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Der Orient · 1846-04-30 · 18 (30.4.1846) · p. Spalte 279-280

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Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
18 (30.4.1846)
Date
1846-04-30
Page
Spalte 279-280 (sequence 4)
Language
German
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279 280 Studien. Aktenstück der Messiaszeit. erst selbst bestimmt geltend machen Die Religion ist nicht blos die Sache des Gelehrten, des Führers und Lehrers der Gemeinde, sie ist die. Sache .eines jeden Einzelnen, und namentlich im. Judenthume giebt es keinen Unterschied zwi-, schen Laien , und Priestern. Es müssen also auch die Nicht- Rabbiner über ihre Ueberzeugungen und. Bedürfnisse sich klar zu machen suchen und sie aussprechen. Das ist es, was wir in der Reform-Genossenschaft zu Berlin alsein schönes Jei- " chen unserer. Zeit ^begrüßen. Diese hat allerdings bis jetzt keine festen Grundsätze ausgesprochen, sie hat blos das Bedürfniß einer entschiednern Reform, als sie bisher sich gezeigt hat, kundgegeben, sie hat vorläufig für ihre Mitglieder einen Gottesdiest eingerichtet, der seine erbauliche/Wirkung bereits bewährt -hat', sie hat. die Bestimmung getroffen, daß neben dem Sonnabendgottesdienste -auch ein Sonntagsgottesdienst eingeführt werde, und hat endlich auf den 14. und 15. April o. Berathungen angesetzt mit sämmtlichen Freunden der Reform im Judenthum. Wir sehen hierin ein Beispiel, das von uns Nachahmung verdient. Eine Verständigung über mehrere Punkte, welche bei jenen Berathungen Vorkommen, ist gewiß auch für uns von großem Werthe, und so wollen wir uns das Mittel nicht entgehen lassen, durch gegenseitige Besprechung auch unsere Ueberzeugungen zu. kräftigen und zu berichtigen. Nur durch ein solches Zusammenwirken von Rabbinern und Gemeindegliedern läßt sich hoffen, daß das Judenthum wieder zu einer lebendig wirkenden religiösen Macht werde; das lautere Judenthum bedarf wahrlich keiner Reform, aber das bestehende mir seinen Jahrhunderte lang aufgehäuften Misbräuchen bedarf einer solchen dringend, und soll sie ausgesiihrt werden, so muß von allen Seiten daran gearbeitet werden. Dazu unsererseits nach Kräften beizutragen, muß unser Zweck sei; als Männer aus dem Volke, als schlichte, aber ernstgesinnte Bekenner des Judenthums wenden wir uns an euch, Mitbürger und Glaubensbrüder. Vereinigen wir uns zu einer Gesammtheit, welche die Reform zu fördern bezweckt, und sich mit allen denjenigen in engem Zusammenhänge erhält, welche den gleichen Zweck verfolgen. Die Zeit ist da, laßt sie nicht vorübergehen; es handelt sich um unser und unserer Kinder Heil! Seht nicht auf diejenigen, welche euch zurusen, sondern merket auf den Ruf selbst; wir sind 10) Das ist ein wahres Wort. .Die Rabbiner selbst sind noch unklar, sie wissen nicht, was sie wollen, sie wissen nicht was sie umgestalren sollen. Aber wisset ihr, warum sie unklar? Weil sie selbst das Judenthum nicht haben, weil sie über das Judenthum unwissend sind, weil sie nur äußere Erscheinungen , ihr Lieblingswort: „Das ßeben" d. h. .Haien- und Schweinebraten, aüfsich einwirken lassen. Hr.S. Hirsch hat in einer Schrift bewiesen, daß man an einen leiblichen Messias glauben müsse, Hr. Holdheim hat behauptet, daß und das Höchste im Juden thum sind., Herr Geiger hat Alles behauptet — was sich klar mit Citaten Nachweisen läßt— und doch sollen diese Männer refopmiren? ' ' Res. jeden Augenblick bereit, bessern Händen die Leitung zu übergeben. . Wo das Zeitbedürfniß so laut mahnt, da kommt es jedoch weniger auf den an, welcher, ihm das Wort verleiht, sondern daß es ausgesprochen werde, und der Segen des Gottes der Wahrheit wird ihm nicht entgehen. Breslau, den 30. März 1846> - . Das vor lau fige Ko mite der- Breslau er' Genossenschaft für Reform im . . Iuventh u m. Nun folgte die Enttäuschung. Die Anhänger Geiger's konnten , trotz der großen Verehrung, die. sie für,ihn -hegten, dieses zwiespältige Verfahren nicht vertragen; diese Wechsel- Hastigkeit schien ihnen unerhört und es war kein Zweifel, dass hierauf etwas werde erfolgen müssen.. Die ohnedies schon kleine Fraktion Geiger's, die nur durch die unbedingte und absolute.. Autorität des Vorstandes zusammengehalten wurde, löste sich auf, so daß. nur einige blinde Anhänger geblieben. Von dem großen LH eile dieser Fraktion, also v o n d e n e i g e n tl L ch e n Anhan gern,Geiger's erfolgte folgendes Sendschreiben, in jener allegorischen Form, als wenn eine Schülerin (d. h. die Heerde Geiger's), zu ihrem Meister spräche. Es ist eine eigenthümliche Erscheinung der neuen Zeit, daß die Gemeinden Hirtenbriefe an ihre Hirten schreiben, um sie in dm rechten Gleis zu führen; anstatt.daß die Rabbiner sonst das Volk erzogen, erscheint jetzt das Umgekehrte, daß das Volk die ausschreitenden oder dem Leichtsinne sich hingebenden Rabbiner erziehen muß, mm sie auf die Bahn des Rechten zu bringen. Verkehrte Zeit! Von der Messiaszeit spricht die Sage, daß der Hin sein wird wider die Heerde, nun diese Zeit ist da und man möchte es mit einem Rabbiner derRabbiner-Versammlung halten, der in blöder Naivität den Antrag stellte: „Ich trage darauf an, meine Herren, daß der Messias kommen soll"! Bravo, Hr. Rabbiner, ich stimme bei! Doch will ich vorerst das Sendschreiben mittheilen. II. Aktenstück der Messiaszeit.' . Sendschreiben der. großen Mehrzahl der Mitglieder der Breslauer Jsraelitmgememde an Herrn Rabbiner 'Dr. G e i g e r. (Breslau 1846, bei Friedrich Aderholz.) Ew. Ehrwürden , wollen nachsichtsvoll verzeihen, daß ich, Ihre Schülerin, .mich unterfange , an Sie ein ernstes, öffentliches Wort zu richten. Ernst aber m ufr mein Wortsein, denn es, betrifft mein heiligstes, theuerstes Besitzthum, für das ich zu Ihnen spreche, es betrifft meine R eligion. Und auch öffe nt lich must wein Wort an Sie sein; denn/wie sehr ich auch den Much in mir fühle/ für meine Religion /kämpfend, vor Sie hinzu-' treten und. mit fester Stimme., Auge gegen Auge, meine gerechte Sache zu führen,: so verscheucht mich doch aus Ihrer Nähe der Kreis von Freunden und Freundinnen, den Sie um sich gezogen haben, und der in seiner götzendienerischen Anbe-

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