Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1846)
- Date
- 1846-04-09
- Page
- Seite 110 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2360092-2360418-2360434--5387-3532135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mite gebildet, dessen Zweck ist, diejenigen Juden nach Kräftenzu unterstützen, denen es gelungen, aus Rußland zu 'entkommen. Von der'-THStigke.it des Konnte habe ich indeß noch nichts vernommen, wahrscheinlich, weil sich die Gelegenheit dazu bis jetzt nicht darbot; denn 'die russischen Inden, welche hierher? ko ürmen, werden so schnell wie möglich auf Kosten der Gemeinde an BordMws^ Schiffes gebracht und nach England geschickt Man sücht die Flüchtlinge um jeden Preis.los. zu werden,^"und" bte Mildthätigkeit der Gemeinde erstreckt sich höchstens auf das nöthige Reisegeld. Geschiehet etwas mehr, so haben sicher Privatpersonen dafür gesorgt. Die Gemeinde hat überhaupt den Grundsatz, sich Alles fern zu halten, was ihr Last bereiten könnte , und dieser Grundsatz führt nicht selten zur größten Engherzigkeit und Unduldsamkeit, Eigenschaften, die Juden fremd sind. Heute nur ein Beispiel davon. Das Thema ist reich und ich werde es nicht ganz fallen lassen. — Der bekanilte Sänger Nachtigall aus Polen kommt hierher mit seinem Kinde, einem Knaben von 12 Jahren. Der Mann hat feine Stimme verloren, er ist nun unglücklich; da er aber in sein Vaterland nicht zurückkehren darf, will er die Hilfe seiner. Glaubensgenossen nicht für sich, sondern nur für seinen Söhn in Anspruch nehmen. Einige brave Männer nahmen sich seiner an, es wird durch Unterschriften so viel zusammen gebracht, daß für den Unterhalt des Knaben auf drei' Jahre gesorgt ist, er soll die ,,Israels Freischule" besuchen, sich zu einem Berufe .ausbilden, und so glaubt man für das zukünftige Wohl bes Kindes gesorgt zu haben. Alles ist geordnet, der Vater will zurückkehren und nur. die polizeiliche Erlaubniß fehlt noch. Diese polizeiliche Erlaubnis) aber ist in den.Händen de§ Vorstandes der Gemeinde, und Niemand dachte wohl, daß man sie verweigern würde, da doch für den Knaben auf drei Jahre im Voraus gesorgt war. Und 'dennoch war es so; der Vorstand will den Knaben nicht dulden, er hat keinen Heimathscheiu und könnte nach drei Jahren'der Gemeinde zur Last fallen. . Der Vorstand ist konsequent, er läßt sich nicht irre machen, die jüdischen Schergen haben schon Auftrag, den Knaben über die Grenze zu bringen, alle Vorstellungen achtbarer Männer waren fruchtlos geblieben — da-wird von einem der Gönner des Knaben die Hi.lfe eines hochgestellten Mannes in Anspruch genommen und dieser Marm, dem schon .wiele russische Inden das Heil ihrer Zukunft verdanken , empört über die Lieblosigkeit der Glaubensgenossen, über die Härte eines jüdischen Vorstandes, be.r v on einem russischenJuden einenHeimathsschein verlangtll verwendet sich selbst für den armen-Knaben und solche 'Verwendung könnte nicht" unbeachtet bleiben. Als ich seinen Brief zu einem Mitgliede des Vorstandes brachte, trat der jüdische Scherge, den Stock, das Zeichen seiner Würde, aus den Kleidern ziehend, mit mir zugleich in die Hausthür, er kam in derselben Angelegenheit. — Die gute Sache trug aber dies Mal den Sieg davon. —? Hier hat sich ein Verein gebildet, dessen Zweck es ist, Juden und Christen, namentlich der unteren Klaffen, näher zusammen zll bringen. Ich icnt^atte mich jedes Urtheils über diesen Verein, weil ich glaube, daß er noch im Werden ist und überhaupt noch viel Unklares und Unvollendetes in sich trägt. Auch der Verein hatte die Idee, die jüdischen Schulen unter das christliche Schularchiv der Stadt zu stellen, eine Idee, die um so unreifer nnd unzweckmäßiger erscheint, als dieses Schularchiv erst gebildet .werden soll und man mit Recht befürchtet, daß pietistische Elemente ihm nicht fremd bleiben werden, außerdem aber die jüdische Gemeinde in allen Beziehungen auf sich allein angewiesen ist und um so weniger Grund hat, ihre Schulen der christlichen Behörde unterznordnen, als die christlichen Schulen hier sehr vieles zu wünschen übrig lassen. Der Verein wandte sich mit dieser Sache zuerst an den Gerneinde- Vorstand und suchte sein Vorhaben durch die Angabe zu beschwichtigen, die jüdischen Schulen befänden sich in schlechtem Zustande, erhielt aber den kurzen Bescheid, daß der Vorstand gar nicht geneigt sei, von solchen Ideen Notiz zu nehmen, nnd die jüdischen Schulen auch nicht so schlecht seien, wie die Antragsteller vorausznsetzen beliebten. — Dr. Fr an kfnrter hat einen Ruf nach Berlin als Prediger der Reformgenossenschast erhaltest, denselben bis jetzt aber nicht angenommen; Dr. Salomon hatte gleich Anfangs erklärt, daß er Hamburg nicht verlassen und „bei seinen Kindern" bleiben werde. Hoffentlich wird Dr. Frankfurter eben solche Gesinnungen hegen. L. S. Breslau, 26. März. Der polnische Freiheitsaufstand ist gedämpft, die Ruhe ist, äußerlich wenigstens, wieder hergestellt, die übertriebenen oder falschen Zeitungsberichte sind durch den Berichtigurigsprozeß geläutert, so dürste cS wohl an der Zeit sein, die jüdische Rolle in diesem achttägigen Drama auseinander zu setzen. Die Juden, namentlich die in Krakau, dem Krater dieses politischen Ausbruches, haben sich nicht blos passiv zu diesem Aufstande verhalten, es haben sich unter ihnen und für sie eigene Sympathien kund gegeben. Ich werde Ihnen die Thatsachen zusammenstellen, wie ich Sie aus dem Munde von mehrern Augen- und Ohrenzeugen vernommen. — Als General Collin gmöthigt 'war, dem Andrange der Insurgenten nachzugeben, und sich über den Kasimir, das Ghetto von Krakau, an die österreichische Grenze zurückzuziehen, beklagte er das Schicksal der Juden, das ihnen von der Insurrektion bevorstände. ,,Helf' Euch Gott Inden", sagte er im Abziehen zu den Zitternden , „ich vermag Euch nicht