Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1846)
- Date
- 1846-04-30
- Page
- Seite 134 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2360092-2360418-2360437--5414-3532189- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 134 - verweigern, unsere Söhne für eure Töchter zu nehmen, und eure .Tochter unfern Söhnen zu geben? dahin Bruder muß es kommen, oder alle derartige Ehebündnisse müßten in „unsrer Gemeinde vollzogen werden, wenn man auf dem Wege des Oberrabbiners fortfährt; dann seid versichert, daß an diesem Zeitalter, wo das Parlament einen Teste nach dem andern abgeschafft hat, fein Engländer von höherer Gesinnung es jemals seinein Sohn oder der 'Tochter gestatten wird, und kein Jüngling oder Mädchen Englands von Gefühl der Selbstachtung wird je eiuwilligen sich einem neuen von Dr. Adler eingesetzte Teste zu. unterwerfen, u. noch dazu einem Teste, der aus derBehanptung hervorgeht, daß wir nicht den Namen Israeliten verdienen. (F. s.) Deutschland. ZAreslmr, 14. April. Es ist eine schöne Zeit, in der wir leben, es ist die Zeit der Nebel-, Dampf-, Licht- und Schattenbilder. Im Nu taucht ein neues Bild aus dem dunkeln Schooße der Zeiten, unr bald d§ leuchtendes Meteor, bald als hüpfendes Irrlicht oder gar als düsteres Nebclbild über dem glatten Spiegel der Geschichte dahin zu schweben. — Mehr als irgendwo hat sich in der jüngsten Zeit ein solches Drängen bei uns gezeigt. Wie Sie wissen, hatte bei dem Erscheinen G eig er's der starre Orthodo.rismus größteutheils einem leichtfertigen, prinziptosen Streb e n nach Reformen Platz gemacht. Zur That ist es eigentlich noch nie gekommen und diesem Umstande haben wir cs auch zu verdanken, daß jetzt jene rasende Reformsucht einem ernsten Konservatismus gewichen ist. Wie unvorsichtig aber Herr G. diesmal selbst die Hand zu seiner eigenen Verständigung geboten, beweise Ihnen auch ein kurzer Auszug anS einem Sendschreiben, welches wohl die gegenwärtige Gesinnung der meisten unserer Gcmeindeuntglieder enthält. Die ®cutcmbc tritt allegorisch als Schülerin auf und spricht in untergebenem Tone zu ihrem geistlichen Führer; sie erinnert an die schönen Tage des ersten Beisammenseins, an das kindliche Zutrauen, welches ihr die öffentlichen Zeichen ritueller Gewissenhaftigkeit, als das ,,Bartzwickm", die Ablehnung aller Einladungen, zu dem jungen Religionstehrer cinftößte —, so daß sie sich, ungeachtet des bedenklichen Kopfschnttelus mancher verständigen Leute, die schon damals in der Ceremonial-Observanz G.'s nichts als eine ganz gewöhnliche Pastoralklugheit finden wollten, der religiösen Leitung desselben vertraute. Die Lehren, die der junge Rabbi nun ertheilte, waren mit den Lehren des bestehenden Judeuthums völlig übereinstimmend und war dies einigen scheinbar nicht der Fall und wurde die folgsame Schülerin stutzig, so wußte derselbe bei der ersten passenden Gelegenheit zu beweisen, daß er es nicht so gemeint hätte und daß alle Zweifel und Bedenken nichtig wären. In solcher Weise verstrichen mehrereJahrc, die Schülerin schritt in ihrer religiösen Entwickelung naturgemäß vor, die Anordnungen des Rabbi trugen stets den Charakter der Besonnenheit, Mäßigung und Gewissenhaftigkeit. Dies ist ungefähr der Inhalt des 'Sendschreibens, bis zu der Stelle, die ich wörtlich anführen zu müssen glaube: ,,Schon wandte Mancher, so spricht die Schülerin ihren Herrn und Meister an, — der Ihnen anfangs feindlich gegenübergestanden hatte, sich Ihnen zu und faßte Vertrauen zu Ihren Lehren, zu Ihrer praktischen Wirksamkeit — da plötzlich fuhr ein giftiger Lnsthauch über Ihre Pflanzungen und erstickte die Knospen, alö sie eben sich erschließen wollten". Die bisher so duldsame und gefügige Schülerin macht es nun gewiß mit vollem Rechte ihrem bisher so fromm gesinnten Seetenhirten zum Vorwurf, daß er die Berliner Reform, die doch die ihr noch heiligen Sabbat- und Speisegesetze angegriffen, zuerst gelobt und gebilligt, dann aber vor: ihren damaligen Vormündern ernstlich ermahnt, das Wort zurück'genommen habe. Die Schülerin spricht ferner t ,,Sie drohen mir, mich zu verlassen, wenn ich nicht werde wie die Berliner Gtanbensgenossin, und wollen durch diese Drohung'— denn mehr als dies ist cs nicht — mich zwingen, gewaltsam meine naturgemäße religiöse Entwickelung zu durchbrechen und mich mit meinen Gefühlen und Überzeugungen dahin zu stellen, wohin Sie mich eben jetzt stellen wollen. Und wenn ich Sie frage: Wie soll ich werden, daß ich Ihren Wünschen entspreche? so antworten Sie mir. ,,Du mußt mit Entschiedenheit und rasch dich entwickeln, wie die Berliner Genossin".' Und wenn ich Sie daun wieder frage: Worin besteht denn mm eigentlich die Entschiedenheit der Berlinerin? welches sind denn ihre Grundsätze? so erwiedcru Sie mir darauf mit sichtlichem Aerger über meine zudringliche Frage: Die Berlinerin hat zwar allerdings bis jetzt keine festen Grundsätze ausgesprochen, aber sie ist entschieden, und entschieden mußt Du auch sein, sonst verlasse ich Dich". — Entschiedener und selbstständiger ist wohl noch keine Schülerin den willkürlichen Vorschriften ihres Lehrers entgegengetreten als die hiesige in folgenden Worten: Sie werden mich niemals — seien Sie dessen versichert — dahin bringet!, daß ich prüfnngs- und willenlos der Berliner Genossin Nachtreten oder Ihren Machtsprüchen mich fügen werde". Sie tadelt nun den Mangel an Bestinuuthcit in den Manifesten der Genossenschaften, und ist hellsehend genug, diese als einen gut angelegten Plan zu erkennen, einmal unter das weit auögebreitete Dach eine recht große Anzahl von 1 Theilnehmern zu sammeln, dann aber, um sich nicht die direkte Mitwirkung der Rabbiner vorweg zu verscherzen. Es folgt dann noch eine offene Darlegung der verschiedenen Thatsacheu und Widersprüche, welche keineswegs geeignet sind, das Mistraueu gegen dieBerl. Bewegung und die Schritte G.'s zu beseitiget!. Das Sendschreiben schließt etwa folgenderrnaßen: ,,Sie, als