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Der Orient · 1846-04-09 · Heft 15 (9.4.1846) · p. Seite 111

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Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 15 (9.4.1846)
Date
1846-04-09
Page
Seite 111 (sequence 5)
Language
German
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wehr zu schützen". Der kurzsichtige General hatte sich getäuscht. Die nachsetzende Schaar der Polen war von dem guten Geiste so durchzuckt, daß nicht eine Stecknadel den Juden geplündert wurde. Kaum war die provisorische Regierung organisirt und ein Diktator ernannt, da Wurde schon das denkwürdige Manifest pro- . mulgirt, das die geknechteten Juden „Brüder Israeliten" nennt und ihnen Freiheit und unbeschränkte Gleichheit verheißt. Durch diese warmenAeußernngen mochte auch das für politische Freiheit abgestumpfte Herz der Juden unter dem Kaftan heftiger schlagen, der Enthusiasmus riß sie hin. Die Anekdote, welche sich zwischen dem Kriegsminister und dem Rabbiner Meisel, die Jahre lang in einem erbitterten Proteste gestanden Haben, zutrug, und die in viele politische Blätter übergegangen ist, ist authentisch wahr. Der Rabbiner Meisel, — der einzige seiner Art, der die rabbinischen Funktionen gratis ausübt und eine Galmeigrnbe besitzt, •— wurde oft von der Regierung zu Rathe gezogen, durch ihn wurden die Geldbeiträge von den Inden bezogen und die Kontingente jüdischer Militärs geordnet. Sämmtliche Posten, wo Gelddepots zu bewachen waren, wurden nur den Juden anvertraut. Es ist bekannt, daß die Salzkasse von Wielicka den: jüdischen Bankier Welf übergeben wurde, welches Vertrauen ihm Lheuer zu stehen kommt, da die österreichische Regierung sich an ihn wegen des Schadenersatzes hält. Der Rabbiner wurde vom Diktator beauftragt, seine Glaubensgenossen durch eine patriotische Predigt zur herzlichen Theilnahme an dem gemeinschaftlichen Befteiungswerk zu begeistern, was auch geschah , und wenn diese Predigt wärmer ausfiel, als eine, zum Geburtstag eines Prinzen angeordnete: so lag für die Juden Entschuldigung genug in den Umständen, in dem Kontrast, in den sie sich versetzt sahen, plötzlich vollständig emancipirte Bürger zu sein und nicht wehr von der österreichischen Schildwache mit Kolbenstoßen zurückgedrängt zu werden, wenn sie es wagten, am- Sonntag einen Gang von dem Kasimir nach der Stadt zu machen. Dr. Krzepicki hat die Derascha des Rabbiners in einem erhöhten Temperaturgrade der Begeisterung ins Polnische übertragen, und an ihm wurde zum Erstenmale ein Exempel statuirt, daß man für eine. nicht ganz wörtliche Uebersetzung auch eingesperrt werden kann. —- Als die Krakusen wegen Mangel an Unter-' terstützung von den übrigen polnischen Landcstheiten und durch die aufgchctzte Kentrarcvolntion der galizischcn Bauern, ihre Sache nicht mehr verteidigen konnten, wurde der Kasimir, das Judenviertel, das der Weichsel und der österreichischen Grenze am nächsten liegt, einer fünfstündigen Kanonade ausgesetzi, und es bleibt merkwürdig, daß das Bombardiren ohne Beschädigung für die Juden abgelaufen ist; nur ein einziges jüdisches Individuum , das sich zu sehr dem Weichseluftr genährt hatte, wurde von, einem Schüsse getödtet. Als die Erfolglosigkeit fernem Widerstands augenscheinlich war, begab sich der . Rabbiner mit einem angesehenen Edelmann zum Diktator, ihn.ermahnend, entweder die letzte Anstrengungen zu. einem Siege zw.'versuchen, oder durch Rückzug die Einwohner der Stadt vor dem mörderischen Bombardement zu schonen. — Unter den Tscherkeffen sollen sich auch, wie mir von mehrern Augenzeugen versichert worden, Inden befinden, wahrscheinlich kaukasische Juden, die ihren eigenen Schächter mit sich führen und nur ein einzigesznal waren, sie genöthigt, sich einen krakauischen ttrntft ansznbitteu, weil der ihrige durch Dienst verhindert worden sei, diese Funktion zu versehen. — In Gallizien haben die Juden durch den von der Regierung hervorgenlfenen Bauernaufstand viel gelitten, doch sind nähere Details noch nicht bekannt. ' X. Breslau, 29. März. Wie weit sich Hr. G. in seinem Eifer für die Auflösung des Judcnthnms vergißt und alles Maaß überschreitet, beweist am schlagendsten der Unrstand, daß Dr. Freund, der klassische Philologe, der Freund und Protektor des. Dr. Geiger, der ihn aus der Dunkelheit heraüsgezvgen, es für nöthig fand, ihn wegen seiner angeblichen Extravaganzen öffentlich zurecht zuweism. G. hatte einen Vortrag auf Sabbat angekündigt: von wem soll die Reform ausgehen". In einer Versammlung von Herren und Damen entwickelte er, im Gefühle seiner Sicherheit, zum ersten Male offen, ohne Rückhalt seine Grundsätze, daß das bestehende Judenthnm mit seinen Zeremonien Platz machen müsse einer lichisreundlichenfunkelnagelneuen Religion im Geiste und in der Wahrheit, daß zu deren Verwirklichung Gemeinden und Rabbiner sich die Hände reichen müssen. Darum sprecheer.seine herzliche Theilnahme für die Berliner Reformgenosscnschaft aus, und fordere seine Gemeinde aus, Aehnliches zu Stande zu bringen. Dieser Widerspruch, seinen frühem Reden gegenüber, von einem beamteten Rabbiner, der sich als Gemeinderabbiner gerirt, der erst jüngstens m der Fränkel'schen Synagoge mit nb& und gelaufen war, um sich das Legat von 100 Thlr. zu sichern, brachte den ruhigen kalten Dr. Freund in Harnisch. Im Gefühle seiner Empörtheit ließ er die Raketen seines Witzes gegen dieses verräterische Verfahren steigen, er persifflirie die Berliner Reformgen offen sch aft, die er.aus näherm Umgallge genau kennt', deren Mitglieder seit 30 Jahren nichts vom Judenthume wissen wollen, sein Wesen nicht verstehen , von seiner Geschichte losgelöst sind, dnß diese es wagen, das Judenthnm in Lehre und Leben umzugestalten. Noch viel vermessener finde . er es voneinem Rabbinen, seine Thätigkeit diesem Be-- ginnen zuzuwenden, und damit nicht nur über rabbinische Satzung, sondern über das unzweideutige Wort der . . 15*

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