Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 11 (12.3.1846)
- Date
- 1846-03-12
- Page
- Seite 78 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- 78 - hineinleuchtete, uns bald den Sieg verschaffen über die Gespenster. der Mitternacht; dieses hohe Gut, welches wir vor der Christenheit voraus haben, ist die naturgemäße, freie, rein konfessionelle, somit republikanische Verfaffung der Synagö ge, gegenüber der starren, die geistige Richtung Einzelner als maßgebend der Gesammtheit aufdringenden, die Geister Ln, die Ketten eines eisernen Parochialzwanges schlagenden, die selbstständige Lcbensregung lähmenden, hierarchischen Kirchenverfassung' des Christenthüms, ans wel- .chem freilich rnehrere demJudcnthum ursprünglich fremde klerikale Anmaßungen, wie das ausschließliche Vollziehen von Trauungen und Ehescheidungen, das Anördnm und Abschaffen von Gebeten an manchen Orten re., im Laufe der Zeiten durch die Rabbiner misbrärrchlich in das Jlrdenthm.n hineingeschwärzt worden, welches jedoch schon selbst durch das lieblose Beträgen seiner Bekenner dafür sorgte, daß nicht jene ganze Priestergewalt, deren Last abzuschütteln man in diesem Augenblicke noch mit so zweifelhaftem Erfolge bemühtist, in das freie Gebiet der Synagoge sich eindrängte. So verwandelte auch hier der Gott Israels den Fluch in Segens die schöntönenden Worte priesterlichec Ambition fanden keinen Anklang in den Herzen derer, welche schon bei der Entstehung des Morenu-Titelwesens dieses als ernR-Fremdsitte mit miötrauifthcn Blicken betrachteten, der Rabbi war und blieb bei uns , ungleich dem christlichen Priester, lediglich ein Nathgebcr*) für solche,. die seines Rathes bednrsten und — die Sache.ttichL .heAr verstanden oder auch nur zrr verstehen glaubten' M/ er. Die in Europaeinbrecherrde Morgelldämmerungf traf unsre Hände frei von jenen Fesseln, welche die l herrschende Kirche ihren Bekennern angelegt,, und als Nur jene Geistesketteu nun einmal nicht mehr ihres Alters halben für ehrwürdig und heilig hielten, könnten wir'sie sogleich von uns schleudern, fccmt unsre Hände waren nicht damit verbunden. Um dieses hohe und heilige Gut, um diese Freiheit 'geistiger und 'religiöser Entwickelung für jedes Individuum nach seiner Eigenthümtichkeit und seiner Aüfsassungsweise, um dieses Palladium unsrer rein israelitischen Existenz handelt cs sich irr diesem Augenblicke in einem Kampfe, der um so ernster ist, als? ein großer Theit der Angegriffenen, sich in stolze Sicherheit einwiegend, die Gefahr nicht achtet, welche gleichwohl gar nicht gering ist. Gerade 'jetzt, in denr nämlichen Augenblicke, wo die Christenheit vieler Orten bestrebt ist, die Macht hierarchischen Geisteszwanges zu brechen und sich zum freien, selbstständigen Religionsleben cmporzuarbei- *.) niapn önsoyn wio ruft David Gans bei der Gelegenheit aus, wo er die Annahme des Titels von Seiten des I. L ö r i a berichtet. - ten, gerade jetzt wird alltäglich ein Stein nach dem andern hinzngetragen zu der mittelalterlich gefesteten Bürg, welche man, wie in der Urzeit den Thllrin zu Babel, für ein prachtvolles Gebäude ausgielt, dessen Spitze bis zum Himmel reichen und die Erdbewohner einigen solle zu einerlei Rede, in deren Innern aber nichts ist als eine Menge fester, kleiner Kämmerlein, bestimmt, um die Widerspenstigen in ihren Mauern zu begraben. Reden wir ohne Bild und Metapher, und möchte es mir gelingen, mich den Ganz- und Halbverblendeten verständlich zu machen , die in dem Wahn, einer guten Sache zu dienen, sich einem Bestreben anschließen, das sie in stillen Konstgnenzen verachten und verabscheuen! Es sind jetzt etwa 18 Jahre her, daß in M. auf Betreiben des Rabbiners E. gegen einen jungen Menschen Von kaum 14 Jahren p o l izeilich e Ve rfolg u ngen impetrirt wurden, weil er, wie man ausgeknndschastet hatte, a) am eine Birne gegessen/was man ihm indessen noch verziehen haben wurde, wenn es nicht zur Anzeige gekommen wäre, daß er 1)) Geographie getrieben (übrigens vielleicht in der frommen Absicht, zu erfahren, von welchen Breite- und Längegraden man die Einritt als ELQ gebrauchen dürfe, und auf welchen sie, insofern die E^)?EE die Erde für rund ausgeben, als antipodisch umgekehrt oder mindestens schräg (Elf)-), seien), und daß er e) ohne Genehmigung des Hrn. Rabbiners „sogar lateinisch gelernt" habe, und zwar, wie die. Dcinmeiation ausdrücklich erwähnte, „in den zwei besten Stunden des Tage s, nämlich' von 2 tnö 4 Nachmittags". Lachen Sie nicht über diese Geschichte/sie hat einen Ihrer Mitmenschen gar viele Stunden des Leidens gekostet, sie hat zur Ehre Gottes gar viele Nichtswürdigkeiten gegen ihn hervorgerusen und —' sie ist die Geschichte vieler Tausende in Israel, welche alle dem genialen Verfasser des „Spinoza" zu seinem naturgetreuen Bilde hätten sitzen können, wenn er nicht selbst ebenfalls zu den Originalien desselben gehörte. Freilich hat die hohe Polizei der Sache keine weitern Felgen gegeben; aber die sogenannte „Volksstinmw", welche der fanatische Rabbi um so gewisser für sich hatte, als er ein „studirter", ein ^hochdeutsch predigender, n eu er Rabbiner", ein „Geistlicher", war, was früher kein Rabbiner je gewesen, diese rabbinische ^ox pvxuli nahm keinen Augenblick Anstand, sich für Gottes Stimme zu halten und cs geschah, wie gesagt, in Folge dessen so manches recht gottlose Teufelswerk. Jener verfolgte Knabe aber ist der Macht stilles frommen Verfolgers keincStveges erlegen, sondern er ist zum Manne herangereist und kennt gegenwärtig keine abscheulichere Vorstellung, als die Möglichkeit, etwa nach weitern 18 Jahren, im Jahr 1846, abermals die Zielscheibe bes Hasses, der Verachtung undJ* der Verfolgung eines ebenso bigotten Nachwuchses zu werden, als diejenige Generation war, die ihn einst als