache und der Redlichkeit der Absicht, vor allem aber die Theilnahme der alten Mitglieder und die Hoffnung auf neue hätte durch nichts mehr begünstigt werden können, als durch den hervorgebrachten Eindruck der Kirchen feiet. Aber gerade hierbei warm die Gegenstände eener scharfem Auffassung fähig. Bei dm Gebeten, die vieles zur Andacht Stimmende haben, fehlt Ebenmaß, Konsequenz, die Entschlossenheit mit der Synagoge gänzlich zu brechen, während in der änßernHaltung, zum Schrecken der Rcsormgmeigtm und zur Verwünschung der Orthodoxen, alle jüdische Färbung gewichen ist. In diesem Allen hätte die einfache Klugheit und die gute Absicht, der Reform Freunde zu gewinnen 4) Nicht zu verwechseln mit Dr. David Cassel in Berlin, dem Herausgeber des Kore ha-Dorot. *) Die Genossenschaft hat den ehemaligen Saal des Panorama von C. Gropius auf mehre Jahre gepachtet. Schonung gebieten müssen; aber ein großes und doch leicht zü vermeidender Mißgriff war die Wahl des Festpredigers, Rabbiners Hirsch aus Luxemburg. Wir wollen nur gleich sagen, daß Dr. Hirsch viele Eigenschaften eines guten Kauzetredners hat, und daß auch seinePredigten hier nicht ohneWirkung blieben; dennoch war seine Berufung, so wie die des Magdeburger Rabbiners P h i l i p p s o n zu den Herbstsesttagen des vorigen Jahres, ein Mißgriff, obgleich auch Dr. Philippson homiletische Gaben besitzt. Die Berufung eines auswärtigen, oder gar ansländischm Predigers auf wenige Tage, die mit verhältnismäßig Ungeheuern Kosten verbunden ist, schließt stillschweigend eine Demonstration, oder einen Wettkampf mit den anerkannt reichbegabten Prediger der alten Synagoge ein; es stand dabei Gewinn und Verlust der Theilnahme in hohem Grade auf dem. Spiele, mau hätte demnach entweder einen anerkannten reformistischen Prediger gewinnen müssen, oder gar. keinen. Man hatte entweder Frankfurter, Geiger oder Salemon zur Uebernahme der Gästpredigten bewegen müssen, oder es hatte ein gebildetes Glied aus der Gemeinde selbst die Kanzel besteigen müssen. Der Dr. Stern, der Gründer und Vorsteher der Genossenschaft, wetteifert mit dem hiesigen orthodoxen Prediger Dr. Sachs ebenso in Redner-Gewalt und philosophischem Geiste, wie er ihm in rabbinisch-Linguistischer llnd jüdischgeistlicher Gelehrsamkeit nachstehen mag. Hätte er im neuen Tempel die Kanzelreden bis zur definitiven Wahl eines.PEigors gehalten, so wäre die Genossenschaft von dieser Seite nicht kompromittirt worden, denn er hätte durch seine Redekraft die Zuhörer hingerissen und den etwaigen Mangel homiletischer Knust hätte man ihrn, dem Laien, gern verziehen; der Rabbiner aber von weitem Auslände, der mußte glänzenden Erfolg haben, mit einem mittelmäßigen Erfolge bringt er das Ansehen der Genossenschaft von einer Seite in Gefahr, und wir fürchten letzteres ist durch Philippson und noch mehr bei der Wiederholung durch Hirsch geschehen. Wir sind ein Freund der Reform und hätten gern die Verantwortlichkeit weggewünscht, die der Vorstand durch den gerügten Schritt ans sich geladen hat. Wir haben auch gewiß keinen Grund imb keinen Wunsch, die Herren. Hirsch und Philippson als schlechte Prediger zu bezeichnen, im Gegentheil, sie würden kräftig und achtungswerth ihren -Platz aus der Kanzel einer bestehenden Gemeinde behaupten. Allein hier galt es etwas Größeres l Einer, tiefen Auffassung ihrer Mission hätte ein geprüftes Bewußtsein ihrer Mittel folgen müssen! In einer Gesellschaft von Antireformern sprach man in nicht sehr schmeichelhastm Ausdrücken, vielmehr, mit Schadenfreude von dem Erfolge des reformistischen Gottesdienstes, und einer warf die Frage aus, wie es kommt, daß Rabbiner so. zahlreicher Gemeinden, wie Magdeburg und Luxemblwg gerade an den bedeutendsten Festen, wie 19*