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Der Orient · 1846-03-19 · 12 (19.3.1846) · p. Spalte 179-180

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Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
12 (19.3.1846)
Date
1846-03-19
Page
Spalte 179-180 (sequence 2)
Language
German
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179 Studien. Die talmudische Moral. 189 peraüv weiß er nichts, und Wicht ist bei ihm nur die Nothwendigkeit einer Handlung aus Achtung vor dem Gesetze, nicht aus Liebe und Zuneigung zu dem, was-die Handlungen hervorbringen sollen. Während. nun die Philosophie die Pflichtlehre in/Rechtspsticht e n , «Mein. juris, d. h. solche, für welche eine äußere Gesetzgebung möglich ist, und'daher auch einen Begriff der N ö t h i g u n g durch? das Gesetz enthalten, und Lugendpflichten, okkeia stllica, für die es kein Gesetz und.nur eine innere Nothiguag gibt, eintheilen, hat das Iudenthum eine solche Trennung nicht-sanktionirt, und Rechtspflichten und Lugendpflichten > unter einer gesetzlichen Form als göttliches Diktat aufgestellt. Die Wissenschaft hat noch kein vollkommenes ethisches Princip aufgefunden, nach welchem in allen vorkommenden Fällen zu richten wäre; das Iudenthum. aber hat diese Aufgabe durch praktische Gesetze gelöst, so daß wer seinen Tugendgesetzen gemäß lebt, seiner Pflicht genügt; wer weniger thut als sie verlangen, sich verschuldet; das Mehrthun hingegen (p*T rvWD MD1? B. Kama 100) ist dem moralischen Gefühl eines Jeden überlassen. Wenn daher das jüdische Gesetz Nothlüge erlaubt, der Selbsterhaltung allen Gesetzen mit Ausnahme der drei Kapitalverbrechen koordinirt, so will das nur heißen, daß in solchen Fällen keine gesetzliche Nöthigung vorhanden ist, und nur die innere Willensbestimmung und das sittliche Gefühl das Individuum zu leiten hat. Die Toleranz der gegen- . wärtigen Rabbiner gegen Minim und Epikorsim, daß sie nämlich, wie Jost mit Recht bemerkt „sammt und sonders, wenn ein solcher in Gefahr wäre, herbeispringen würden, ihn zu retten:c.", ist wenn auch nicht im Gesetz geboten, aber denn doch nicht g e g e n das Gesetz, und die Rabbiner handeln hier so wenig gegen die talmudische M orallehre, wie I. behauptet, wie ein frommer Christ gegen die christliche handelt, der einem Götzendiener Wohlthaten erzeugt, obgleich Jesus zu dem kananäischen Weib sagte: „Es ist nicht fein, daß man den Kindern ihr Brod nehme und werfe es vor die Hunde (Matth. 15, 25)". Denn das talmudische dÄ pTHiD ist keineswegs ein praktisches Gesetz, ein kategorischer Imperativs sondern ein sogenanntes Erlaubnißgesetz') (lex peimissiva), und will blos sagen, daß wer den Glauben untergräbt, von der Gottheit und der Welt Ansichten verbreitet, die. von schädlicher Wirkung auf ihre Zeitgenossen sind, außerhalb des Gesetzes steht; man ist nicht gesetzlich verpflichtet ihn zu unterstützen und nicht gesetzlich verhindert ihm zu schaden; wo aber, wie wir bemerkt haben, die gesetzliche N ö t h i g u n g aufhört, da vertritt' das moralische Gefühl ihre Stelle. Der freundliche Umgang der Lalmudisten mit Elischa-Acher und die seltenen Beispiele von Verfolgungen und Ketzergerichten gegen den Einzelnen, der auf die religiösen Ansichten seiner Zeitgenossen umstaltend *) Maimonides Akkum 10, 1 und H. Mamrkm 3, 1 fügt allerdings, aber ohne sich an die Quelle zu halten, hinzu: i'2 n® — ■■TnbrurraD ntyj; jnr* junn in. tinjuroirten strebte, die sich, in der jüdisch e n Geschichte sindenwährend die Geschichte der alten und neuen Welt so manches blutige Blatt., hiervon aufweist, liefert den besten Beweis, daß die Maxime von von keinem so schädlichen Einfluß auf die Moralität der Juden war, und nie praktischen Eingang.gefunden hat. Sie steht im Talmud eben nur als Privatmeinung, und zwar als die eines Mannes (R. Abahu), der bekanntlich häufig mit den Iudenchristen polemisirte, und vielleicht aus Umnuth zu dieser Maxime verleitet wurde. * Diesen einzigenSatz eines einzigen Mannes abgerechnet, sind die Resultate, die wir von den talmudischen Gesetzen für die Moral erlangen, durchweg den Anforderungen unseres Sittlichkeitsgefühls entsprechend, und wo sie mit einer später« Gesittungiin Widerspruch standen, wurde zu deren Aufhebung, wie oben bemerkt, nicht erst die Aufforderung Iost's abgewartet. Ja sogar die Auflösung der promissorischen Eide, welche Theorie doch nach allem bis jetzt darüber Gesagten nichts enthält,.was dem strengsten sittlichen Gefühl nicht genügen könnte, wurde, um selbst den Sche in einer Geringschätzung der Eide zu retten, von R. Iehuda Gaon nicht mehr vorgenommen, und R. Jehuda Barceloni, ein Gelehrter des 12. Jahrhunderts, 'sagt, daß .man in seiner Schute diese Lehre schon über ein Jahrhundert nicht mehr vortrage,(Semag, Verbote 261). — Der Talmud, welcher die Erläuterung und Interpretirung der juridischen und Kult - Gesetze auf die äußerste Spitze treibt, beobachtet ein gleiches Verfahren bei den Lugendgesetzen; man lese z. B. die Gesetze von der.Elternliebe, von der Verpflichtung das Alter , zu ehren (Kiduschin 32.) ,. von dem Verbot sich nicht zu . rächen (Soma 23), von der Verläumdung, welche Sünde bald den 3 'Kapitalverbrechen (Loses. Sabbat c. 2); bald der Gotteslaugnung (Erachin 15) gleich gestellt wird, von dem Diebstahl, der gegen seinen Mitmenschen begangen, strafbarer als Kirchenra u b gehalten wird (B. Batra 88, Sanhedrin 108); von dem Morde, der selbst an einem Sklaven mit Lode bestraft wird, .so w'e hier auch die jüdische Rechtslehre von einem N o L h r e ch t (jus nLOLssitatis) nichts weiß und den Grundsatz aufstellt ppjo ND“n jVTn WD ’DD (Sanh. 74; Jerusch. Terumot S. 27). Welchen Schatz von Weltweisheit, Menschenliebe und Moralität enthalten nicht die Pirke Abot, die als Kompendium einer Ethik der Lalmudisten schon im talmudischen Zeitalter galten (inh nnNT ^o n'y N-pon ]kd)! — .sßitt.unb kann es . etwa der gründliche Kenner und Bearbeiter der jüdischen Geschichte in Abrede stellen, daß das einträchtige jüdische Familienleben, die jüdische Armenpflege rc. gerade aus der „Lalmudischen Theorie, die in uns Wurzel faßtet.fließe und keineswegs die alleinige Folge der heutigen Gesittung fei? Und dennoch verlangt Herr Dr. Jost, daß wir diesen Kampfplatz räumen, d. h. daß wir das älteste Monument unserer nachbiblichen^Geschichte, da wo es am reinsten glänzt und schimmert, preisgeben, damit die talmudische Intoleranz, die, wie so viele ' andere talmudische 'Meinungen und Ansichten, ein

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