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Der Orient · 1846-02-26 · 9 (26.2.1846) · p. Spalte 131-132

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Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
9 (26.2.1846)
Date
1846-02-26
Page
Spalte 131-132 (sequence 2)
Language
German
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131 Kritiken. Jost's Dieses Mißgeschick hatten die Juden in ihren Kulturentwickelungen schon früher, und die Neuzeit hat dieses noch nicht überwunden. Daher die seltsame Erscheinung, daß der Epigone oft nicht um einen Schritt weiter als der Vorgänger ist, der Spätere, welcher doch die Arbeiten der Frühern in sich verarbeiten sollte, das Ergebniß seiner Geistesthätigkeit, seines Strebens so ganz ohne alle historische Beziehung mit den Vorarbeiten darbietet, als wäre er Autochthone. Jeder arbeitet, kämpft und strebt für sich, nicht wie im wahren Kampfe, wo der Hintermann den Vordermann unterstützt, oder wo die nachfolgenden Truppen durch die Ergebnisse der Frühern den Sieg erringen,'nicht wie in der wahren Wissenschaft, wo der Jünger die Resultate des Meisters.in sich aufnimmt und verarbeitet, und auf Grund dieser Vrrarbeitung dann selbst als Meister auftritt, nicht wie in der wahren Kultur das Neue sich immer aus dem Verlebten verjüngt, sondern isolirt in Bezug auf - das Streben ' .und. Leisten der Juden , blos von dem Streben, und 'Leisten der Umgebung tangirt. An dieser Zersplitterung und Unbeachtung der Präcedencien kranken selbst die besten Geister unter den Juden. Welche schlechte Schriften sind nicht nach Riesser's trefflichen Arbeiten über die Emancipationsfrage erschienen, und nicht blos weil die Verfasser keine Befähigung gehabt, sondern weil sie jene gar nicht gelesen, oder gar nicht in sich ausgenommen, und in ihrer Umgebung sich die ersten Besprecher dieses Thema's dünkten.. Und Riesser selbst hat sich um die historische Beziehung, die seine geistblitzenden Schriften zu den Vorgängern haben sollten, wenig gekümmert; er trat nicht als. ein historisch Angereiheter zu. seinen Vorgängern auf, sondern er betrachtete diese Sache gleichsam.als einen zu führenden Prozeß, den er mit Geist und Mchdrück durchzufechten hatte. -Dieser Mangel an organischer Fortentwickelung dieses Lyells des jüdischen Schristthums ist auch Schuld, daß wir ungelesen viele Schriften aus der Hand legen, oder daß die, außerhalb des beschränkten unhistorischen Kreises des Verfassers stehende, sie gar nicht zur Hand nehmen. Auf dem Gebiete .der religiösen.Reformen in Tempel oder Synagoge ist es ebenso der Fall'. Da tritt oft nach zwanzig, dreißig Jahren ein; Rabbinerchen oder Predigerchen mit hochgelahrter Miene auf, das schon zum Ueberdruß Bewiesene und Entschiedene, ja oft das schon nach dem Gange der Kulturgeschichte Verlebte, wieder von Neuem beweisend, alle Präcedencien, alles darüber schon Vorhandene, Geschriebene- und Entschiedene in dem kleinen Kreise seiner Beschränktheit nicht kennend. Und in unseren literaturgeschichtlichen Specialarbeiten und Stückwerken geht es oft nicht besser zu; Einseitigkeit ist auch hier das Charakteristische, und man muß es schon sehr hoch anschlagen, wenn nicht Vorliebe für Freunde und Überschätzung derselben, böswillige Absichtlichkeit, die Arbeiten Mißliebiger zu ignorir'en oder deren Ergebniß als Eigenthum sich zuzueignen, sondern völlige Ignoranz die Schriftsteller leitet. Dieser Zustand ist nicht nur die Lösung der oben aufgestellten Frage, -sondern auch ein Zeugniß von unserer noch Geschichtswerk. - 132 nicht ganz errungenen Kultur, von unserer Arm uth an Männern mit objektivem. Sinn und ruhiger parteiloser Sprache, an Männern, die sich nicht in specielle Liebhabereien verkrümeln und vor lauter Tiefe die Fläche bezweifeln, vor lauter Gewissenhaftigkeit den Gegenstand so lieb gewinnen, daß sie ihn gar nicht begreifen, überhaupt an Männern mit jener Objektivität des Urtheils und der Anschauung, mit jenem allgemeinen Blicke, welcher allein den Priestern der Wissenschaft die Weihe geben. Und das erste Gesetz der Geschichtschreibung ist Objektivität und Erfassung des allgemein Wichtigen, wie auch ruhige gewissenhafte Zusammenstellung der Geschehnisse, und eher mag der Leser die seiltänzerische Geistreichbeit, die dythirambische stMirende Sprache und den unermeßlichen armseligen Wortreichthum. entbehren, als jene Grundpfeiler und Fundamente aller Geschichte. In diesem Sinne ist Hr. I. noch immer der einzige jüdische Gelehrte, der durch Bewahrung seines objektiven Sinnes, durch seine ruhige, parteilose Sprache und durch .seinen Hinblick auf das Allgemeine den Beruf zur jüdischen Geschichtschreibung sich erhalten, und wir müssen es sehr dankbar und anerkennend aufnehmen, daß er dieses noch immer verlassene und verwaiste Gebiet unverdrossen durchschreitet, unbekümmert ob dieser Einseitige den Mangel an tieferer Auffassung, jener die einfache wenig lebendige Sprache in kecker Dummheit, dieser tölpelhaft den Maaßstab der Geschichtschreibung eines Ranke anlegt, jener. die geistreichen nichtigen. Phrasen und den beseligenden Notizen kram vermißt. Auch, schon darum verdient Hr. I. um so mehr unseren Dank, als er für seine Arbeit, so einfach sie auch erscheint, unter den großen und kleinen Geistern des Judenthums noch immer keinen Vorarbeiter gefunden; R t eff e r hatte nie mit der jüdischen Geschichte etwas zu thun/ ft sehr er auch in der Emancipationsfrage seit 1830 unvergeßlich ist, und Zun z hat nichts in dem Verhältniß der Juden zum Staate, dem gegenwärtigen Objekte der jüdischen Geschichtschreibung, in irgend einem Punkt aufgehellt, so unvergeßlich er uns auch in der Andauung mancher, wüsten Strecken der jüdischen Kultur- und Literaturgeschichte geworden. — Nach dieser Vorbemerkung wird es hinreichend sein, den Lesern hier , eine kurze Uebersicht des Inhalts dieser ersten Abtheilung der neuern Geschichte zu geben. Nach einer 22 Seiten starken Einleitung gliedert beim Verfasser der historische Stoff sich in folgender Weise ab: A. Verschiedene rückgängige Bewegungen nach dem Frieden. 1) . Reaktion in der freien Stadt Frankfurt. 2) Zwischenfälle in Lübeck und Hamburg. In und v or. — 3) Schriftthum und Fehden über das Bürgerrecht der Juden. 1816 — 17. — 4) Fortsetzung. Vermittelnde Schriften. — 5) Verhandlungen in Frankfurt, Rechtsstreit bei der Bundes-Versammlung.— 6) Verhandlungen über einen Vergleich und Schluß. 1819—24. — 7) Rechtsverhältnisse der Israelitischen Bürger in Frankfurt und Gemeinde-Verhältnisse. — 8) Innere Verhältnisse. — 9) Allgemeine Aufregung im Jahre 1819. — B. Einzelne Staaten. Deutschlands, a) BaLern. 10) Verhandlungen in Baiern.

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