Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 13 (26.3.1846)
- Date
- 1846-03-26
- Page
- Seite 95 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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95 solche herausfordernde Verletzungen verhielten. Sehr.! leicht konnten wir die Grundlosigkeit der Verketzerung darthnn; wir konnten ganz klar die Angabe widerlegen, daß alle jetzt unter Juden üblichen Gebete wären von den M ä n n e r n d e r Großen. S y n ode verfaßt und unverändert durch Uebelieferung zu uns gelangt, wenn wir blos auf die vielen Formen des Gottesdienstes hinwiesen, die bei weitem den großem Theil bilden in der Menge von Gebeten, Lobgesängen und den vielfachen Stücken unter solchen Namen, und die jedoch unmöglich ein Datum beanspruchen können vor den: neunten Jahrhundert der gemeinen Zeitrechnung. Wir kennten ferner zeigen, daß, da die Form des Gebetes der portugiesischen Juden bedeutend verschieden ist von der der deutschen, cs ein wörtlicher Widerspruch für die erstere ist, auf die göttliche Eingebung ihres Rituals Anspruch zu machen, ohne zugleich dies Vorrecht den andern abzusprechen; und ebenso sehr widersprechen sich die deutschen Juden, die unmittelbar göttliche Abstammung ihrer Formen des Gottesdienstes zu behaupten, ohne durch eben dieselben Beweise einräumen zu wellen, daß die Gebete ihrer Brüder in der portugiesischen Synagoge nicht von Gott eingegeben sind. Jedermann, der durch die Gäbe der Vernunft fähig ist zu unterscheiden zwischen voreiliger Behauptung und gründlich überzeugender Beweissührung, muß einschcn, daß der CHeren:, gerichtet von Dr. Hirschcl gegen Muser Gebetbuch, unter dem Einwcmd, daß die allgemein üblichen Betsormcln festgestellt seien von den Weisen der großen Synode (unter denen einige unsrer Propheten waren) und daher mit Recht betrachtet werden als völlig göttliche Eingebungen. — Daß ein solcher Ehercm nicht nur ohnegenügendes Nachdenken, ohne Sorgfalt hingestellt wurde, sondern, daß auch die Grundlage, ans die man ihn zu stützen suchte, äußerst grundlos ist.. Wie durch ihre Beweisführung gänzlich unrichtig, war die „Warnung" auch nicht besser gestützt durch das Beispiel eines solchen Verfahrens in ähnlichen Fallen bei andern jüdischen Gemeinden. Bis zum Datum der Urkunde, über die wir soeben unsre Bemerkurigen machen, hatte man es unsres Erachtens, nie als Grundsatz ausgestellt, daß schon eine blose Abänderung des Rituals, ganz abgesehen von der innern Beschaffenheit derselben, gleich wäre einem gänzlichen Abfall von Israel. Hätte man sie wirklich als solchen betrachtet, wie sollen wir es erklären, daß seit Jahrhunderten unter Israeliten verschiedener Länder eine Menge verschieden abgefaßtcr Gebetbücher gleichzeitig gebraucht werden, ohne deshalb die Einheit Israels irgendwie anzntasten? Wie solle): wir die widerstreitenden Verschiedenheiten erklären, welche Ln unfern Tagen und innerhalb eben dieses Ortes stattfinden. zwischen den: Ritual der deutschen und der portugiesischen Juden, wenn diese nichts desto weniger verharren in ungestörter Glaubensgemeinschaft? In vielen Städten Deutschlands haben unsere Brüder in ihren besondern Ritualen Veränderungen ausgenommen, welche an Umfang und Charakter die unfern bei weitem übertreffen. Wäre nun jeder besondere Fall solcher Veränderungen .mit dem. Bannfluch heimgtsncht, wie es gegen uns geschehen, so wäre das Jndenthnm mit einem Hiebe in Bruchstücken zerschlagen, es müßte sich im eivilisirten Europa als ausgelöst erklären, und so würde der Haß der ärgsten Feinde unseres malten Glaubens durch unfern eigenen Wahnsinn gesättigt sein. Daß dies nicht erfolgt ist, kommt daher, daß. man einen Unterschied in der Form eines Gebetes nimmer als genügend betrachtet hat, um die .Gemeinschaft am Judenthume abznbrechen, öder um Israel in eben so viel Stücke zu zertrümmern als es verschiederw Arten seines Rituals giebt. Anderseits will man vielleicht behaupten, daß durch das Wesen unsrer. Verändernnge): in den Gebeten unsere Stellung verschieden ist von der unsrer Vorgänger Ln der Reform? -Wohlan denn! wir sind es vollkornmen zufrieden, uns an die Entscheidung jedes unparteiischen Richters zu halten, der den Geist beobachtet, von dem wir geleitet wurden in der Auswahl von der gewöhn-- lichen.Liturgie der deutschen und der portugiesischen Juden. Mag doch irgend ein Gebet vergezeigt werden, welches die Gelehrten der orthodoxen Synagoge als ein wirkliches Vcrmächtniß der großen Synode anerkennen, rmd man wird es einverleibt finden in dem Gebetbnche der West-London-Synagoge. Wir'haben in der Absicht gehandelt, in. unsrem Führer der Andacht das Ganze der jüdischen Glaubenslehre darzustetten, indem wir ti: der Thal. ohne alte Ausnahme die dreizehn Glaubensartikel anfnahmen, welche Maimonides als den Inbegriff alles dessen betrachtet, woran seit Offenbarung unserer Religion das gläubige Israel geglaubt Hai. Daß wir die Ausdehnung des Rituals vermindert haben , ist wahr, doch dafür beanspruchen wir Anerkennung, und nicht Verdammung, 'da wir von Gewissen Hastigkeit geleitet wurden, nicht von.Oberflächlichkeit. Wir verkürzten jene langen Wiederholunger:, welche in den alten Liturgien, stets unverändert Vorkommen. Wir beachteten die Unmöglichkeit, eine angehänfte Menge von Gebeten, das Erzeugnis) verschiedener Zeitalter mit jener gespannten Aufmerksamkeit öfters zu wiederholen, die das heilige Geschäft des Bctens durchaus erfordert und die man daher erleichtern sollte, nicht aber hemmen. Wir erwogen die. Nothwendigkeit, für regelmäßige Belehrung von der Kanzel herab zu sorgen, für die kein genügenderZeitraum angewiesen werden konnte, wenn nicht die Gebete, wo cs ihr Wesen am. meisten gestattete, in einer, kurzem kräftigeren Form, gebraucht würden. Endlich hielten wirs für unsere Pflicht, das öffentliche Hcrsagen. von Formeln abznschaffen, die zwar in unfern alten Gebetbüchern Vorkommen, die aber nach lange schon ausgesprochenen Urthcilen aller Sachverständigen keine Verwandtschaft haben 13 *