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Der Orient · 1846-02-26 · Heft 9 (26.2.1846) · p. Seite 63

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Journal
Der Orient
Volume
7 (1846)
Issue
Heft 9 (26.2.1846)
Date
1846-02-26
Page
Seite 63 (sequence 5)
Language
German
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Bürgerpflichten in den Bundesstaaten verschafft und gesichert; werden könne"; jedoch die angeha'ngte-Klausel, daß bis zu dieser Berathung die Juden der intoleranten Willkür der einzelnen Bundesstaaten -übergeben sein sollen, hat jede-Aussicht vernichtet, da bekanntlich die Bundesversammlung ihre heilsamen Berathungen: seit 80 -Jahren noch immer nicht ausgenommen. Umsonst sprach der humane F ü r st v o n H a rdenberg sich eifrig für die Sache der Juden aus, umsonst machte er geltend,.„daß die Geschichte des letzten Krieges-erwiesen, daß die Juden des Staates, der sie.in seinen Schooß ausgenommen, durch treue Anhänglichkeit würdig geworden", die Reaktion siegte auch über - ihn, und die Juden mußten von Neuem in jedem Ländchen besonders sich, jedes Recht, --jeden Anspruch erkämpfen-und sind bis aus den heutigen Tag noch nicht am Ziele. Das innere Bewußtsein der Würdigkeit) der fast hundertjährige Umschwung in Sitten und/ Lebensweise, die völlige German'isirung der Juden und die Abstreifung jeder äußern Spur des Orientalismus sind auch die vorzüglichsten Güter, welche die Judengegenwärtig als Errungenschaft in dem Geiste Mendelösohn's ansehen, und dieses giebt ihnen den Muth, mit eiserner Ausdauer die bürgerlichen Rechte zu erkämpfen und die Hoffnung auf ein endliches Gelingen, und dieser Kampf und dieses Ringen bildet einen Theil der jetzigen Reformation des Judenthums. Wie in politischer, fo trat auch in dieser zweiten Periode gegen die religiöse Reformation eine Reaktion ein. Jede Reformbestrebuug und jeder Fortgang wurde planmäßig gehemmt, und man wird es später kaum begreifen können / wie Preußen 1823 den neuerrichteten Tempel mit Gesang und PredigtveMeten, wie es ihn den 3. März 1824 schließen könnte , wie es in Breslau und Königsberg durch Polizeigewalt die Reformation des Judenthums vernichten wollte, wie es nur auf den Einsall kommen konnte, Konfirmationen und-die Abhaltung von Leichenreden zu verbieten, und die deutsche Sprache als ein Majestäts-Verbrechen anzusehen. Der Berliner Rabbiner hielt einst eine kleine Leichenrede auf dem jüdischen Gottesäcker, Gensdarmen waren natürlich dabei, um darauf zu sehen und darüber zu wachen, daß es recht mittelalterich zuginge; allein trotzdem denuncirte ein Gensdarm, „daß er aus der Leichenrede viele rührende Phrasen verstanden und sie folglich deutsch gewesen sein müsse." Der Rabbiner konnte in der That nur dadurch der Strafe entgehen, daß der israelitische Vorstand ihm das Zeugniß gab, daß der Rabbiner kein deutsch verstehe. Ein Buchhändler kündigte in der preußischen Staatszeitung zwei jüdische Predigten an, wurde aber sofort zur Verantwortung gezogen, mit dem Bemerken, daß Juden keine deutschen Predigten haben dürfen. Die Juden haben endlich diese komische Reaktion besiegt. Auf den Provinziallandtagcn in Preußen, in allen konstitutionellen Kammern Deutschlands forderten die Juden und fordern noch eine vollständige Emancipation und freie Entwickelung ihrer religiösen Reform, und von einem Ende Deutschlands bis zum andern Hallen die Reden der Volksvertreter in dieser Beziehung wieder. Vieles haben die Juden feit jener Zeit nun allmälig wiedererobert, und die Geschichte der Emancipationsfrag'e in allen deutschen Kammern'und'aus den Provinziallandtagen stellt endlich heraus, daß ein langsamer Fortschritt vorhanden, dessen Ziel die. völlige Emancipation ist. Wichtiger für die Reformation des'Judenthums sind die seit jener Zeit sich entwickelnden Reformen im religiösen Leben, die trotz aller Hemmnisse von Seiten der Regierung mächtig eingriffen und alle Phasen des jüdischen Lebens durchdrangen. Seit 1818 wurde in Hamburg ein/Tempel eingerichtet, der während der Leipziger Messe in Leipzig eine Filiale har, Wien, Prag, Töplitz, Arad in Ungarn und andere Plätze -ahmten die Reform nach, und obgleich allgemein zugestanden wird, daß man gegenwärtig auch über diesen Standpunkt hinaus ist, so ist doch nicht minder allgemein anerkannt,/ daß diese Miniatur-Reform auch die Veranlassung zu weiteren. .Gestaltungen waren. Deutsche gute Predigt, Konfirmationen, das Erläüdtsein des Deutschbetens/die Synagogenmusik u. s. .w. sind Dinge, die bereits das allgemeine/-Bewußtsein durchdrungen, und es ist-fast keine Stadt, wo nicht mehr oder weniger, dergleichen Reformen Eingang gefunden. Mit dieser Reform erstand-in dieser Periode eine Wissenschaft des Judenthums, wodurch allein eine wahre-Reformation begründet werden kann, und dieser Wissenschaftdes jüdischen Alterthums allein ist es zu verdanken , daß' die - Flachheit der äußern Reformation, die Unwissenheit der bisherigen Führer, die Oberherrschaft der leidigen Aufklärern und-das verwerfliche Princtp der Bequemlichkeitssucht, in ihrer Nichtigkeit allgemein erkannt -werden. Durch diese Wissenschaft erhält die Gegenwart erst. ihregeschichtliche Berechtigung, und da ausder ^vorigen Zeit noch die Unwissenheit, die Oberflächlichkeit hineinragt, so ist der gegenwärtige Kampf im Jüdenthume in der religiösen Reformation nur ein Kamps zwischen der Unwissenheit und der-Wissenschaft, zwischen dem Prineip und der Principlosigkeit. Bei diesem Kampfe der Gegensätze stehen wir auf dem Boden -der neuesten Bewegungen. - Am 8. Januar 1844 erschien eine öffentliche Aufforderung an alle Rabbiner Deutschland, sich zu versammeln, um gemeinsame ' Berathungen über alle jüdischen Angelegenheiten zu pflegen; aber diesem Aufrufe folgten nur 25° Rabbiner, und zwar die unbedeutensten, weil das Prineip, welches diese Versammlung leitete, das der hierarchischen Bestrebungen und' der Ausschließung aller Wissenschaft war. Die erste Versammlung dauerte vom 11.—19.' Juni 1844 und die wichtigsten Resultate waren die Aufhebung des Eides more judaico und die Bestätigung der Beschlüsse des Sanhedrin; aber selbst dieses geringe Resultat, das großentheils schon ohne die Rabbinervers. seine Geltung hatte, wurde durch den Gegensatz aufgehoben, indem 116 Rabbiner dagegen protestirken. Noch wirkungsloser .fiel die zweite Nabbinerversammlung in Frankfurt'a. M. aus, die im Juli vorigen Jahres abgehalten wurde, welche die Berathungen noch mehr als früher aus Abwege führte / und der ' 9 * ' -

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