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Der Orient · 1846-04-30 · 18 (30.4.1846) · p. Spalte 281-282

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Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
18 (30.4.1846)
Date
1846-04-30
Page
Spalte 281-282 (sequence 5)
Language
German
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281 Studien. Aktenstück der Messraszeit. 282' tung gegen jede Ihrer Aeß erringen mich wie eine Gotteslästerin behandeln würde,-wenn er meine Rede vernähme. Wahrlich, auch ich bin mir bewußt. Ihnen zugethan zu sein reiner und inniger vielleicht, als jene Anbeter und Anhängerinnen — aber Ihr Wort höher als das Wort Gottes zu achten, aber Ihnen in allen Ihren Willensmeinungen zu folgen, nichtweil Sie mich überzeugt haben, sondern weil Sie es so wollen: das kann ich nicht, und ich würde mich selbst verachten, wenn ich es jemals gekonnt hätte. Ew. Ehrwürden erinnern sich ohne Zweifel noch jener schönen Zeit unsers ersten Zusammentreffens, da Sie, der Aufforderung meiner damaligen Vormünder Folge leistend, sich hierher begaben, um meine religiöse Ausbildung zu übernehmen. Mit überschwenglicher Freude, mit aller Gluth, deren ein jugendliches, von Religion entflammtes Gemüth fähig ist, kam ich Ihnen entgegen, und ich war hochbeglückt, daß die ersten äußern Zeichen Ihrer religiösen Überzeugung in Ihnen den Mann erblicken ließen,- der unsere Religionsbräuche mit strenger Gewissenhaftigkeit ausübt. Sie lehnte n d a m a l s j e d e E i n l a d u n g ab, furcht e n d, bei irgend Einem die Spe iseg e s'e tz e zu übertrete n; an die Pfosten der Lhüren Ihrer Wohnung mußte die M e s u sa angebracht werden; das Sammetkäppchen wich nicht von Ihrem Haupte;-in der ganzen Stadt mußte ein sogenannt er „Zwicker" ausgesucht werden, damit Ihr Bart nach ritueller Vorschrift abgenommen werden könnte; ja ich selbst mußte, trotz meiner st r e n g e n r e l i g i o s e n O b se r v a n z lächeln, als ich Sie am Sabbat von Ihrer Wohnung nach dem Te m p e l g Le i ch e t n e m alten polnischen Rabbi mit über den Kopf gezogenemLa(lis einherschreiten sah. Die öffentlichen Zeichen ritueller Gewissenhaftigkeit mußten — so glaubte ich damals — al le Bed enken und Befürch tungen, welche sich gegen Ihre Berufung nah und fern e r h o b e n h a t t e n, als n i ch t i g e r w e i s e n. Zwar fehlte es auch damals schon an Leuten nicht, die bedenklich und mistrauend den Kopf schüttelten, und in Ihrer Ceremonial-Observanz nichts als eine ganz gewöhnliche Pastoralklugheit finden wollten. Allein ich konnte so über Sie nicht urtheilen; ich konnte nicht glauben, daß wer die Religion zu lehren sich berufen fühle, mit ihren Gebräuchen leeres Spiel treiben könne.' Und so wurden Sie zu meinem Religionslehrer erwählt. Nach langen, schweren Kämpfen, bei denen meine Vormünder, und ich Gelegenheit genug gehabt haben, Ihnen unsere treue Anhänglichkeit und unsere Ausdauer an den Lag , zu legen, gelang es Ihnen endlich, Ihr neues Amt anzutreten. Die Lehren, die Sie nun mir ertheilen, waren mit den Vorschriften des bestehenden Iudenlhums übereinstimmend; Ihre Ceremonial-Observanz behielt die frühere Strenge; ja Sie gaben augenscheinlich viel darauf, manche spätrabbinische rituelle Funktionen, deren Sie sich wohl hatten entschlagen können-, selbst zu verrichten. Und traf es sich einmal, daß eine ' Ihrer Religionslehren mit dem bestehenden Iudenthum nicht übereinzustimmen schien und mich stutzig machte; so wußten Sie bei der ersten passenden Gelegenheit mir ausführlich zu beweisen, daß Sie es so nicht gemeint hätten, und daß meine Zweifel und Bedenken nichtig wären. In solcher Weise verstrichen mehrere Jahre Ihrer Berufsthätigkeit. Ich schritt in der religiösen Entwickelung naturgemäß vor, ich fügte mich gern und willig in Ihre Anordnungen, welche den Charakter der Besonnenheit, der Mäßigung, der gewisienhaften Berücksichtigung meiner Entwickelungsstufe an sich trugen. Schon wandte Mancher, der Ihnen anfangs feindlich gegenübergestanden hatte, sich Ihnen zu und faßte Vertrauen zu Ihren Lehren, zu Ihrer praktischen, Wirksamkeit — da plötzlich fuhr ein giftiger Lufthauch über Ihre Pflanzungen, und erstickte die Knospen, als sie eben sich erschließen wollen. Auf eine noch erst im Entstehen begriffene religiöse Bewegung , deren schwache Kunde von Berlin aus zu uns herübertönte, beeilten Sie sich, öffentlich der Lobredner Derer zu sein, welche öffentlich die mir noch heiligen Sabbat- und Speisegksetze angegriffen hatten; und seit jenem unheilvollen Augenblicke ist das Vertrauen m die Aufrichtigkeit Ihrer Lehren und Ihrer Einrichtungen so mächtig erschüttert worden, daß ich an seine völlige Wiederherstellung nicht glauben kann. Zwar beeilten Sie sich auf die ernste Mahnung meiner damaligen Vob'mündcr'eben so sehr, öffentlich Ihr Wort zurückzunehmen: allein es blieb mir nicht verborgen, daß Sie die Verbindung mit der Berliner Bewegung, welche mit jenem Angriffe auf die mir heiligen Gebote iin innern Zusammenhänge stand, , nicht nur nicht aufgaben, sondern daß Sie diese Bewegung mit Ihrem beistimmenden Rathe unterstützten und mit Ihrer rabbinischen Autorität förderten. Und endlich, da vor Kurzem Ihnen die Aussicht eröffnet worden, an die Spitze jener Berliner Bewegung gestellt zu werden, haben Sie Ihr ganzes bisheriges gemäßigtes und besonnenes Verfahren hinter den Rücken geworfen. Sie drohen mir, mich zu verlassen, wenn ich nicht werde wie die Berliner Glaubensgenossin, und wollen durch diese Drohung — denn mehr als dies ist es nicht — mich zwingen, gewaltsam meine naturgemäße religiöse Entwickelung zu durchbrechen, und mich mit meinen Gesühlen und Überzeugungen dahin zu stellen, wohin Sie mich eben jetzt stellen wollen. Und wenn ich Sie frage: Wie soll ich werden, daß ich Ihren Wünschen entspreche? so antworten Sie mir: „Du mußt mit Entschiedenheit und rasch Dich entwickeln, wie die Berliner Genossin". Und wenn ich Sie dann wieder frage: Worin besteht denn nun eigentlich die Entschiedenheit der Berlinerin? welches sind denn ihre religiösen Grundsätze? so erwidern Sie mir darauf mit sichtlichem Aerger über meine zudringliche Frage: ,,Die Berlinerin hat zwar allerdings bis jetzt keine festen Grund-

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