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Der Orient · 1846-03-19 · Heft 12 (19.3.1846) · p. Seite 87

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Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 12 (19.3.1846)
Date
1846-03-19
Page
Seite 87 (sequence 5)
Language
German
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87 so wohnt doch der Wahrheit ein Lehens funke inne, denn selbst die spitzfindigste Kasuistik nicht auszumerzen ver-- mag.. Ich weiß, Sie wenden dagegen ein, wir bedürfen zur Abkürzung der bestehenden Feitertage einer rabbinischen Sanktion, auch läßt sich das Wünschenswerthe einer solchen Befähigung nicht verkennen; allein die Unzugänglichkeit zu solcher Behörde liegt offen zu Tage. Denn unsere hiesigen weltlichen und geistlichen Orakel behaupten fest, die vollstreckende Macht gehöre ausschließlich dem Sanhedrin an. Denselben Einwand, heutigen Behörden ermangle das Recht Aenderungen vorzunehmen, führt man auch wider die übrigen llnumgängtich nöthigen Kultusverbessernngen an, vornämlich wider die zeitgemäße Sichtung der Gebete. Da nun die bedächtigen Herzen dem Geiste der fortschreitenden Zeit nicht huldigen wollen , so wird durch ihren unerschütterlicheir Starrsinn der Laie gezwungen, die Reform mit eigener Hand zn leiten. .... Einheit, rufen Sie mir zu, Einheit ist es, die nns neth thnt. Ja wohl, taffen wir aber unfern Verstand durch den leeren Klang nicht irre führen. Denn untersuchen wir diese vielgepriesene Einheit mit religiösem Forschungsblick, so ergiebt sich uns die traurige Ueberzeugnng, daß sie nur' aus einem Gemenge von glühendem Fanatismus, kalter Gleichgiltigkeit und einem einzigen Rest vernünftiger Gläubigkeit besteht. In Beibehaltung dieser Einheit mag eine räthliche Politik liegen, aber Weihe giebt sie dem Gottesdienst nicht, ich finde keine Heiligkeit en einem solchen Bunde. Bedauern Sie also nicht unsre Trennung von einem derartigen Verbände, beklagen Sie vielmehr die 'Unvermeidlichkeit derselben, und ich stimme Ihrer Traner bei. War es doch gerade die alterinnigste Hingebung zu unserer heiligen segensreichen Religion, die uns zur Lossagung von diesem Nexus bewog. Viele der Stifter unserer Gemeinde, Männer, deren Lebensabend weit vorgerückt, wünschten, im Vereine mit anderen Gemeindegen offen Maßregeln zu treffen, die zur begründeten Hoffnung berechtigten, daß unsere Nachkommen in der Väter Glauben beharren würden. Das haben wir durch den himmlischen Beistand erreicht, und der Tod hat für mich einen Stachel weniger .... •. Wir haben nur solche Mittel ergriffen, die wir zur Herstellung der öffentlichen Andacht als unerläßlich erachteten, und dadurch haben wir ben Glaubcuöschwachen Stärkung erwirkt und der Entheiligung des Sabbats entgegengearbeitet. Die rechte Mitte haltend, haben wir gleichmäßig die Scylla des Fanatismus, und die Chanbdis des Unglaubens vermieden. Glücklich und überglücklich stünde es um Israel, wenn jede Synagoge so geleitet würde, wie die unsre, wo das reine Gotteswort uns gepredigt, und durch öftere Beziehung auf die Schriften unserer Weisen erläutert und erhärtert wird, und wo das Gemüth während , des Gottesdienstes in weihevollerer Sphäre webt. Auch kommt nns das Verdienst, zu, den Scheingrnnd entkräftet zu haben, der für die Abhaltung der Gebete in der Landessprache geltend gemacht wird. Die Erlernung des Hebräischen bildet bei uns einen Pflichttheit der Erziehung wie sonst wo moderne Sprachen re. Erwähnenswerth ist ferner, daß sich sämmtüche Angehörigen der Gemeinde, wiewohl manche ziemlich.entlegen wohnen, vor stattfindendcm Gottesdienst cinfinden, und daß während' der ganzen Bctzeit die andächtigste Stille herrscht, Was die Konfirmation beider Geschlechter betrifft, würde Hr. *** in Boston die hierüber ausgesprochene Wünsche auf's Genaueste verwirklicht sehen. Auch besteht in unserer Synagoge ebenso wenig Rangun terschied als im Grabe ,,dem Reichthum geziemt keine Bevorzugung im Tempel des Herrn"*). .... Sie bitten' mich, die leider eingetretenen Zerwürfnisse ansgleichen zu Helsen. Wollte Gott, ich könnte das ohne hierbei ein Princip auszuopfcrn. Nachstehende Darstellung der Sachlagen wird Ihnen beweisen, daß wir uns längst unter den Schutz der Landesgesetze hätten stellen können, waren wir nicht geneigter gewesen, Frieden zu bewahren. Grenzenlos waren die Rechtsverletzungen, die wir irr socialer und religiöser Hinsicht zu erdulden hatten. Doch weit entfernt, der: trübseligen Zwiespalt zu vergrößern, beobachteten aut .eine fast an Kteinmuth grenzende Passivität; aber trotz, unseres sogearteten Verhaltens wurde uns der Friedenszwcig auch nicht im Entferntesten geboten. Zur Verständigung, des Sachvertaufs habe ich vorauSzuschicken, daß die eigentlichen Seeedcrs**) ehemals Mitglieder der portug. Synage waren. Diese hatten viele Jahre hindurch für die Sache der Knltnsreform gekämpft, und da in ihrem Wohnviertel, dem westlichen Stadtgebiete eine Synagoge unumgänglich erfordert wurde, so führten sie mit Hilfe einiger noch Hinzngetretencn die längst verfochtenen Verbesserungen durch. Die Synagoge verdankt also ihr Entstehen keineswegs einer aufrührerischen Gesinnung, sondern der unabweisbaren Nothwendigkeit. Während der ganzen Zeit/daß die Reform in Anregung stand , besuchten die berathenden Vertreter derselben ihre alte Synagoge wie vordem. . Im August 1841 richteten sie ein Schreiben an den Vorstand der Acttestcn (elders), ein Schreiben , daS in besonnenem, freundschaftlichem ttnd friedfertigem Tone abgefaßt war, den Geist wahrhaft religiösen Gefühls athmete, und in geziemender Weise über die Fortschritte ihrer Bestrebungen Rechenschaft abgab***). V) Dieses beherzigenswerthe Citat ist wenn ich nicht irre, aus Leeser's Predigten. Der Uebers. .**) D. h. Dissidenten, ausscheidende Theilnehmer, von dem Zw. to secede austreten. Mit Unrecht, trägt may bisweilen in obiges Wort auch die Bedeutung Schismatiker hinein. Der Uebers. Der Brief, ein denkwürdiges Aktenstück für die Ge.? schichte der Reformen, ist dem engt. Original als Beleg beigegeben und soll Ihnen gelegenheitlich eingesandt werden. Der Uebers. 12* '

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