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Der Orient · 1846-02-26 · 9 (26.2.1846) · p. Spalte 129-130

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Journal
Der Orient
Volume
1846
Issue
9 (26.2.1846)
Date
1846-02-26
Page
Spalte 129-130 (sequence 1)
Language
German
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Mteratnrblatt des Orients. Berichte, Studien und Kritiken für jüdische Geschichte und Literatur. M 0 Leipzig, den 26. Februar 184«. Inhalt. Kritiken. Kurze Anzeigen. Jo ft''s Geschichtswerk. E. M. Stern. Dr. M. Letteris. Dr. M. Löwenftein. Alfabete. D e l l a Sorte. — Studien. Notizen und Miscellen. Chasdai ben Isaak. — Einige Stellen in der Apokalypse. Das Wort ,,Schadchan". Verbesserungen in dem Gedichte Salmon ben Jerucham's. Von H. PH. Ree. — Ueber Tanchum und Saadja. Von Ad. Jellinek. — Litcrar-histori-sche Forschungen aus Landauer's Nachlaß. (Fortsetzung.).— Ankündigungen. Kurze Anzeigen. 4) Neuere Geschichte der Israeliten von 1815 bis 1845, mit Nachträgen und Berichtigungen zur älteren Geschichte von Dr. I. M. Jost. Zwei Abtheilungen. Erste Ab? theilung. Deutsche-Staaten. Auch unter dem Titel: Geschichte dex Israeliten seit der Zeit der Maccabäer bis auf unsere Tage. Zehnter Band. Erste Abtheilung. Berlin, 18^6. 8. Schlesinger'sche Buch- und Musikhandlung. Noch immer steht unser trefflicher und besonnener Historiker Dr. Jost auf dem Gebiete der jüdischen Geschichtschreibung allein und ohne Nebenbuhler da, noch immer haben wir keinen Forscher und Darsteller unserer historischen Geschehnisse außer Hr. I. aufzuweisen, und dieser Umstand allein schon spricht beredter und überzeugender für seine anerkannte Befähigung, für sein hervorstechendes Talent zur jüdischen Geschichtschreibung, als eine recensirende Darstellung seiner umfänglichen historischen Arbeiten thun kann. Zwar haben die Juden Deutschlands in dem letzten dahingeschwundenen Menschenalter (von 1815—1845) denkwürdige, unvergeßliche Fortschritte auf verschiedenen Gebieten der Geiftesthätigkeit gemacht, die Kunde des jüdischen Mittelalters mit seiner Kultur und Literarur, das Verständniß des jüdischen Schrift- Ihums mit seinen vielfach verschlungenen Fäden haben manche Meister und Handlanger geweckt und angeregt, jedoch in der Kunst der Geschichtschreibung hat sich bei aller Geistesregsamkeit noch kein Nachfolger gefunden, und nicht einmal nennenswerthe Beiträge zur Geschichte der Juden, wenn man darunter nämlich das Verhältniß der Juden zu dem Staatsleben versteht, haben sich bei aller Schreibseligkeit der Neuzeit herausgestellt. Woher aber dieser Mangel an geschichtlichen Darstellungen, wird wohl mancher Leser dieser Blätter fragen? Wie ist die eigenthümliche Erscheinung zu erklären, daß bei der anerkannten tiefem Auffassung des jüdischen Lebens und der Thätigkeit des jüdischen Geistes in der Neuzeit, bei dem wahrhaft erstarkten Selbstbewußtsein, welches die Iudenheit Deutschlands in den letzten dreißig Jahren durchpulset und durchströmt, bei dem sich hingebenden Streben, von deutscher Bildung und Gesittung sich ganz durchdringen zu lassen und sogar aus der Religion, aus dem Kultus, alles das zu entfernen oder umzugestalten, was als Rest des Orientalismus sich festgesetzt, dennoch für die Darstellung des eigenen Strebens, des eigenen großen Geisteskampfes, Niemand sich bestimmt oder berufen fühlte? Wie kommt es, daß nicht einmal die jüdische Kulturgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts, die Geschichte.der Synagoge während dieser Zeit, die historische Darstellung des jüdischen Schriftthums in dem letzten halben Jahrhundert, ja nicht einmal einzelne Partien derselben (wie z. B. Geschichte des westphälischen Konsistoriums, Geschichte und Schicksale des Tempels in Berlin und Hamburg, Geschichte der Reformbewegungen u.s. w.) irgendeinen befähigten Bearbeiter gefunden? Die Lösung dieser für das Verständniß unserer neuesten Kulturgeschichte höchst wichtige Frage ist jedoch bei einer einfachen und unbefangenen Anschauung des jüdischen Lebens und Strebcns in den letzten Jahrzehnten nicht gar schwer. Trotz des allgemeinen Kulturaufschwunges der Juden seit dem Beginn unseres Jahrhunderts, trotz des Austauchens vieler mit kritischem und wissenschaftlichen Sinn begabten Geister, zieht sich doch durch alle Arbeiten der Juden jener Geist der Zersplitterung, der nur das Einzelne, das Specielle sieht, und alles was mit diesem nicht im Zusammenhänge steht, entweder gar nicht weiß oder so ganz und gar unberührt läßt, daß er es vergißt, wenn er es gewußt; oder besser, es fehlt jenes Zusammenwirken, jene organische Kulturentwickelung, die nur auf Vorhandenem immer fortbauet, aber nicht jedesmal den Bau von vorn anfängt. 9

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