Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 1846
- Issue
- 18 (30.4.1846)
- Date
- 1846-04-30
- Page
- Spalte 275-276 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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275 Studien. Manifest der Breslauer Reformer. 276 Ostertation nVöD zählte/ und überhaupt daß 'er noch an Gebräuchen hing-, die er ihnen abzulegen Hoffnung gegeben. Zwarberuhigte er seine kleine Schaar Babelwächter, indem er ihr bemerklich machte, daß dieser Dualismus zur Dogmatik der modernen Christ-Rabbiner gehöre, daß so der Durchgangßpunkt viel sicherer, aber das Mistrauen blieb doch. Endlich bewährt sich seine tiefe und unnachahmliche Weisheit. Kaum nämlich hat die Berliner Staubgenoffenschaft (— diesen Namen soll sie in unbeschreiblicher Demuth am vergangenen Rosch ha-Schema von dem Weihbischoff erhalten haben, was ich doch nicht verbürgen kann, indem ich-nicht dabei war, und ich keine Unwahrheit sagen will, —) dem großen Erzvater Abraham die Hand geboten, und ihm in Aussicht gestellt, seine erprobte Unzweideutigkeit und Offenheit mit 2000 Thaler durch eine Anstellung belohnen zu wollen, wenn er seinen Breslauern Philistern nur zur Reformerei überzeuge, als plötzlich das Morgenroth der Wahrheit angebrochen. Seine kleine Schaar jauchzt, daß das eiserne Herz unseres lieben Geiger erweicht , daß er offen und unverdrossen für die Wahrheit endlich in die Schranken tritt, und wie er wirklich die Philister besiegt, wissen Sie bereits aus den Zeitungen. Breslau hat nun endlich auch eine Staubgenossenschast , glückliches Breslau! Dein Name wird glänzen in Falstaff's Annalen der Geschichte, dein Ruhm wird; strahlen in den Lodtenlisten der Staubgenoffen! Glückliches Breslau! Deine Juden müssen zuerst vom Leibzoll befreiet werden, sintemal sie zuerst den Geistzoll weggeschafft; Treu dem Affenwerk der Zeit folgten siedir in Harlekins-Streichen; .und warum soll ein jüdischer Groß- Kophta nicht Karrikatur eines ehrlichen Ronge sein können? Doch halt ein, o Muse, ich will blos referiren: Es hat sich hier ein Könntv für die Staubgenossenschaft gebildet, oder richtiger ein Groß - Kophta (— Geiger hat sich fern gehalten —) hat es' gebildet, und dieses hat'unsere reiche Reform - Makulatur um ein gedrucktes Manifest bereichert. Dieses Makulatur-Stück beabsichtige ich als Denkmal unserer Breslauer Judengemeinde in die weiteste Ferne zu führen, und ich theile es Hier mit: I. Manifest der Breslauer jüdischen .Reformgenoffen. Ein Jahrhundert ist verflossen, seitdem der große Mendelssohn die Fackel des Geistes unter uns und für uns anzüadete, ein großes Jahrhundert mit den mächtigsten Bewegungen und Umgestaltungen x). Auch die äußern und in- 1Z. Wie kommt Mendelssohn zur Reform-Genoffenfchaft? Erröthet sie nicht , diesen Namen im Munde zu führen, sie, die nicht weiß, was sie will, die den ganzen Fortschritt darauf koncentrirt, Schweinefleisch zu essen und Moses . lächerlich zu machen? Mendetssohn war ehrlich und ein Mann des Friedens; er liebte die Wahrheit und würde der nern Verhältnisse der Juden sind nicht davon unberührt geblieben. Unsere Stellung im Staate ist eine andere geworden, wir nähern uns der Zeit immer mehr, in welcher wir als vollberechtigte Bürger in dem deutschen Vaterlande anerkannt werden; die Ansichten der überwiegend großen Mehrzahl haben sich sehr geändert, und ihr Leben giebt dafür die deutlichsten Zeugnisse. , Dennoch haben alle diejenigen Gebräuche und Satzungen, welche von den Meisten nicht mehr beachtet werden, noch scheinbar religiöse Geltung, sie werden noch immer als streng zum Judenthum gehörig aufgestellt, wenn auch von Tage zu Tage die Anzahl derer sich mindert, welche sich von ihnen binden lassen, und ihr Unwerth längst erkannt ist; für die religiösen Bedürfnisse des gegenwärtigen Geschlechts geschieht nichts genügend, weil man Vorschriften babei zu Rathe zieht, welche unter ganz andern Umständen entstanden, für die Gegenwart nicht mehr fruchtbringend sein können *). Man hat früher, wenn man über einen solchen Zustand sich beklagen mußte, die Schuld den Rabbinern, den geistlichen Führern der Gemeinden zugeschrieben; diese waren es auch, welche jedem V rschlage, unsere religiösen Institutionen im Einklänge mit der ganzen Bildung der Zeit frisch zu beleben, ihren Hartnäckigen Widerspruch entgegensetzten, und dadurch einen Jndiffentismus erzeugten, der, höchst bekcagenswerth, nicht, blos das Werthlose abwarf, sondern auch alle bessern religiösen Gefühle ersticken mußte. Dieses- Verhältnis ist, Gottlob, ein anderes geworden. Wir zählen jetzt in den Gemeinden Deutschlands viele Rabbiner, welche das Uebel, an welchem wir kranken, erkennen und thatkräftig demselben Abhilfe verschaffen wollen * 2 3 4). Allein ihre Stellung muß eine schwankende bleiben*), so lange nicht die Männer aus dem erste gewesen sein, der die Lüge und die Heuchelei der modernen Rabbinen verachtet. Mendelssohn würde ja, wenn er jetzt lebte, nicht einmal zu der Komödie der Rabbinerversammlung Zutritt gehabt haben, weil er kein angestellter von Falschheit und Heuchelei durchdrungener Rabbiner wäre. Ref. 2) Hier zeigt die Reform-Truppe was sie will: das Ge-., setz ist ihr zu schwer, sie will es wegwerfen, die Religion ist ihr zur Last, sie will sie nicht. Aber das haben sie ja bis jetzt schon pränumerando weggenommen, und wenn Pe durchaus den zirgellossen Unglauben von den.neuen Rabbinen verbrieft haben wollen, so müssen sie doch im Voraus schon wissen, daß diese Legalisirung bei der Käuflichkeit der modernen Rabbinerseelen bedeutungslos ist. Ref. 3) In die Sprache der Wahrheit übersetzt heißt das: Es giebt jetzt Rabbiner, die, vorgeblich für die Religion sich bethätigend, sich zur Beschönigung des schrankenlosen Treibens der Ausschr eilenden bergeben, bei denen die Religion ein blo - ses Puppenspiel, eine Komödie ist, um Geld und Stelle zu Haben, um selbst Schweinebraten mitspeisen zu können und um sich als Reformatoren schelten zu lassen. R e f 4) Nein ihre Stellung ist eine schwankende, weil sie selbst nicht wissen, was sie wollen. Habt ihr nicht gelesen, wie.die Rabbiner-Versammlung über die Beschlüsse des Sanhedrin in Paris gesprochen, und doch hatte Keiner jene Beschlüsse gelesen! Leichtsinn und Unwissenheit gehen auch bei den modernen