Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 14 (2.4.1846)
- Date
- 1846-04-02
- Page
- Seite 104 (sequence 7)
- Language
- German
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Judenthume überharrpt eine Reform möglich sei, ohne daß der Grund und Boden desselben erschüttert würde. Dieser wurde jedoch sogleich überschrien, und eil: naiver Herr: N. N. war recht' aufgebracht, daß man die schone Zeit'zu religiösen Debatten verwende, da man doch nur zusammen gekommen sei, den Sonntagsgottesdicnst einzuführm und das Jüdenthum überhaupt den Bedürfnissen des Geschäftsmannes zu akkomodiren. — Ein '[ Herr L. wollte auch nur den Kultus regulirt wissen, im Uebrigen aber der Rabbinerversammtung nicht vorgreifen.. Den Untergebenen Geigers konnte jedoch ein solch einseitiges Resultat nicht genügen, und cs entstand nun ein heftiger Dispnt. Geiger war nicht anwesend. Warum? Stimmen seine Grundsätze nicht mit betten der Versammlung überein? Dieselben Md ja bis zu diesem Augenblicke noch nicht festgestellt, und es tag also nur an ihm durch sein bloßes Erscheinen die meisten^ der Anwesenden, die doch seine treuesten Freunde sind, mit seinen bisherigen Schritten wieder auszusöhnen, und einem verderblichen Schisma vorzubeugen. Ein Versuch zum Mindesten würde Herrn G. vor dem Verdachte, daß hier andere Rücksichten geherrscht, geschützt haben. Nach vielem Hin- und Herreden war es nahe daran, daß die Versammlung sich ohne auch nur das Mindeste gethan zu haben, auflöste. Da beschlossen denn die Koryphäen derselben , auf ein sofortiges offenes Anschließen an den Berliner R.-V. einstweilen zu verzichten, und Unterschriften für einen Verein der Reform im Allgemeinen zu sammeln. Deren kamen auf der Stelle 100 zusammen. Einintermystlsches Comite und ein Sekretär wurden nun gewählt Und die Eiutadmig des Berliner Vereines zur Theilnahme an der-Synode n. s. w. verlesen. Es wurde nun befchlosseneinen Deputirten zu derselben abzuschicken, um doch nur wenigstens zu zeigen, daß man auch hier ein Opfer für die Umgestaltung des Judenthums zu bringen im Stande ist. Dies war der ganze Erfolg, wenn nicht auch der Zweck der.Versammlung. Von Geiger's Entlassung war nur xri^rrlissüne die Rede. Mit dem Nächsten sollen Sie ein Näheres darüber erfahren. Vor einigen Tagen hatte die Wilhelmsschule, die einzige und größte jüdische Anstalb in Breslau ihre öffentliche Prüfung; sie zählt 108 Schüler und 10 Lehrer, doch stehen hier die Leistungen mit den Kräften, wie sonst Ursache und Wirkung in keinen: graden Verhältniß. Hermburg, 26. März. Die am 18. Januar d. I. tu bet Schule des Hrn. H. Kalisch aus Lissa, welcher hier seit circa 8 Jahren als Lehrer in Hamburg, Altona und der Vorstadt St. Pauli 'unterrichtete, aber erst seit 1j Jahre selbstständLg eine Schule (zuerst Ln der. obengenannten Vorstadt, nunmehr in Hamburg selbst) organisirt hat, abgehaltene öffentliche. Prüfung gab einen glänzenden Beweis von der Tüchtigkeit und Ausdauer dieses Lehrers, welcher trotz vieler, Widerwärtigkeiten es so weit brachte, das er dieses Examen mit - circa 70 Zöglingen (Knaben und Mädchen, erstere in 3 Klassen vertheilf, letztere in einer Klasse) veranstalten. konnte. Besonders zeichnete sich die erste Klasse. aus Knaben von 11 —14 Jahren bestehend, im Hebräischen, Englischen, Französischen, Deutschen, so wie im Rechnen, in der Geographie, Geschichte und den übrigen Lehrgegenständin so äuS, daß von stimmlichen sehr zahlreich versammelten Zuhörern auch nicht einer war, der einige Worte des wärmsten Dankes an den Gründer dieser Schule zu richten unterlassen hätte. \ B. Breslau, 25. März. In das Einerlei der hiesigen jüdischen Geschichte ist mit einem Male wieder Bewegung und Aufregung gekommen, eine gewaltige Spannung hat sich der Gemüther bemächtigt. Geiger hat dem Obervorsteherkollegium officiell den Wunsch zu erkennen gegeben, Breslau zu verlassen, nicht etwa, um dem Friedensplane nicht im Wege zu sein , sondern um dem Rufe der Berliner Reformgenossenschast zu folgen, die ihm durch ihre Deputirten, R e b e n st ei n und Th. Mayer zum Prediger für 2000 Thlr. Salair engagiren ließ. Die Aufkündigung ist zwar rnit Klauseln, mit Wenn und Dafem nur bedingungsweise geschehen, und zum /Rückzüge ist noch eine Hinterthüre gelassen worden, allein die Gemeinde in kompakter Majorität nimmt es für Ernst. Seine ehemaligen Freunde, diejenigen nämlich , welche vom Reformransche nicht benebelt sind, sind nicht wenig über diesen Schritt ungehalten;, denn sie warm immer bestrebt, seine Orthodoxie gegen den bösen Leumund zu vertheidigen, ja er selbst zeigte sich bei mancher Gelegenheit der Radik'alreform, «die mit Emancipation von den Speisegesetzen, von dem Sabbat, von der hebräischen Sprache, von den Erinnerungen an eine glorreiche Vergangenheit beginnt und mit dem Taufbecken enden wird, halb und halb abgeneigt; jetzt fällts ihnen wie Schuppen von den Augen. Sie sind jetzt genöthigt, den Konservativen' einzuräumen,' daß ein so zu sagen bewußtloses Gefühl ihnen eine Art Abneigung gegen den Religionötehrer von Wiesbaden eingeflößt habe, welches der Erfolg als richtig bestätigt. Je mehr aber seine ehemaligen Freunde sich in Massen von ihn: abwenden, desto fester hangen die Reformer an ihm, die am letzten Sonntag eine große Versammlung von etwa 150 Personen größtentheils dem Kaufmannsstande angehörig hielten, über Reformangelegenheiten zu berathen. Was reformirt werden sollte, wußte Niemand anzugeben. Der Eine" schlug vor, einen Sonntagsgottesdienst, ein Anderer donnerte, nieder mit den NM, sie sind für unsere modernen Zähne zu hart, für das lebendige Bewußtsein unseres Magens zu unverdaulich, ein Dritter endlich ermahnte die Versammlung zu anstrengenden Opfern mit Hinweisung auf die Hugenotten (von Meyerheer?), die für ihreUeberzcugung kein