Der Orient
- Journal
- Der Orient
- Volume
- 7 (1846)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1846)
- Date
- 1846-01-29
- Page
- Seite 30 (sequence 3)
- Language
- German
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- 30 - Präparanten, wenn auch nicht als Seminaristen doch als Hospitäillen zuzulassen, um sich auf diesem Wege für das Schulamt zu ertüchtigen, seit einiger Zeit aber werden sie vom Hospitiren zurückgewiesen, und die künftigen Jugenderzieher, an welche die Negierung dieselben Be-.. dingnngen zur Befähigung für das Schulamt', ja vielleicht noch größere als an die christlichen stellt, stehen ohne' Anleitung für ihre so hochwichtige Carrierc, ihrer eignen Ausbildung überlassen. Welche Nachtheite eine solche autodidaktische Methode und welche schädliche Rückwirkung sie auf die Schulen, unb dann in weitern Kreisen auf den Bildungszustand überhaupt nach sich zieht, ist einleuchtend. Was aber that die Posuer Gemeinde zur Hebung dieses Nebels? Hat sie eine Aufforderung au die Gemeinde ergehen lassen, ein jüdisches ' Lehrerseminar zu instituiren? oder hat sie auch nur bei den Behörden Schritte' gettycm, wie z. B. die Gnesner ° Gemeinde unter ihrem wackern, verdienstvollen Vorstande M. Russak, den jüdischen Hospitanten die Klaffendes > Seminars wieder zu öffnen? Keines von Beiden ist geschehen, ja kaum weiß ein geringer Thal der Gemeinde, daß so etwas vorgegangen ist; sie sind unbekümmert darum, woher sie künftig ihre Lehrer beziehen werden. Herr Plessuer, der sich immer mehr in kabbalistische Gewebe einspmnt und seine Zuhörer mit Visionen erbaut, sollte lieber auf diesen Uebelstand Hinweisen und der Gemeinde überhaupt ihre Theilnahmlosigkeit für jüdische Interessen in ernster Rüge' Vorhalten, da er doch der e i nz ig e ist, der bei dem Volke noch etwas Geltung hat. — Da haben Sie die zweite große Gemeinde Lissa, die noch'von den Remiiuseenzen ihres'ehemaligen Flors lebt. Sie mäg'o nicht 'glauben,' ba{5* sie an'echter, gesunder Bildung und' Gesittung mancher kleinen Gemeinde nachsteht, trotz dem, daß in ihrer Ressource bei außerordcnilichen Gelegenheiten Tr efa gespeist wird. Ich will hier nicht ans ihre affcnmäßige Nachahmungssucht .dingehen, die so weit geht, daß die Berliner Reform in ihrer Mitte kopirt lverden sollte, welche skandalöse Geschichte durch einen Berliner Emissär angeregt, dem ehrwi'irdigenVice-Rabbiner (p rro u/tn) das Leben gekostet hat. Seit dem Tode dieses frommen Mannes ist das Rabbinat erledigt und die Lissaer fangen jetzt an, neben dem übertriebenen Luxus auch der Besetzung des Rabbinats ihr Interesse zuzuwenden. Wie natürlich differiren die Ansichten über den Charakter ihres künftigen Seelsorgers in ihren weitesten Distanzen. Während die Einen eilten Talmudgelehrten wünschen, der womöglich ihrem letzten Heros , den NUN überragen soll, schwärmen Andere für einen Rabbiner, der dieR.-V. noch an Irreligiosität übertreffen soll. Viele sind von dem Wunsche beseelt, dem edlen Hirsch aus Emden das Rabbinat anzuvertraucn; allein so sehr auch die rabbinische Wirksamkeit dieser ansgczcichneten Persönlichkeit von dem besten Erfolge in unserer Provinz sein'möchte, so würde dieselbe doch innerhalb bet Gemeinde auf allerlei Hemmnisse stoßen. — Die Feder sträubt sich ein Bild von der pöbelhaften Anordnung in der Synagoge zu entwerfen. Da ist ein Nennen von einer Stelle zur andern, da ist dir Geschnatter während des Gottesdienstes über Tagesbegebenheiten, über Vergnügungspartien, über per- sönliche Medisauce. Auch die jüdische Elementarschule läßt trotz ihrer acht Lehrer, unter denen sich mancher Pädagog sindet, unter andern der Oberlehrer Bernh ard, vieles zu wünschen übrig / deren Wirksamkeit durch ihren, christlich en Direktor der Schule vielfach gehemmt wird. Da haben Sie die Gemeinde in Kr o losch i n, welche eine schöne ncuerbante Synagoge erst jüngst eingeweiht und neue Synagogeuordnuug eingeführt hat. E§ geht aber der Gemeinde wie einem reichen Parvenü, der sich in höhmr Zirkeln bewegen soll, das linkische Wesen und der Mangel an Touruure verräth sich bei jeder Bewegung. Verdient das edle Streben dieser Gemeinde die ansprechendste Form aus dem Liturgie-Modus der gebildetsten Gemeinden für ihre Synagoge zu entlehnen Anerkennung, so trägt ihre SynagoZenordnung doch zu sehr den Stempel der Willkürlichkeit und scheinbarer Illegalität , wogegen einige skrupulöse Orthodoren bei dem landräthlicherr Amte Beschwerde erhoben, das seine Inkompetenz irr diesem Punkte einsohend, sich von Geiger ein gutachtliches Votum darüber ausbat, wogegen wieder die fromme Gemeinde protestirt hat. Alle diese Lappalien gaben Veranlassung zu 'mehreren Korrespondenzartikeln in der Breslauerin. Das Bedürfniß nach einem rabbinischen Oberhaupte, welcher der früher in kleinen Synagogen zersplittert gewesenen Gemeinde die rechte Einheit bringen soll, stellt sich immer mehr heraus, und tragen die kleinlichen Zänkereien der beiden dortigen Dajanim, die ihrem Privathaß auf eine rohe Weise Luft machen, nicht wenig dazu bei, der Gemeinde einen akademisch-gebildeten Rabbiner wünschenswerth zu machen. Auch der Wunsch nach einem geordneten Chor, der sich in der Majorität" der Gemeinde taut auSsprrcht, kann nur unter der Aegide eines Rabbiners realisirt werden. Die jüdische Elemciitarschulestehtiiicht im besten Rufe. Ich weiß nicht, ob der Unachtsamkeit des Dirigenten, oder der Unbekümmertheit der Schnlvorsteher die Schuld znzmnessen ist. — Erfreulicheres läßt sich schon von der Gnesner Gemeinde berichten, welche unstreitig die beste Elementarschule besitzt, geleitet von dem sehr tüchtigen Oberlehrer Steuzel. Eine prachtvolle im neuesten Style gehaltene Synagoge ist jetzt im Bau begriffen und ist der Gemeinde ein, einer solchen Synagoge und Schule ent-! sprechender Rabbiner zu wünschen. — Von den kleinen Gemeinden, 'in denen ein besserer! Geiste und Sinn für das Gedeihen des Zeitgeschmackes und desZeitbewußtseius herrscht nenne ich nächst Wöllstein, die ihre Sympathieen für das Interesse der Bildung