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Der Orient · 1846-04-30 · 18 (30.4.1846) · p. Spalte 277-278

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Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
18 (30.4.1846)
Date
1846-04-30
Page
Spalte 277-278 (sequence 3)
Language
German
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277 Studien. Mamfest der Breslauer Reformer. 278 Volke ihren Bestrebungen einen entschiedenen Nachdruck geben,/ nicht selbst laut ihre Bedürfnisse und Überzeugungen aussprechen, nicht in kompakter Einheit Zeugniß ablegen für ihr . ernstes Verlangen nach einer entschiedenen Reform, welche der gegenwärtigen Verwirrung abzuhelfen geeignet ist. Man hat deshalb bei den Reformen, welche die Rabbiner versucht haben, denselben vorgeworfen, sie verletzten damit die religiösen Gefühle des Volkes, das theilnahmlos, ja mit Widerspruch diese Versuche aufnehme 5). Daher sind auch die reformatorischen Bestimmungen, welche von den Versammlungen deutscher Rabbiner gemacht wurden, meistens und fast aller Orten nicht in das Leben getreten, und diese Männer selbst müßten entmuthigt werden, wenn nicht ihre Ueberzeugung mächtiger wäre, als die ihnen entgegenstehcnden Hindernisse6). So hat z. B. die erste Versammlung den Ausspruch gethan, daß der Eid, nach den religiösen Grundsätzen der Juden, in einer einfachen Betheuerung bei Gort bestehe, die Wahrheit zu sagen, ohne daß weitere Formeln dabei anzuwenden seien. Welche Gemeinde Preußens hat jedoch Schritte gethan, um von der hohen /Staatsbehörde zu bewirken, daß die mittelalterlichen Rabbinen Hand in Hand, diese Rabbinen sind eben so krank wie das reformkranke Volk, und was nützd dem Kranken ein Arzt, der selbst krank? Wenn das Volk, wie ihr sagt, den Rabbinern Nachdruck geben solle, so muß es die Ueberzeugung haben, daß der Rabbiner das Wahre will, und nicht wie 'ein schwankendes Rohr hierhin und dorthin sich neigt. Und sind eure rabbi nischen Mentoren' nicht noch schwan- ^kendex als das schwankende Rohr! Wie viele Mal haben euer Groß -Kophta's Farbe und Sprache gewechselt? Hat Herr G. in B. nicht erst jetzt am Pesach gegen euch gesprochen, während er gleich darauf euch das neue Juden-Evangelium verkündet? Moderne Rabbiner, denen ihr euch hingeben wollet, können nur die Reform verderben, und zwar schon deshalb verderben, weit das Vo.k kein Zutrauen zu ihnen hat. ' Ref. 5) Und diese Vorwürfe waren mit Recht. Viele waren nicht blos DTi'HftV D'UTDD des Volkes, die durch Reden des Truges und der Lüge das Volk bestrickt, sie waren nicht blos Verführer, durch falsche Lehren, durch das Ausgeben der Lüge für göttliche Wahrheit, sondern Tyrannen , indem sie anstatt der- Lehre einer hierarchischen Anmaßung sich hmgegeben, und durch allerlei. Mittel die Masse zu zwingen suchten. Der Eine gab sich dem rabbinischm Truge hin, weil er nicht als intolerant von ihm verspottet sein wollte, der andere, weil ihm die Religion so gleichgiltig war, daß es ihm gerade recht kam, wenn er den entfesselten Lebenswandel in Gemeinschaft mit dem Rabbiner machen konnte. Ref. . ' 6) Wen darf es wundernehmen, wenn die Gemeinden Preußens mit der tiefsten Verachtung auf diese Komödie Hinblicken! Die Gemeinden in Baiern', Sachsen, Würtemberg, .Hannover, Oesterreich rc. haben dieses Spiel von Anbeginn misachtet, da sie das lose Spiel, die Wandelbarkeit der Primaten der Versammlung zu deutlich einsahen. Das Konnte ist gewiß nicht so k u r z s ich t i g, in den Männern .der Versammlung, die einzigen Repräsentanten Israels zu sehen? Ref. Formen bei dem Eide abgeschafft werden?. Noch bestehen hierbei für den Juden Ausnahmsgesetze, die auf Unkenntniß des Judenthums beruhen; ein sogenannter jüdischer Gelehrter muß ermahnen, der Schwörende muß Tesillin, die er vielleicht gar nicht kennt, in die Hand nehmen, und auch m dem Erde Dinge aussprechen, welche seine Glaubwürdigkeit verdächtig machen 7), Die zweite Versammlung hat ausgesprochen, daß ein Gottesdienst in ganz, deutscher Sprache .wohl gestaltet ist, und selbst bei der Rücksicht, welche sie nehmen zu müssen glaubte auf einen Theil der Gemeinden, welcher in dem hebräischen Gottesdienste eine größere Anregung zu finden vermeint,- har sie doch über den Gottesdienst Beschlüsse gefaßt von hoher Zweckmäßigkeit. Sie hat es anerkannt, daß ein Theil des Gottesdienstes in deutscher Sprache abgehalten werde, daß die Stellen in den Gebeten, welche die Rückkehr nach Palästina erflehen und die Wiedereinführung des Opferdienstes wünschen, ausfallen sollen, daß das Stück, welches aus der Tora vorgelesen wird, von geringerem Umfange sein müsse durch die Einführung eines dreijährigen Cyklus, daß diese Stelle auch ins Deutsche übersetzt, daß der Propheten-Abschnitt blos deutsch vorgetragen werde, daß Orgelbegleitung bei den Gesängen höchst wünschenswerth fei8 9). Noch nicht eine einzige dieser Bestimmungen ist bei uns ausgefiihrt worden, mit Ausnahme des Wegfalls der Opfergebete, und dies nur aus dem Grunde, weil die Gemeindeglieder selbst ein beharrliches Stillschweigen darüber beobachten. Dieselbe Versammlung hat die Unzweckmäßigkeit, den Mangel an religiöser Begründung der bisherigen Bestimmungen über die sogenannten ritualen Gemeindebäder ausgesprochen, die- Gemeinden haben davon keine Notiz genommen *). Wie soll demnach das reformatorische Bestreben der Rabbiner von gedeihlichem Erfolge sein, woher sollen sie die Kraft schöpfen, in ihrem heilsamen Verfahren fortzuschreiten? Es. müssen. sich um sie die Männer aus dem Volke scharen, sich vereinigen, um solche zweckmäßige Bestimmungen ins Leben dringen zu lassen. Freilich können die Rabbiner auch noch aus andern Gründen nicht allen Bedürfnissen zuvorkommen z diese müssen sich 7) Gerade dieser Umstand hatte den nach Reform Strebenden die Ueberzeugung geben sollen, daß nicht von der NV. etwas ausgehen darf. Die frommen nicht zur Rabbiner-Versammlung gehörenden Rabbiner, wie Ad l e r, der jetzt in London, Frankel, Hirsch in Emden u. A. haben, ohne von der Rotte Korah's autorisirt zu sein, für Abschaffung des Eides more judaico sich bei ihren Negierungen verwendet und mit Erfolg! Ref. 8) Alle diese Bestimmungen hat theils schon der Hamburger Tempel, ohne sich erst die Erlaubniß von der RV«. zu erbitten, ausgeführt, theils schon die frommen Rabbiner, zu denen die Gemeinden Zutrauen haben. Ref. 9) Ist das Ironie? Oder kümmert sich /die Reformgenoffenschaft wirklich um die mj%) f° sehr? Oder gedenkt sie vielleicht, sich einst, wenn ein besserer Sinn bei ihr einkehrt, m der von ihrer UnrauLerke.it und Sünden zu reinigen? ' / Rest 18

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